Tötet Sweety

Die Menschheit rühmt sich ihrer technischen Innovationen, vergibt hochdotierte wissenschaftliche Auszeichnungen, und meint, die Komplexität der interpersonalen Kommunikation vollständig erfasst zu haben.
Doch weit gefehlt…

Von Tamara Bianco und Dominik A. Hahn

Die Menschheit rühmt sich ihrer technischen Innovationen, vergibt hochdotierte wissenschaftliche Auszeichnungen, und meint, die Komplexität der interpersonalen Kommunikation vollständig erfasst zu haben.
Doch weit gefehlt
Unbemerkt von aller Forschung sabotiert ein kleines digitales Küken die über Jahrzehnte herausgebildeten wissenschaftlichen Kommunikationsmodelle. Hatte in den 1930er Jahren das sogenannte S-O-R-Modell (Stimulus-Organism-Response) die vorherrschende Meinung des kausalen Zusammenhangs von Kommunikationsprozessen revolutioniert und dafür gesorgt, dass man sich in den folgenden Forschungsdekaden hauptsächlich auf die wichtige Rolle individueller Meinungen und Einstellungen von Menschen beim Austausch von Informationen konzentrierte, so stellen die „Klingelton-Spezialisten“ von Jamba die gängigen Lehrmeinungen auf den Kopf. Die Forschungsteams des Unternehmens kultivieren mit unerbittlicher Akribie das überkommene R-R-Modell (frei nach den Autoren: Reiz-Reaktion). Dies unterscheidet sich von S-O-R darin, dass es davon ausgeht, dass auf einen Reiz unmittelbar eine Reaktion erfolgt: unter Ausschluss der genetischen, biografischen und intellektuellen Kontexte des jeweiligen Menschen. Damit macht die virtuelle Dudelbude Kasse. Der Erfolg digitaler Klingelton-Helden wie Figaro und Tweety zeigt, dass der Mensch wohl doch einfacher gestrickt ist, als bisher angenommen. Und wieviel einfacher! Feldbeobachtungen fördern ein schockierendes Ergebnis zu Tage. Der Homo sapiens verwandelt sich beim Hören eines Klingeltons in seinen Artverwandten, den Homo heidelbergensis. Dieser zeichnet sich durch sein simples Reaktionsschema aus: Auf den Reiz (=Klingelton) folgt unmittelbar die Reaktion (=Faustschlag).   
Es gilt:  Klingelton=Aggression[hoch]n wobei n=Nervfaktor Klingeltonfigur

Man stelle sich also folgendes Szenario vor: Ein romantischer Abend mit der/dem Liebsten auf der Couch. Allmählich geht es ans Eingemachte, die zwischenmenschliche Kommunikation wird intensiviert, als plötzlich das Handy aktiviert wird, und ein kleiner Proll wütend kreischt: „Hey, Aldaaaaaaa! Dein Handy klingelt!!!“ Kommunikation wird zum Liebestöter. Deshalb gilt: Lass Tweety in der Hose, wenn du was Anderes rausholen willst.

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