„Vom Schreiben keine Ahnung“

International, locker und alt: Wie Augsburg eine russische Jungjournalistin verändert

ImageVon Christopher Große

International, locker und alt: Wie Augsburg eine russische Jungjournalistin verändert

„Da wollte in den letzten fünfzehn Jahren aber noch nie jemand hin.“ Schulterzuckend blickt mein Gegenüber durch die dunkel getönten Gläser seiner Brille auf eine große Wandkarte „Asien und Osteuropa, physisch“. Langsam wendet er den Kopf nach rechts. Schier endlos schlängelt sich die Eisenbahnstrecke durch eine braune Ödnis, bis sie irgendwo ganz weit im fernen Osten einen roten Punkt erreicht, nur einen Daumen breit von China entfernt.

Günstige Finanzierung: Studieren in Russland

Katja ist Russin und studiert in Chabarowsk am Amur, der Hauptstadt der gleichnamigen Region im fernen Osten Russlands. In die Fußstapfen ihrer Eltern wollte sie nicht treten. Beide arbeiten als Ingenieure im Elektrizitätswerk, die Tochter entschied sich für ein Studium der Germanistik und Übersetzungswissenschaften: „Ich bin mehr ein geisteswissenschaftlicher Typ. Deutsch habe ich schon während meiner Schulzeit gelernt. Das konnte ich eigentlich immer ziemlich gut. Und ich mag die Sprache.“ Nach zehn Jahren Schule besteht Katja den obligatorischen Aufnahmetest an der örtlichen Universität mit Bestnoten, dafür erhält sie vom russischen Staat ein Stipendium. „Ein Semester kostet zwischen 800 und 900 Euro Gebühren. Wer nicht wie ich kostenlos studiert, bekommt über zwei oder drei Jahre einen Ausbildungskredit von einer privaten Bank.“ Im Gegenzug verpflichtet sie sich, nach ihrem Studium die ersten Berufsjahre für die Stadt zu arbeiten. Eine Tätigkeit als Übersetzerin oder Journalistin wäre ihr am Liebsten.

Wilder Osten: Die Uni will mitreden

Als Katja im Jahr 2002 davon erfährt, dass einige ihrer Kommilitonen ein neues Magazin für alle Hochschulen der Stadt planen, wittert sie die Chance, wichtige Erfahrungen zu sammeln: „Ich hatte ja vorher vom Schreiben keine Ahnung.“ Schnell macht sich die Hochschulzeitung „Projekt 56“ einen Namen. Katja ist für Kultur und Literatur zuständig. Sie schreibt Rezensionen, berichtet über das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland. Doch die Finanzierung bleibt ein Wagnis: Unternehmen, die eine studentische Zielgruppe bewerben würden, gibt es nicht. Der Rektor der Universität koppelt eine mögliche Unterstützung an Bedingungen: „Die Uni wollte jeden einzelnen Artikel im Heft prüfen und noch dazu ihre eigenen Themen im Heft unterbringen. So etwas kam für uns nicht in Frage, da wir von Anfang an unabhängig und auch kritisch sein wollten.“ So tragen die fünf Gründer ihr Magazin mit Preisgeld aus einem Wirtschaftswettbewerb selbst, später spenden alle Redakteure für den Druck. Schließlich wird der Redaktionsleiter abgeworben: „Er hat ein Angebot als Chefredakteur bei einer Bau- und Architektur-Zeitschrift erhalten. Der hat richtig Karriere gemacht.“ Aus Katjas freundlichem Gesicht spricht Respekt, keine Spur von Neid. Sie schreibt unterdessen als freie Redakteurin für das etablierte regionale Jugendmagazin „pilot“.

Tolles Deutschland: Lustige Dozenten mitten im Gestern

Dank der Gemeinsamen Institutspartnerschaft (GIP) der Augsburger Germanisten und DAAD-Stipendium kann sie nun auch aus Bayern Artikel in die ferne Heimat senden. „Ich freue mich sehr, in Deutschland sein zu dürfen. Die drei Monate sind leider viel zu kurz.“ Nach einigen Anlaufschwierigkeiten fühlt Katja sich wohl, neue Freundschaften sind entstanden. Die russische Studentin beneidet ihre deutschen Kommilitonen und deren Freiheiten beim Studieren: „Alles ist viel lockerer hier. Die Lehrkräfte sind ungeheuer gebildet und dennoch so humorvoll. Fast alle meiner russischen Dozenten waren bereits in Augsburg. Diese Aufenthalte haben sie verändert.“ Verändert hat sich indes auch Katjas eigenes Verhalten – sie hat Spaß am Einkaufen gefunden: „Früher war ich nie ein Shopping-Typ. Meine Mutter musste mich immer in die Läden zerren. Hier streife ich jede Woche durch die Geschäfte und probiere alles an.“ Doch besonders die Kultur ihres Gastlandes würde sie gerne noch besser kennen lernen: „Mich fasziniert, dass es hier für alle Dinge eine selbstständige Kultur gibt: Biergärten, Eis essen, italienisch Kochen. Und überall in der Stadt kann man Spuren der Vergangenheit entdecken. Chabarowsk ist eine junge Stadt, dort gibt es keine alten Häuser.“ Zurück in der russischen Verwaltungsmetropole will sie innerhalb eines Jahres ihr Studium beenden. Sie wird dann 21 Jahre alt sein: „Ich möchte nach Moskau. Das ist eine aufregende, aber auch sehr teure Stadt. Vielleicht bekomme ich ja sogar einmal die Chance, in Europa zu arbeiten.“
Meine Reise in die Weite Russlands hingegen wird wohl noch etwas warten müssen. Der Angestellte des russischen Reisebüros „Sputnik“, das ich in den Weiten des Berliner Bezirks Kreuzberg entdeckt habe, schüttelt nun doch etwas missgelaunt mit dem Kopf: „Sibirien ist wirklich sehr schön. Aber nach September können Sie das vergessen.“

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