Ledrige Pommes gab es schon immer

Damals an der Uni: Als mutige theologische Würste den Aufstand probten
Ein kleiner beschaulicher Campus, familiäre Atmosphäre und nahezu optimale
Betreuungsverhältnisse. Eine Insel in einem Meer von Bäumen, auf der Studenten und Professoren Hand in Hand von Seminarraum zu Seminarraum hopsen.

Von Philipp Zanklmaier

Damals an der Uni: Als mutige theologische Würste den Aufstand probten
Ein kleiner beschaulicher Campus, familiäre Atmosphäre und nahezu optimale
Betreuungsverhältnisse. Eine Insel in einem Meer von Bäumen, auf der Studenten und Professoren Hand in Hand von Seminarraum zu Seminarraum hopsen.
Zwar ziert eine die Tränendrüsen belastende schwarz-gelbe Farbkombination die Räume; das aber ist Lehrenden und Studierenden egal. Denn ein Blick aus dem Fenster über das weite Grün reicht, um wieder Heiterkeit einkehren zu lassen. Ja, das ist die Universität Augsburg. Genauso wie sie in den Köpfen derer existiert, die vor etwa dreißig Jahren hier studierten. Nur mit dem Bus ging’s damals zur Uni, die Trambahn gab’s noch nicht. Gegenüber vom Unikum, dort, wo heute der große Römerhelm steht, sonnten sich früher die Studenten und spielten mit ihren Professoren Fangen. Überhaupt war der ganze Platz hin zur Stephanuskirche und zum „Guten Hirten“ noch nicht bebaut. Bevor das Gebäude der heutigen Mensa im Mai 1983 in Betrieb genommen wurde, gab es lediglich die heutige Alte Cafete als Ort der Essensausgabe. Toll war’s immer freitags. Dann wurde die Uni so richtig international. Auf dem Teller fand sich dann die „Wochenschau“, will heißen, die übrig gebliebenen Vorräte der vergangenen Woche, verpackt als Nasi Goreng-Menü. In der Beilagenauswahl – wie auch heute noch – die guten alten, faden Pommes. Prompt kam es dann auch zum berühmten Mensastreik, der allerdings nichts mit dem mangelnden Feingefühl der Mensaköche zu tun hatte. Für das Essen gab’s anno dazumal ebenso viel Beifall oder Abneigung wie heute. Der Grund war vielmehr eine Preiserhöhung. Beim Protest war von den damals vorhandenen drei Fakultäten die Theologische am aktivsten. Mit dem Segen Gottes ausgestattet und überzeugt davon, dass man so eine Willkür nicht einfach hinnehmen könne, beschlossen die Studenten zumindest symbolische Missbilligung zu zeigen. Das hieß, man ließ die Molotov-Cocktails zu Hause und nahm stattdessen Würstel mit. Zwei Tage lang, bei Kälte und Hitze, und manchmal auch beidem zugleich, verteilten die Studenten die Würstel vor der Mensa. Das Studentenwerk, welches für das verteuerte Essen verantwortlich war, versuchte im Gegenzug die Notwendigkeit dieses Eingriffs in die studentischen Grundfreiheiten zu verteidigen. Die Studenten ließen sich jedoch nicht beirren und machten weiter. Solange, bis alle Wiener weg waren. Ab dann wurde es immer stiller vor der Mensa. Traurig schluckten die Studenten dann die letzten Happen des billigen Essens hinunter, bevor eben jenes zu Grabe getragen wurde und das neue Luxusessen Einzug erhielt. Die kleine Übung in Sachen Hochschuldemokratie war damit, im wahrsten Sinne des Wortes, gegessen. Aber wer weiß, hätte man statt Würstel Bier genommen, vielleicht wären es dann mehr Anhänger geworden. Damals ging’s um Pfennigbeträge, heute geht’s mit den  Studiengebühren um Hunderte von Euro. Eigentlich müssten da die Studenten gerade so auf die Straße rennen. Aber Gestern ist eben nicht Heute, und noch unpolitischer zu sein als die Masse der heutigen Studenten, das ist fast nicht möglich. Dass das nicht für alle Studenten gilt, zeigen die noch immer währenden Streitigkeiten zwischen Asta und RCDS. Diese politischen Meinungskämpfe haben die Zeit überdauert. Allerdings gibt’s heute keinen Sozialistischen Studentenbund mehr, stattdessen haben wir jetzt die Grünen (was nicht heißen soll, dass aus dem Einen das Andere wurde). Wenn auch dem Asta von heute vielleicht etwas von seiner 68er Mentalität verloren gegangen ist, so hat er doch im Vergleich zu damals in einem Punkt dazu gewonnen, nämlich die Fähigkeit, Partys auf dem Campus zu schmeißen. Und so kommt’s, dass zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten, dort wo früher Studis nur aufs Lernen schauten, heute der ein oder andere Cocktail gekippt wird. Trotz der überfüllten Seminarräume der Gegenwart hat doch die heutige Uni Augsburg den ein oder anderen Vorzug im Vergleich zu früheren Zeiten. Gut, die ledrigen Pommes gibt’s auch heute noch, aber die vielen bunten Wände sind neu. Also trauern wir den alten Zeiten nicht nach, sondern freuen uns statt dessen auf unser mittägliches Putenschnitzel „Stroganoffer Art“ an einer leichten Thunfisch-Quiche mit Salat.

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