Frieren für den Kalten Krieg

Damals an der Uni: Als die Budennot zum Politikum wurde

Wir schreiben das Jahr 1972. Es ist Oktober, die ersten Blätter fallen. Langsam neigt sich der Sommer dem Ende zu. In der frisch gebackenen Universitätsstadt Augsburg bricht ein neues Semester an. Etwas verschlafen torkeln die ersten angehenden Akademiker über den noch kleinen Campus, bereit, den ersten Imbiss einzunehmen. Unweit im Herzen Augsburgs bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Horden von Studenten belagern die Innenstadt, stehen Schlange und stürmen die Maklerbüros.

Schätzungen des Studentenwerks zufolge standen von den damals rund 2000 Immatrikulierten ganze 100 ohne Wohnung da: „Budennot“ in Augsburg! Immobilienhaie statt Hörsaal, Wohnungsmangel statt Proseminar: Zimmer zu vernünftigen Preisen sind im Augsburg der 1970er Jahre Mangelware.

Von Matthias Bauer

Damals an der Uni: Als die Budennot zum Politikum wurde

ImageWir schreiben das Jahr 1972. Es ist Oktober, die ersten Blätter fallen. Langsam neigt sich der Sommer dem Ende zu. In der frisch gebackenen Universitätsstadt Augsburg bricht ein neues Semester an. Etwas verschlafen torkeln die ersten angehenden Akademiker über den noch kleinen Campus, bereit, den ersten Imbiss einzunehmen. Unweit im Herzen Augsburgs bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Horden von Studenten belagern die Innenstadt, stehen Schlange und stürmen die Maklerbüros.

Schätzungen des Studentenwerks zufolge standen von den damals rund 2000 Immatrikulierten ganze 100 ohne Wohnung da: „Budennot“ in Augsburg! Immobilienhaie statt Hörsaal, Wohnungsmangel statt Proseminar: Zimmer zu vernünftigen Preisen sind im Augsburg der 1970er Jahre Mangelware.

„Wir retten die Frierenden“, posaunt der RCDS

Im Studentenwohnheim an der Lechhauser Straße, das Platz für 250 Studierende bieten soll, tummeln sich noch die Bauarbeiter. Per Eilbeschluss sollen Etagen geräumt und ab Januar bezugsfertig gemacht werden. „Zweifelsohne ein Musterbeispiel für die Handlungsfähigkeit der Politik, nur wo soll ich den Winter verbringen?“, merkt ein Student kritisch an. Nicht wenige Akademiker schlafen auf der Straße, hausen in Wohnwägen oder sonstigen Provisorien. Eine laue Herbstnacht am Lech ist charmant – den Winter hingegen unter freiem Himmel zu verbringen, ist alles andere als angenehm, ob mit oder ohne Glühwein. Deshalb schaltet sich schließlich der Ring Christlich-demokratischer Studenten (RCDS) ein und erklärt die Angelegenheit zur Chefsache. Aus eigener Tasche finanziert die Gruppe Anzeigen. Die letzten Zimmerreserven der Stadt sollen mobilisiert werden. Ein Akt der Selbstlosigkeit? „Da das Studentenwerk und der Studentenrat nicht genügend Initiative entwickelt haben, müssen wir in die Rolle des Maklers schlüpfen, um wenigstens den dringendsten Fällen abhelfen zu können“, so der damalige Vorsitzende Hans Göretzlehner.

Kritisieren, was das Zeug hält

Im Visier der Konservativen: Der Studentenrat, in dem die Gruppierung nicht vertreten ist (man kennt das ja). Frei nach dem Motto „Mir stinken die Linken“ probt der RCDS den Aufstand und wettert in bester Franz-Josef-Strauß-Manier gegen die „linke Machtzentralisierung“ im Studentenrat, die „nicht mit unserer Gesellschaftsordnung vereinbar“ sei. Aus purer Selbstlosigkeit will der RCDS nicht nur obdachlose Studenten von der Straße holen, sondern zugleich noch den Studentenrat von linken Extremisten befreien.

Abseits politischer Grabenkämpfe dann doch noch die erhoffte Erfolgsmeldung: Die „Budennot“ kann behoben werden. Binnen weniger Wochen gehen über 300 Anrufe beim RCDS ein, darunter 120 akzeptable Zimmerangebote. Auch die „linke Machtzentralisierung“ scheint gebannt und der Befreiung des Studentenrates nichts mehr im Wege zu stehen. Und doch erdreistet sich der Studentenrat, den RCDS weiterhin zu kritisieren, der Kalte Krieg droht noch einmal heiß zu werden. Streitpunkt ist die Verteilung der neuen Wohnungen, die der RCDS intern vergibt. Politische Vorbehalte spielen hierbei keineswegs eine Rolle, lassen die Christdemokraten wissen. „Wer zu erst kommt, mahlt zuerst“, so der Vorsitzende Göretzlehner. Und so müssen alle Bewerber die Nummer der CSU-Parteizentrale wählen, da sich der RCDS, wie er versichert, kein eigenes Büro leisten kann.
Und die Moral von der Geschicht: Seither können Neu-Augsburger ihr Studium auf dem Campus beginnen, während in der malerischen Landeshauptstadt bis heute die Studenten ihre Studien auf dem Campingplatz eröffnen.

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