„Die Grenzen im Kopf“

MH-Student Diego Garcia

MH-Student Diego Garcia

Um sich mittels der Musik ausdrücken zu können, benötigt MH-Student Diego Garcia sein Cello und Disziplin

Wer bei Diego Garcia anruft und ihn nicht erreicht, kann sich glücklich schätzen. Nicht, dass der Kolumbianer ein unangenehmer Zeitgenosse wäre. Im Gegenteil. Aber die Musik auf seinem Anrufbeantworter ist einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ein Rondo für Cello von Antonin Dvoŕak, das der Musikstudent selbst eingespielt hat.
Wenn man ihn dann doch erreicht, hat der lebhafte und ausgeglichen wirkende 29-Jährige Einiges zu erzählen.
Zu seinem Cello hat der Kolumbianer eine ganz besondere Beziehung. Beide Eltern sind Musiker und von Kindesbeinen an war für ihn klar, dass er eines Tages das Instrument seines Vaters übernehmen werde. Inzwischen kommt er kaum noch ohne sein „Baby“, wie er es mit einem Augenzwinkern liebevoll nennt, aus. Bei einem Wettbewerb musste er einmal auf einem anderen Instrument spielen – und verlor prompt.

Von Marie-Sophie Seng

Um sich mittels der Musik ausdrücken zu können, benötigt MH-Student Diego Garcia sein Cello und Disziplin

Wer bei Diego Garcia anruft und ihn nicht erreicht, kann sich glücklich schätzen. Nicht, dass der Kolumbianer ein unangenehmer Zeitgenosse wäre. Im Gegenteil. Aber die Musik auf seinem Anrufbeantworter ist einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ein Rondo für Cello von Antonin Dvoŕak, das der Musikstudent selbst eingespielt hat.
Wenn man ihn dann doch erreicht, hat der lebhafte und ausgeglichen wirkende 29-Jährige Einiges zu erzählen.

Das Baby mit den vier Saiten

Zu seinem Cello hat der Kolumbianer eine ganz besondere Beziehung. Beide Eltern sind Musiker und von Kindesbeinen an war für ihn klar, dass er eines Tages das Instrument seines Vaters übernehmen werde. Inzwischen kommt er kaum noch ohne sein „Baby“, wie er es mit einem Augenzwinkern liebevoll nennt, aus. Bei einem Wettbewerb musste er einmal auf einem anderen Instrument spielen – und verlor prompt.
Seit vier Jahren ist er in Deutschland, studierte zuerst in Mainz und folgte dann seinem Lehrer nach Augsburg. Das Schlimmste an Deutschland ist für den sonnenverwöhnten Südländer der Winter. Und sein Heuschnupfen. Die Hälfte des Jahres wird ihm dadurch vermiest. Und dann ist da noch die Sprache, in der er sich nicht so ganz wohlfühlt. Jeder Außenstehende würde ihm eine sichere Beherrschung der deutschen Sprache attestieren. Dennoch hat Diego das Gefühl, sich nicht differenziert ausdrücken zu können. Sich auszudrücken ist überhaupt eine Art Leitmotiv für Diego: „Ich bin ein expressiver Mensch. Wenn ich Musik mache, will ich ausdrücken, was ich fühle.“ Er ist kein verbissener Technik-Perfektionist; Diego spielt aus Freude an der Musik. Das spürt man bereits, wenn man mit ihm redet. Beim Sprechen über seine Musik formt er seine Linke ab und an unwillkürlich zum Cellogriff, summt eine Melodie, ahmt Geräusche nach, klopft einen Rhythmus, um das Gesagte mit Leben zu füllen. Seine dunklen Augen leuchten dabei. Diego ist im positiven Sinn des Wortes musikbesessen: „Die Grenzen sind beim Spielen im Kopf.“

Musik im Blut
Und doch sind 90 Prozent seiner Musik Sport. Übung, Übung, Übung. Das kann manchmal ganz schön hart sein. Ein Tag ohne Cellospielen bedeutet zwei verlorene Tage, denn es kostet ihn einen ganzen Tag, um das nachzuholen, was an einem übungsfreien Tag verloren ging. Für einen Studierenden anderer Fachrichtungen unvorstellbar. Studium und Freizeit gehen praktisch fließend ineinander über. Und dennoch oder gerade deshalb überwiegt bei dem Südamerikaner die Begeisterung für die Musik. Ein Leben ohne Musik, das ist für ihn unvorstellbar. Umso besser, wenn sich mit der Lieblingsbeschäftigung auch noch Geld verdienen lässt. Bereits jetzt tritt der Cellist regelmäßig mit verschiedenen Ensembles auf. Gemeinsam mit anderen Studenten hat er bereits eine CD aufgenommen. Nach dem Studium will er seinen Lebensunterhalt auf jeden Fall mit seinem Instrument verdienen. Wo, das weiß er noch nicht genau. Vielleicht in Spanien oder Portugal. Dort ist es wärmer als in Deutschland, und die politische Situation ist nicht so instabil wie in seiner Heimat Kolumbien.
Doch jetzt will er erst einmal seinen Anrufbeantworter neu bespielen. Etwas ganz Modernes soll es diesmal sein. Pure Geräusche statt melodischer Musik. Pure Expressivität.

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