Dornröschen wartet auf seinen Prinzen

Endlich aufsteigen – das Trainingslager des FC Augsburg vor der Schicksalssaison

Von Philipp Albers und Christopher Große

Endlich aufsteigen – das Trainingslager des FC Augsburg vor der Schicksalssaison

Draußen ist es schwül, drinnen dämmrig. Auf dem Tresen liegt ein Schlüsselbund mit FC-Bayern-Anhänger. Nummer 18 sitzt auf einem Barhocker und schlürft Espresso. Auf den Tischen langweilen sich rote Servietten neben rot-weiß-grünem Blumenschmuck. Auch die Vorhänge an den Fenstern sind rot-weiß-grün. Schon etwas verblichen.
Es ist kein italienisches Lokal, das wird bei den Postern an den Wänden klar. Mannschaftsaufstellungen, Stürmer beim Torschuss, Funktionäre mit Trophäen. Ein großes Bild sticht ins Auge. Quer der Schriftzug: Mit dem FC Augsburg in die 2. Bundesliga. Das Bild ist schwarz-weiß. Wie die meisten.

Billard und Tütenkuchen

Der Gemeinschaftsraum nebenan hat mehr Fenster und ist heller. Auf den Bänken an den Holztischen spielen vier in grün-weiße Trikots gekleidete Herren Karten. Die grünen Socken stecken in Adiletten. Zum Kaffee gibt es abgepackten Kuchen. Die Wände erinnern an das Kinderzimmer eines fußballverrückten Jungen. Auf Fotos die Porträts von Klinsmann, Matthäus, Riedle, Völler und den anderen Vorbildern, die längst nicht mehr Fußball spielen. Dazwischen spannen sich Schals von Chievo, Hajduk, Zaragoza, Roma, Bochum, Glasgow. Am Glücksspielautomaten blinken die Lämpchen um die Wette. Aus dem Billardzimmer hört man Jubelschreie.

Es ist Sommer in Augsburg-Oberhausen, die Saisonvorbereitung läuft. Zweimal hat der FC Augsburg den Aufstieg in die Zweite Bundesliga ganz knapp verpasst. Diese Spielzeit soll es endlich klappen. Die Erwartungen an die Mannschaft sind hoch. Trainer Rainer Hörgl bat die Profis vor dem Trainingslager in Österreich für eine Woche aufs Vereinsgelände. Nun gibt es um sieben Uhr Frühstück, um vier Uhr nachmittags beginnt das letzte Training. Elf Stunden Aufeinanderhocken im Vereinsheim, trainieren, essen, Karten spielen, abhängen. Das Mannschaftsgefühl soll wachsen, die Neuen sollen integriert werden. Die Maßnahme ist bei den Spielern nicht unumstritten. Doch wer fragt danach, wenn es um Höheres geht?

Der Geschäftsführer

Die Einrichtung der Geschäftsstelle im ersten Stock ist schlicht. Enge, dunkle Gänge führen in ein Vorzimmer, das ein wenig modrig riecht, wie eine Amtsstube aus den Fünfzigern. Eine große braune Kiste mit Fanartikeln versperrt den Weg, über der Tür hängt ein Kruzifix. Markus Krapf hat keine Fußballposter in seinem Arbeitszimmer. Krapf studierte Gymnasiallehramt in Augsburg, absolvierte dann ein TV-Volontariat. Freiwillig würde er Augsburg nie verlassen, er liebt diese Stadt. Anfang letzten Jahres kündigte er beim FCA, eine Stelle bei ProSieben winkte. Doch nach dem raschen Abschied von Manager Jan Schindelmeiser lockte ihn Präsident Walther Seinsch zurück. Jetzt hat er hier einen unbefristeten Vertrag. Manager nennt er sich nicht. „Der Verein braucht auch jemanden, der im Winter mal Schnee schippt.“ Die Bezeichnung Geschäftsführer ist ihm lieber. Von Fußball versteht Gelegenheitsschneeschipper Krapf „nix“. Er hat Visionen: „Nicht die zweite Liga ist das Ziel, sondern die erste.“ In der Region gebe es 750.000 potenzielle Fußballfans – „die Frauen über 60 sind da schon rausgerechnet. Man muss die Stadt nur wachküssen.“ Das spräche auch für ein neues Stadion, die Atmosphäre am letzten Spieltag bei 30.000 Zuschauern war „einfach geil, bis auf die letzten fünf Minuten“. Da kassierten die Augsburger zwei Tore und vermasselten den Aufstieg doch noch.

Der Torwart

Will noch das eine oder andere Jahr Fußball spielen. Vielleicht sogar so lange wie sein ehemaliger Clubkamerad Uli Stein. Und vielleicht ja sogar noch einmal Bundesliga. Zdenko Miletic ist ein ruhiger Vertreter seiner Zunft: “Mein Problem ist vielleicht, dass ich nicht ganz so bekloppt bin wie viele andere Keeper. Mir fehlt der Vogel im Kopf.“ Seinen Wohnort Königsbrunn findet der 37-jährige Torhüter und Familienvater „überragend“ – nicht zuletzt aufgrund der geringen Entfernung nach Kroatien.
Manchmal wünscht sich der Keeper vom schwäbischen Publikum mehr Unterstützung – „gerade, wenn es nicht läuft“. Der hohen Erwartungshaltung vieler Zuschauer könne das Team nicht immer gerecht werden: „Richtige Fans sind die anderthalb Tausend, die immer da sind. Der Rest ist mehr oder weniger Theaterpublikum.” Den Vorwurf, einige Spieler wollten vielleicht gar nicht in die zweite Liga aufsteigen, findet der 37-Jährige absurd. Alle Spieler seien hungrig: “Hier will jeder aufsteigen. So viel Geld gibt es beim FCA nämlich auch nicht zu verdienen. Wenn in Augsburg jemand Fußball spielt, dann hat er’s auch nötig.“ Punktprämien sind beim FCA an den Aufstieg gekoppelt: “Letztes Jahr haben wir gar nichts dazu verdient.“ Für viele Spieler bedeuten solche erfolgsabhängigen Vergütungen ein Jahresgehalt.
Seine Prognose? „Platz zwei würde mir schon reichen. UEFA-Cup gibt’s ja bei uns nicht.“

Der Libero

Spricht so schnörkellos, wie ein Verteidiger spielen soll. Geboren wurde Sören Dreßler in Thüringen. Seine sportlichen Vorbilder? Keine Fußballer, sondern zwei echte Kämpfer: Lance Armstrong und Boris Becker. Stammspieler wurde Dreßler unter Hörgl in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison, als der Trainer von Viererkette auf drei Abwehrspieler umstellte. Sein persönliches Highlight beim FCA? „Sicherlich die Zuschauermenge gegen Regensburg; das war ein Erlebnis.“ Dann macht Dreßler eine lange Pause, bevor er leise hinzufügt: „Aber sportlich haben wir doch noch nichts erreicht.“ Ändert sich daran diese Saison was? „Wir stehen am Ende besser als Platz 14.“ Sportlichen Erfolg verspricht eine solche Prognose nicht zwangsläufig. Aber Abwehrspieler sind eben vorsichtig.

Der Torjäger

Ist 30, fühlt sich aber nicht so. Neben dem Platz ist Mark Römer ein ruhiger Typ. Eine Führungspersönlichkeit mag er nicht sein: „Da sind andere zuständig.“ Lieber lässt er Taten sprechen: Mit 17 Toren hätte er den FCA in der vergangenen Saison beinahe in Liga zwei geschossen. Dann die letzte Partie: Zehn Minuten vor dem Ende sieht Römer Gelb-Rot. Das Spiel kippt. Einige Tage hat er sich deshalb Vorwürfe gemacht. „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Der Platzverweis? „Das war eigentlich auf alles bezogen.“
Doch aus Fehlern lernt man: Am zehnten September, dem sechsten Spieltag der neuen Saison, gewann Augsburg in Regensburg 4:0, Römer schoss ein wichtiges Tor. Motivationshilfen hat der Stürmer nicht nötig: „Ich bin überzeugt, dass wir es dieses Mal schaffen.“ Das Besondere an Augsburg? „Wir halten zusammen. Bei uns gibt es keine Grüppchen. Und hier habe ich meine Freundin kennen gelernt.“ Römer spricht ruhig, aber bestimmt: „In vier Jahren sind wir ein etablierter Zweitligist.“ Mit ihm? Der Junggebliebene lächelt: „Genau. Wenn auch nur als Ersatzspieler.“

Der Fanbeauftragte

Hat noch viel vor. Rückblende: Ein beinahe insolventer FCA kickt in der Bayernliga. Auf den Rängen: Gähnende Leere. Schwabens Traditionsclub: In der Bedeutungslosigkeit versunken. „Wir sahen auf einmal die Chance, nach 23 Jahren den Wiederaufbau mitzugestalten“, so Thomas Marzahn. Das war vor fünf Jahren. Jurastudent Marzahn gründete die Ultra-Gruppierung Rude-Boys. Das Ziel: Den Verein „bedingungslos“ unterstützen. Heute ist Marzahn 25, Rechtsreferendar und Fanbeauftragter eines ambitionierten Regionalligisten. Seine Mission ist aber noch nicht erfüllt: „Die Augsburger sind teilweise ein grausames Publikum. Viele sind einfach nur erfolgsgeil. Aber der harte Kern wächst.“ 20 Rude-Boys gibt es bereits.
Der Kragen seines karierten Hemdes steht sauber, fast könnte man die Löcher in Marzahns Ohrläppchen übersehen. Punk- und Oi-Skin-Bewegung beeinflussten die Augsburger Ultras: „Wir sind keine typischen Fußballprolls.“ Für eine Klausur auf ein Fußballspiel verzichten? Stirnrunzeln, Kopfschütteln: „Die Fahrten waren ein guter Ausgleich zum Examen.“
Marzahn spricht von Kontinuität, Perspektiven und Vertrauen: „Alle, die beim FCA was zu sagen haben, kommen selber aus der Fanszene.“ Über eines aber täuscht selbst soviel Harmonie nicht hinweg: Scheitern könne der FCA an zu großen Erwartungen. „Diese Saison ist der Aufstieg ein Muss. Wir sind zum Siegen verdammt.“
Und dann erzählt er vom Präsidenten Seinsch, dem „großen Heilsbringer“, der sich mit den Fans zum Arbeitsfrühstück trifft. Marzahns prägendstes Fußballerlebnis? „Nach dem Regensburg-Spiel stand unser Präsident inmitten des Fanblocks, um sich zu entschuldigen. Er hat nur noch geheult.“

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