Die Augsburger Nacht stinkt wie Schimmel

Zwischen Hochgefühl der Macht und Konflikttraining – Türsteher in Augsburg

Nach sieben Jahren als Türsteher in Augsburg hat Steven* die Schnauze voll von seinem Job. Der Biorhythmus habe sich über die Jahre völlig verändert. Ständig sei er müde. Seine Freunde attestieren dem 25-jährigen immer häufiger, er sehe längst aus wie 30.

Von Christopher Große

Wächter der Augsburger NachtZwischen Hochgefühl der Macht und Konflikttraining – Türsteher in Augsburg

Nach sieben Jahren als Türsteher in Augsburg hat Steven* die Schnauze voll von seinem Job. Der Biorhythmus habe sich über die Jahre völlig verändert. Ständig sei er müde. Seine Freunde attestieren dem 25-jährigen immer häufiger, er sehe längst aus wie 30.
„Der Job macht dich fertig. Alle denken immer, du stehst nur die ganze Nacht rum, aber die körperliche Belastung ist enorm. Und psychisch gehst du völlig kaputt. Ich brauche, wenn ich morgens endlich in meinem Bett liege, mindestens eine Stunde, bis mein Kopf zur Ruhe kommt. Überall sehe ich Gesichter.“ Zwar hat Steven sich neben seinem Studium ein deutschlandweit tätiges Sicherheitsunternehmen aufgebaut, doch lange will er nicht mehr Nacht für Nacht Gesichtskontrollen vor Augsburger Clubs durchführen müssen. Als er mit 18 damit begann, machte ihm sein Nebenjob Spaß. Er hatte Freude daran, viele Menschen kennen zu lernen, kannte auch rasch alle Größen des Augsburger Nachtlebens, und genoss es, dass sie ihn kannten. Ein Phänomen, dass Steven bei seinen überwiegend studentischen Mitarbeitern noch immer beobachten kann: „Am Anfang bekommt jeder einen Höhenflug.“ Inzwischen ist Steven ernüchtert. Die latente Ahnung, früher oder später könne auch ihm während seiner Arbeit etwas Ernsteres zustoßen, hat ihn nachdenklich werden lassen. Auch seine Leistungen in der Uni leiden. Studieren kann Steven nur nachmittags. Allem Pragmatismus bei der Erstellung seiner Stundenpläne zum Trotz benötigt er nach drei Nachtschichten in Folge inzwischen zwei Tage zur Regeneration. Der Spaß, abends mit Freunden wegzugehen, zu trinken und zu tanzen, ist ihm bereits vor langer Zeit vergangen. In einer Disko oder einem Club, wo alle anderen Gäste locker werden und sich vergnügen, steht der Türsteher unter Dauerspannung, weil er sich vom Gefühl nicht frei machen kann, im Dienst zu sein. „Heute bin ich spießig und froh, wenn ich einen Abend ganz in Ruhe vorm Fernseher verbringen kann. Natürlich gebe ich mir auch noch ab und an die Kante. Aber ich versichere dir: Wenn ich einen Abend richtig gesoffen habe, bin ich fitter, als wenn ich einen Abend Stress an der Tür hatte.“ Seine Arbeit erwies sich auch sonst als wenig zuträglich für ein harmonisches Privatleben. „Bislang ist noch jede meiner Beziehungen am Job gescheitert. Keine Frau hält solche Arbeitszeiten aus.“ Seit seine Eltern erfahren haben, womit er sein Geld verdient, versagen sie ihm die finanzielle Unterstützung. Grundsätzlich sei es ihm „völlig egal“, was man von ihm denke. Jedoch kennt auch er die gängigen Klischees, die viele seiner Gäste von Türstehern haben. „Einer großen Anzahl von Türstehern geht es in erster Linie darum, Macht auszuspielen und die Frauenwelt zu erobern,“ bestätigt der 27-jährige Mathematikstudent Lothar*, der einen Sommer vor einem Augsburger Club als Türsteher gearbeitet hat, weil er die lauen Nächte in seiner Dachwohnung nicht mehr länger ertrug. Richtigen Ärger gab es während dieses halben Jahres kaum. Nicht ein einziges Mal sei er angegriffen worden, nicht einmal habe er sich prügeln müssen. „Entscheidend ist, dass du den Gästen eine klare Grenze aufzeigst.“ Er stellt sich auf die Schwelle des Eingangs. „Mach‘ ihnen klar: Bis hierhin und nicht weiter.“ Lothar weiß, dass viele Türsteher nicht ruhig bleiben können, wenn sie lange genug von einem aggressiven Gast angepöbelt werden. Außerdem sähen es die Inhaber vieler Clubs nicht gerne, wenn sich ein Türsteher derart passiv verhalte. Doch man müsse es durchstehen, die Beschimpfungen über sich ergehen lassen. „Du darfst dich nicht provozieren lassen, und vor allem darfst du niemals einen wütenden Betrunkenen anfassen.“ Denn dann eskaliere die Situation meist. Und besonders dürfe man sich nicht auf eine Schlägerei vor dem Club auf der Straße einlassen. Dort endet das Hausrecht der Türsteher – und das wissen auch viele Gäste. Steven, selber Jurastudent, bestätigt: „Jura-Studenten sind die schlimmsten Gäste – neben den Geisteswissenschaftlern, das sind alles kleine Revoluzzer, die dir was von ihren Freiheitsrechten erzählen wollen.“ Eine unbedachte Äußerung, eine kurze Rangelei, und der Türsteher findet sich vor dem Kadi wieder. Daniel*, 30 Jahre alt und Chef des Sicherheitsdienstes eines Augsburger Clubs, fühlt sich von der Justiz vorverurteilt: „Früher ging es um Notwehr. Heute heißt es in der Anklage gleich Beleidigung und Körperverletzung.“ Der Türsteher stehe von Vornherein als Täter fest. Einen Abend lang, wünscht er sich, solle sich ein Richter neben ihn stellen, um live mitzuerleben, wie sich das Klima an der Tür verändert habe. Nur noch wenige der oft jungen Gäste bringen ihm einen Rest an Respekt entgegen. Dabei lasse er in Ruhe über Vieles mit sich reden. Doch einer wachsenden Zahl von Jugendlichen gehe es alleine darum, die Türsteher zu provozieren. Steven ruft mittlerweile die Polizei und zeigt die unflätigsten Pöbler an. Die Stimmung an der Tür wird gereizter, die Gäste aggressiver. Auf das Durchgreifen der Ordnungsmacht können sich die Türsteher immer weniger verlassen. Und immer mehr Gäste trinken über ihren Durst. Vor allem Mädchen überschätzen dabei zunehmend ihre Trinkfestigkeit. Steven hat sich daran gewöhnt, ohnmächtige Damen von den Toiletten ins Freie zu tragen. „Die Frauen saufen ohne Ende: Dass wir einen Krankenwagen holen mussten, gab es früher nie. Heute passiert das drei Mal pro Woche.“ Stevens Frauenbild hat sich durch die Arbeit drastisch verändert. Unmoralische Angebote von knapp bekleideten weiblichen Gästen erhält er regelmäßig. „Viele Frauen sehen den Türsteher als Beschützer. Die Jungs sind gut gebaut und machen auf Macho. Eigentlich sind sie aber liebe Kerle, die auf Himbeeren mit Sahne stehen,“ so die 25-jährige Ann-Kathrin, Soziologie-Studentin aus Augsburg. Steven wertet viele der flüchtigen Flirts als plumpe Versuche seiner weiblichen Kundschaft, das Eintrittsgeld zu sparen. In den übrigen Fällen erfährt er nicht selten, dass seine nächtlichen Verehrerinnen sich eigentlich in festen Händen befinden und lediglich auf der Suche nach etwas Spaß sind. Mittlerweile fällt es ihm schwer, Vertrauen zu Frauen aufzubauen: „Irgendwann denkst du, es gibt nur noch Schlampen.“ Arbeit und Privates trennt er zudem strikt: „Ich habe noch nie im Leben eine Tussy von der Tür nach Hause abgeschleppt.“ Und dann fügt er nach kurzem Grübeln hinzu: „Glaubst du etwa, ich hab auf sowas um sechs Uhr morgens nach neun Stunden Arbeit noch Lust?“ Daniel nippt während der Arbeit an einer Flasche Cola light und beißt ab und zu in einen Latte Macchiato-Energieriegel. Alle Clubs können heute an Wochentagen nur noch mit Rabatten und Freigetränken Publikum locken. Daniel arbeitet nicht gerne, wenn beim Tanzen Cocktails oder Longdrinks zu Spottpreisen ausgeschenkt werden. „Je mehr im Laden gesoffen wird, desto mehr Ärger haben wir dann auch hier draußen.“ Daniel begreift es als seine „Pflicht als Mitarbeiter eines Dienstleistungsbetriebs, mit dem Kunden zu reden und ihn zu informieren“. Dass er dabei weitgehend auf Unverständnis stößt und in den Augen vieler „den Deppen spielen muss“, nicht selten sogar als Rassist oder Nazi beschimpft wird, darf den gebürtigen Rumänen nicht stören. Als Chef an der Tür hat er darauf zu achten, dass „die Mischung im Laden stimmt“. Dabei müssen für ihn als „einzige Kontrollinstanz“, wie er es nennt, nicht nur Kriterien wie Geschlecht und Alter, sondern eben auch Kleidung oder die ethnische Herkunft seiner Gäste eine Rolle spielen, damit aus einer ausgelassenen Party nicht rasch ein nur noch schwer zu kontrollierendes Pulverfass wird. „Es gibt bestimmte Gruppen, die solltest du nicht zusammen im Laden haben. Sonst machen sie Stress“, erläutert Steven. Dieses Argument hat auch Fehmi, seit 15 Jahren Ausländerbeirat der Stadt Augsburg, häufig gehört. Doch kennt er ebenfalls die regelmäßigen Klagen ausländischer Jugendlicher über den latenten Rassismus einiger Türsteher: „Nur aufgrund deines Aussehens aussortiert zu werden, ist schlimm, das tut wirklich weh. Wir haben das Jahr 2005, und du hörst: ‚Nur für Stammkunden‘ oder ‚Du passt hier nicht rein‘. Sich ständig als Bürger zweiter Klasse zu fühlen, ist absolut frustrierend.“ Durch die Erfahrung permanenter Ablehnung steige die Anspannung junger Ausländer. Deren Hang zur Gewalt monieren andererseits viele Türsteher. Nach 24 Jahren in Deutschland äußert sich Fehmi verständnisvoll: „Die Türsteher machen auch nur ihren Job. Ausländische Jugendliche treten meist in reinen Männergruppen auf. Dann verhalten sie sich ganz anders als einzeln. Ich fordere sie immer wieder auf, sich stärker an die hiesigen Gegebenheiten anzupassen.“ Ihr Ehrgefühl und Frauenbild unterscheide sich stark von mitteleuropäischen Vorstellungen: Das sorgt für Zündstoff. Stevens Angestellter Ivan* kennt die Vorurteile einiger Türsteherkollegen: „Es ist schade, dass ein Paar schwarze Schafe dafür sorgen, dass man ein negatives Klischee hat.“ Denn grundsätzlich gibt es nicht mehr Ärger mit ausländischen als mit deutschen Gästen, wie Steven festhält: „Jeder, der getrunken hat und hier an die Tür kommt, kann potenziell durchdrehen. Das bleibt immer ein Stück weit unberechenbar.“ Daniel hat seine dunklen Lederhandschuhe immer griffbereit: „Gewalt ist das letzte Mittel.“ Für die Türsteher, in Selbstverteidigung und Konfliktlösung regelmäßig geschult, bedeutet das jedes Mal eine Ausnahmesituation, in der ihnen schnelles und vor allem konzertiertes Handeln abverlangt wird. Augsburg sei mit Sicherheit bei Weitem nicht so gefährlich wie Frankfurt oder Berlin.
Dennoch hatte Daniel während seiner diversen Türsteherjobs zwischen Stadtbergen, Friedberg und der Maximilianstraße häufig genug das zweifelhafte Vergnügen, mit den weniger umgänglichen Gestalten des Augsburger Nachtlebens nähere Bekanntschaft zu schließen: „Wenn man sich etwas umschaut, sieht man genug Kriminalität. Augsburg bei Nacht ist keine Frühlingswiese mit blühenden Blumen. Augsburg bei Nacht stinkt wie Schimmel.“ Zwar gilt Bayern noch immer als weniger heißes Pflaster. Trotzdem denkt Steven nach jedem weiteren Angriff auf einen seiner Mitarbeiter darüber nach, sie mit  schuss- und stichsicheren Westen auszustatten. Daniel resümiert: „Ich habe auch viel Glück gehabt.“ Die drei Stichwunden an Kopf, Schulter und Ellenbogen sind für ihn Erinnerung und Mahnung, dass es bei seinem Job nicht zuletzt auch um die eigene Sicherheit geht.

(* Namen von der Redaktion geändert)

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