Wenn die Eltern kommen

Oh mein Gott, sie kommen! Ein Mann und eine Frau in schwarzen Anzügen marschieren erbarmungslos auf dich zu. Du willst rennen, fliehen, schreien. Bist aber vollkommen zur Salzsäule erstarrt. Kurz bevor dir die zwei ihre GEZ-Ausweise vorzeigen können, siehst du ihre wahren Gesichter: deine Eltern!

Von Tamara Bianco und Dominik Hahn

Oh mein Gott, sie kommen! Ein Mann und eine Frau in schwarzen Anzügen marschieren erbarmungslos auf dich zu. Du willst rennen, fliehen, schreien. Bist aber vollkommen zur Salzsäule erstarrt. Kurz bevor dir die zwei ihre GEZ-Ausweise vorzeigen können, siehst du ihre wahren Gesichter: deine Eltern!

Schweißgebadet, mit klopfendem Herzen und dröhnendem Schädel sitzt du kerzengerade im zerzausten Bett. Alles nur ein Traum? Oder doch nicht? Ein Blick auf dein klingelndes Handy genügt und lässt dich mit dessen Reminder-Funktion nochmals für kurze Zeit ungeduscht durch die Hölle gehen. Heute kommen Mama und Papa zu Besuch! Hilft ja alles nix, also ohne Dusche in die Kleidung vom Mo’Town-Besuch geschlüpft und ab zum Bahnhof. Eine Minute vor Ankunft der Erzeuger kommst du abgehetzt am Gleis 801 an und setzt dein strahlendstes Sonntagslächeln auf. In Erwartung eines perfekten Tages blicken dir deine Eltern und deine kleine nervige Ich- will-jetzt-ein-Eis-Schwester tief in die Augen. Schluck…Aber kein Grund zu verzagen, einfach Presstige fragen! Wir zeigen dir, wie du deine Eltern den ganzen Tag beschäftigen kannst, ohne sie ein einziges Mal in deine Bude zu führen!
10.02s.t.    Nach dem üblichen „Bist du aber dünn geworden! Isst du auch genug, mein Kind???“ -Geplänkel geht es endlich zum ernsten Teil des Tages. Schließlich warten 2000 Jahre Augsburger Geschichte darauf, von euch erkundet zu werden. Also keine Müdigkeit vorschützen und auf zum ersten Checkpoint: Einen malerischen Ausblick anderer Art bietet das eben in Renovierung befindliche Schaezlerpalais. Der Prunkbau aus dem 18. Jahrhundert beherbergt das ein oder andere Prachtstück alter Barockmeister wie zum Beispiel  Rembrandt. Vollständig werden die darin beheimatet Deutsche Barock- und Staatsgalerie und die Stiftung Haberstock erst wieder Anfang 2006 zu sehen sein. Apropos Brand: Du eilst kurz zum Herkules-Brunnen und löschst deinen unerquicklichen Nachdurst. Neben den Ölschinken für die Mama erfreut Dich selbst die royale Bauweise des Hauses. Fand der Kir Royal gestern doch Deine ungeteilte Aufmerksamkeit…
12.00c.t.    Deine innere Uhr sagt dir, dass es Zeit für das tägliche Anti-Kater-Frühstück in der Mensa ist. Doch kurz bevor du instinktiv in die 3er steigen willst, erinnern dich deine Kreateure durch ihren lauten Protest an ihre Anwesenheit. Daher kommt Plan B zum Einsatz: Mittagessen im Zeichen der Kultur! Was wäre dafür besser geeignet als das älteste Gasthaus der Stadt? Der „Bauerntanz“ in der Altstadt ist seit 1572 eine feste Größe, wenn es ums leibliche Wohl geht. Direkt an der Komödie gelegen, bietet es urige Schmankerl in historischem Ambiente.
14.00c.t.    Wer verdauen will muss (saufen, äh natürlich) laufen. Das beste Mittel dafür ist eine ausgedehnte Museumstour. Gleich hinter dem Dom lockt das kleine aber feine Mozarthaus. Die väterliche Residenz des musikalischen Genies Wolfgang Amadeus Mozart verzückt Musikfreunde auf zwei Stockwerken mit Originalmöbeln in den ebenso originalen Räumlichkeiten der Künstlerfamilie. Damit Mama und die quengelnde Schwester auch ihrer angeborenen Konsumlust frönen können, wagt ihr im Anschluss noch einen Abstecher in die vielen kleinen, aber feinen Lädchen rund um das bischöfliche Gotteshaus. Lechzen die weiblichen Geschöpfe nach noch mehr Auswahl in Sachen Schuhläden, riskiert ihr noch einen kurzen Blick in die City-Galerie, der Shopping-Mall gleich hinter der Altstadt. Wenn für euren Vater das Brummen von Motoren die einzig wahre Musik ist, reserviert doch einen Besichtigungstermin im MAN-Museum. Das Highlight hier: Der erste – immer noch funktionstüchtige – Dieselmotor der Welt. Leider ist dein Schädel im Moment das einzige, das brummt. Deshalb bleibt nur noch eines: Beten.
18.00s.t.     Wo könnte man das besser zelebrieren als in der St. Anna Kirche. Dort verweigerte Luther Kardinal Cajetan während des Augsburger Reichstages den Widerruf seiner 95 Thesen gegen den Ablass. Dies machte den im 14. Jahrhundert errichteten Sakralbau mit Bildern Lukas Cranachs des Älteren zu einem Mittelpunkt der Reformation. Mühsam und gequält heuchelst du Interesse und beantwortest eine SMS mit der Frage „Bist du immer  so versaut?“
19.00s.t.    Das „letzte Abendmahl“ vor Abreise findet in der Welser Kuche statt. Idealerweise hast du im nüchternen Zustand vorreserviert. Somit steht einem kulinarischen Ausflug in das Augsburger Mittelalter samt damaliger Esskultur nichts mehr im Wege. Dort wird getafelt, wie es vor 450 Jahren üblich war. Die Männer werden ausnahmsweise von den Frauen bedient, ohne, dass die Alice Schwarzers unter uns die Emanzipationskeule schwingen würden. In der Welser Kuche ist das nämlich Teil des Abendprogramms. Es darf mit den Fingern gegessen werden und es stört sich auch keiner daran, wenn mit vollem Mund gesprochen wird. Glücklicherweise waren die Leute im Mittelalter keine Parfüm-Fetischisten und so passt deine rauchige Disco-Kluft gut ins nasale Ambiente. Bleibt noch etwas Zeit, entlüftet ihr eure Klamotten bei einem gemeinsamen abendlichen Spaziergang auf der ehemals mondänen Flanier- und Einkaufsmeile Augsburgs: der Maximilianstraße.
20.30s.t.    Letzter Akt des Stückes „Wenn die Eltern kommen…“ Sollten deine Eltern mehr der Muse als dem Genusse zugetan sein, lohnt ein Besuch in der Komödie. Hier entgeht ihr den Massen des Stadttheaters ohne auf künstlerischen Anspruch verzichten zu müssen. Nach der Inszenierung begleitet ihr eure Eltern zum Hauptbahnhof und lasst euch noch mal herzen und drücken, denn es heißt nun Abschied nehmen bis zum nächsten Besuch.
23.12c.t.    Es ist vollbracht! Der Tag ist vorüber. Zumindest für deine Eltern. Auf dich wartet zur Belohnung schließlich noch die Nacht. Du bist dir nämlich sicher: Deinem animalischen Duft kann sich heute niemand entziehen. So, wo war noch mal der Yum-Club…?

Autor des Artikels