Die Abgründe des Seins

Zwei Augsburger Studenten drehen einen digitalen Film – und ergründen unsere Existenz

Nach dem dänischen Philosophen Kierkegaard durchläuft der Mensch drei Existenzstadien. Das erste ist das ästhetische. Hier findet sich der Mensch zunächst unmittelbar, wobei das Ästhetische im Sinne der griechischen aisthesis das sinnlich Wahrnehmbare, also gegenwärtig Anschauliche meint. Seit Kant wissen wir, dass wir das Sein der Dinge unabhängig von der menschlichen Anschauung nicht zu erkennen vermögen.

Von Otto Hinnie von Lahnstein

Christoph Rager, 24, und Andreas Hilber, 25, Studenten an der FH Augsburg, haben sich seit Jahren mit der menschlichen Existenz auseinandergesetzt. Ihre Vision: Mit einem eigenen Kurzfilm diese hochkomplexe Thematik zu veranschaulichen. Die Idee zu “BEING” hat einen ungewöhnlichen Ursprung: So ließen sich die beiden von den Nahtoderlebnissen eines Tauchers inspirieren. „Darauf aufbauend haben wir unsere Story entwickelt, nachdem wir deutliche Parallelen zum Leben und zur menschlichen Existenz herausgearbeitet haben. Es geht um die Abgründe und Glücksmomente des Menschen“, erzählt Christoph. „Es hat uns über ein halbes Jahr intensiver Recherche und Diskussion gekostet, um ein stimmiges Konzept zu entwickeln.“ An den Feinheiten feilen sie immer noch. Denn die beiden haben Großes vor: „Wir wollen etwas Außergewöhnliches schaffen. Unser Film wird das Genre neu definieren“, so Andreas.

Emotionen aus der Ich-Perspektive

Schon vor der Studienzeit begeisterten sich beide für bewegte Bilder. Die Idee für ihren eigenen Film kam dann während ihres Multimedia-Design-Studiums. „BEING“ stellt zugleich ihre Diplomarbeit dar. Schon jetzt mutet der circa 15-minütige Shortmovie beiden wie ein Lebenswerk an. Der Kurzfilm besteht aus sechs abgeschlossenen Einzelszenen. Jede Szene befasst sich mit einer Phase des menschlichen Lebens und soll die eigenen Empfindungen erlebbar machen. „Die Emotionen sollen lediglich durch Bild- und Tonsprache vermittelt werden. Die Rolle des einzigen Darstellers übernimmt der Zuschauer selbst. Unser Film soll eine ganz neue Kommunikationsform etablieren“, so Andreas. Der Zuschauer wird durch die konsequente Ich-Perspektive zu einem Teil der Geschichte: „Jeder soll sein eigenes Leben wieder erkennen und sich mit den Geschehnissen identifizieren.“
Um diese neue Form der Bildsprache zu schaffen, kombinierten die beiden aufgenommenes Videomaterial und rechnererzeugte 3D-Elemente, die sich unmerklich ineinanderfügen sollen. Um die Bilder auf hohem Niveau produzieren zu können, mussten sie extra eine High-Definition-Camera aus Japan importieren und sich enorm leistungsstarke Rechner besorgen. Für den passenden Klang haben sie sich ein eigenes Tonstudio eingerichtet. Christoph blickt auf einen der fünf Bildschirme: „Dem Zuschauer soll trotz des studentischen Rahmens möglichst alles in Kino-Qualität präsentiert werden.“ Hinter ihm rattern drei riesige Workstations.
Den Wald vor lauter Bäumen

Eine Szene drehten die “BEING”-Macher in einem Waldstück in der Nähe von Augsburg. Dabei sollten alle Blätter gleichzeitig von den Bäumen fallen. Klar, dass so etwas in der Natur nie vorkommt. Also mussten sie den Blättern etwas unter die Arme greifen. Geplant war, in einem kahlen Waldstück zu drehen und die Blätter am Rechner nachträglich digital an die Äste zu hängen. Einen Haufen kahler Bäume zu finden, ist jedoch gar nicht so leicht. Obwohl sie sich mit dem Dreh bis zum Winter Zeit ließen, hingen immer noch viel zu viele vertrocknete Blätter in den Wipfeln. Mit einem Gebläse versuchten sich die beiden darin, die Bäume endgültig zu entlauben. Als sie gerade damit fertig waren, ließen sich jedoch schon wieder die ersten Knospen blicken. Der Dreh war geplatzt. Also entschieden sie sich, die Entlaubung im Sommer auf ungewöhnliche Weise zu wiederholen. Diesmal zupften sie Blatt für Blatt in Handarbeit von den Zweigen. Um die Bäume und die einzelnen Äste anschließend digital nachbauen zu können, entwickelten die beiden ein eigenes Vermessungssystem und die dazugehörige Software. Damit konnten sie das Skelett der Bäume exakt an das 3D-Programm übertragen. Nach monatelangem Rendering hatten sie es geschafft: In 20 Sekunden fallen nun Tausende Blätter gleichzeitig vom Baum.

Nach dem Diplom nach Hollywood

Bald soll es nun in die Endphase gehen. Doch die scheint den finanziellen Rahmen der beiden Studenten endgültig zu sprengen. Deshalb sind sie auf der Suche nach Sponsoren. Bisher wurde alles aus eigener Tasche bezahlt. Um den gesamten Film abspeichern zu können, benötigen sie einen gigantischen Server, der 5 Terabyte Daten speichern kann: Das entspricht rund 10.000 CDs.
Ob es die beiden nach dem Diplom direkt nach Hollywood zieht? Zwar bietet die Traumfabrik Filmemachern optimale Voraussetzungen. Dennoch würden Christoph und Andreas lieber den deutschen Film nach vorne bringen. „So ein Projekt, wie wir es gerade machen, wäre in Hollywood nicht realisierbar. Wir hätten mit extremen kreativen Einschränkungen zu kämpfen“, meint Christoph.
Wenn alles glatt läuft, kommt „BEING“ Ende 2006 in die Augsburger Kinos, eine DVD soll folgen. Neben dem Film wird eine zusätzliche Dokumentation über dessen aufwendige Realisierung Teil des Programms. Andreas und Christoph hoffen, dass sie so auch anderen Studenten Mut machen, Ihre Ideen und Projekte zu verwirklichen. Aber wie hält man es durch, drei Jahre an einem einzigen Projekt zu arbeiten? „Letztendlich tun wir ja alles doch nur für die Frauen“, lacht Christoph.

In Augsburg wird Kinogeschichte geschrieben

Wer erst kürzlich bei den „Augsburger Studentischen Filmtagen“ war, für den ist dieser Film ein Muss. Wer auf Donnie Darko (2001) oder Hero (2002) abfährt, kann sich ebenfalls auf einen Augenschmaus freuen. Und wer mit alledem nichts anzufangen weiß, dem gibt Andreas noch einen Tipp auf den Weg: “Schaut es auch an! Denn in Augsburg wird Ende 2006 Kinogeschichte geschrieben!“
Kierkegaard schließt übrigens, der Mensch gerate im ersten Existenzstadium in Verzweiflung. Aber vielleicht gelingt es den beiden Filmern, uns tatsächlich mittelbar die Komplexität unserer eigenen Existenz zu veranschaulichen, uns sozusagen vermittels ihrer Ästhetik unseren Kern der Dinge erkennen zu lassen. Das wäre revolutionär – eine Offenbarung.

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