Unvereinbar und nichtig – von Roben und Dienstfeuerzeugen

Die Robe sitzt perfekt. Winfried Hassemer, Vizepräsident des
Bundesverfassungsgerichts, verkündet mit stoischer Ruhe und in
leuchtendem Rot das Urteil: "… in Verbindung mit Artikel 72 Absatz 2
des Grundgesetzes unvereinbar und nichtig."

Danach ist nichts wie es war, und keiner versteht mehr sein eigenes
Wort. Hassemers erhabenes Antlitz, liebevoll auf eine Leinwand
projiziert, beginnt zu beben. Unvorstellbare, nie dagewesene
Freudenszenen spielen sich ab. Ganz Augsburg liegt sich in den Armen.Von C. Große, J. Retterath, P. Zanklmaier

Die Robe sitzt perfekt. Winfried Hassemer, Vizepräsident des
Bundesverfassungsgerichts, verkündet mit stoischer Ruhe und in
leuchtendem Rot das Urteil: "… in Verbindung mit Artikel 72 Absatz 2
des Grundgesetzes unvereinbar und nichtig."

Danach ist nichts wie es war, und keiner versteht mehr sein eigenes
Wort. Hassemers erhabenes Antlitz, liebevoll auf eine Leinwand
projiziert, beginnt zu beben. Unvorstellbare, nie dagewesene
Freudenszenen spielen sich ab. Ganz Augsburg liegt sich in den Armen.
Der Toningenieur des ZDF heute-journals greift hektisch nach den
Reglern seines Aufnahmegeräts. Der Kameramann bemüht sich redlich, den
tosenden, schier unendlichen Applaus einzufangen. Der
Albertus-Magnus-Hörsaal der Augsburger Universität gleicht einem
Tollhaus. Die ersten Studenten verlassen jubelnd und jauchzend das
Auditorium. Schon wenige Augenblicke später wird sich die frohe
Botschaft wie ein Lauffeuer auf dem Campus verbreitet haben.
Nur ein paar wenige Ewiggestrige wollen die kollektive Freude nicht
ganz teilen. In einem Anflug spontaner Unsolidarität stolpert ein
Mitglied des AstA zum Mikrofon. Entrückten Blickes wischt er sich die
Schweißperlen vom Gesicht und versucht verzweifelt, sich Gehör zu
verschaffen. Sein Blick schweift über die Masse der Unwissenden,
während er stottert: "Ich wollte nur noch mal drauf hinweisen, …".
Im selben Moment, 60 Kilometer weiter östlich. Auch die Münchener
Salvatorstraße bebt. Auf dem Dach des bayerischen Bildungsministeriums
zündet der Hausmeister mit seinem weiß-blauen Dienstfeuerzeug die
ersten Feuerwerksraketen. Goppel und Co. lassen die Korken knallen. Der
Staatsminister ist sich noch nicht ganz sicher, worüber er sich an
diesem Jubeltag mehr freuen soll: Die stümperhafte
Bundesbildungsministerin endlich niedergerungen zu haben oder über die
vorbildliche Weitsicht seiner zahlungswilligen schwäbischen Studenten.
Mit den Abendnachrichten wiederholt sich der Augsburger Beifallssturm
millionenfach auf bundesdeutschen Mattscheiben, während der größte Sohn
der Stadt einsam in seinem Berliner Grab rotiert. Die Augsburger
Studentenschaft hat sich an diesem denkwürdigen Tag von ihrer besten
Seite präsentiert. Ihre Kommilitonen im Rest der Republik sind fürs
Erste von diesem revolutionären Schachzug überrumpelt.
Unterdessen ist in Augsburg die anfängliche Euphorie 15.000-fachem
Wehklagen gewichen. Tränen ergießen sich wie Sturzbäche über einen
Haufen Unverzagter, der fieberhaft rote Fahnen bepinselt. Einige
Professoren rufen zu zivilem Ungehorsam auf, ziehen es dann aber vor,
sich in einem nahem Weinlokal ins Delirium zu saufen. In München sucht
Staatsminister Goppel vergeblich nach dem kleinen goldenen Schlüssel
zur Schublade, in der sein Gebührengesetz neben einem vergilbten
Faltlhauser-Porträt schlummert.

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