From New York with love

Frühling in Manhattan

Weil alle vom Frühling genauso begeistert sind wie ich, versuchen wir Bewohner des Big Apple soviel wie möglich im Freien zu sein. Plötzlich überhäufen sich Einladungen zu Essen oder Partys und glücklicherweise finden die meisten unter freiem Himmel statt. Die Gastgeber zählen zu den allerglücklichsten New Yorkern: Zu denjenigen, die eine Terrasse, einen Garten oder ein Dach besitzen. Solche Locations sind dermaßen begehrt, dass meine Freundin Lola neulich ihren Garten dem renommierten Modelabel Marni vermietete.

Von Elisabeth von Thurn und Taxis

Das Resultat ist ein Schlaraffenland: Überall duftet es nach Kerzen und blumigen Parfums, der von den umherschweifenden Gestalten abfällt. Viel nackte, braungebrannte Haut – sporadisch umhüllt von weich wehendem Chiffon. Auf dem Tisch stapeln sich die Köstlichkeiten. “Rauchen und trinken gleichzeitig, das ist doch das Beste am Sommer”, höre ich einen Mann mit Hornbrille zufrieden trällern, während er genüsslich an seiner American Spirit zieht. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mich auf einer Party befinde, auf der es vorgesehen ist, sich draußen aufzuhalten. In New York endet man sowieso meistens draußen, denn obwohl niemand raucht, halten doch sehr viele zu später Stunde gerne Zigaretten zwischen den Fingern. Frühling! Mit den ersten Sonnenstrahlen verwandeln sich die Straßen in ein riesengroßes Wohnzimmer. In den kalten Monaten wurden die Bürgersteige und Straßen von rasenden Menschen betrampelt. Taub, steifgefroren, mit kühlem, starrem Blick, verlieren sie keine Zeit, vor allem nicht auf der nasskalten Straße. Jetzt hingegen scheinen die New Yorker gar nicht genug vom Straßenleben zu bekommen. In meiner Straße verkauft eine dicke Frau mit falschen Zähnen auf dem Bürgersteig ihre alten Klamotten. Mehrere Kleiderständer, behängt mit Gürteln, Taschen und Kleidern schmücken jetzt den Gehsteig. Viele Cafés und Restaurants haben ihre Terrassen geöffnet, und der Geruch von frischen Gewürzen erfüllt die Luft.

Mobile Maiskolben auf der Straße

An Wochenenden sind die Straßen mehrerer Blocks für Autos gesperrt. Brasilianische Fruchtshakes, Maiskolben, Teddybären, elektronischer Krimskrams, eigentlich alles Mögliche wird dort verscherbelt. In New York hat das Straßenleben eine lange Geschichte. Rund um die Uhr und jahrein jahraus finden sich mobile Verkäufer. Ob Araber mit ihrem Halal-gegrillten Fleisch, Inder mit Hotdogs oder Afrikaner mit ihrem Elektrozubehör: Straßenverkäufer sind hier Alltag. In den hippen Gegenden wie Soho oder Nolita könnte man einen Großteil seiner Einkäufe auf der Straße erledigen. Auch kulinarisch bieten die Streets of Manhattan alles, was das hektisch pochende Großstädterherz nur begehren könnte: Morgens säumen mobile Gebäckstuben vollgestopft mit Bagels, Croissants, Muffins, Keksen und vielen anderen Köstlichkeiten die Stadt. Ab mittags geht es dann mit Hotdogs weiter, Curry, gerösteten Nüssen, New Yorker Brezeln, der gesamten internationalen Speiseplatte rauf und runter.

Trends vor der feuchten Gallerie

Ob Benjamin Franklin, Tracy Chapman oder Louis Armstrong: Die Straßen Amerikas sind auch immer schon Orte der Selbstverwirklichung und der Kreativität gewesen. Die meisten Kultbewegungen und modernen Einflüsse wie etwa Breakdance, Rock’n’Roll oder Jazz kommen von der Straße. Auch der Gegenwarts-New Yorker ist stark durch die Bewegung und Energie der Straßen beeinflusst. Hip Hop ist nicht bloß Musik, sondern ein Lebensgefühl und beeinflusst ihn in Mode, Sprache, Film und Literatur. In den Straßen werden Trends geboren, sie dienen als Sprachrohr nicht nur für Unterprivilegierte, sondern auch für Künstler. Es sind vor allem Immigranten, die das Straßenleben in New York und anderen amerikanischen Großstädten prägen. Ohne sie wäre das ‚streetlife’ undenkbar.
Leider verbringe ich den überwiegenden Teil meiner Zeit in einer feuchten und ziemlich kühlen Gallerie. Dort herrscht immer dieselbe Temperatur: Vom schönen Wetter bekommt man so herzlich wenig mit. So geht es vielen. Den Bewohnern New Yorks fehlt überhaupt der Bezug zur Natur. Deshalb nutzen sie jedes Stück Grün als Liegewiese.

Nicht alle Gärten sind englisch

Im Galerienviertel Chelsea gibt es einen kleinen Park. Dieser ist umzingelt von zwei großen Straßen, auf denen pausenlos Autos vorbeirauschen – gegenüber noch eine Baustelle. Trotzdem pilgern die Menschen von ihren umliegenden Arbeitsplätzen in den Park wie gläubige Muslime nach Mekka. Jetzt bitte keine falschen Vorstellungen. Ich spreche hier nicht vom Englischen Garten. Der so genannte Park ist ein etwa 20 Quadratmeter großer Grashügel, umsäumt von einem kaum breiteren Betonkranz. Darum noch ein Eisenzaun. Auf dem Beton einige sporadische Bänke und Tischchen. Soweit es ihr Arbeitgeber zulässt, verbringen die Pilger hier Stunden. Einige Männer liegen täglich ab den ersten Sonnenstrahlen oben ohne auf dem Grashügel. Einer hat schon einen krebsroten Rücken und brutzelt weiterhin zufrieden in der Sonne. Besorgt meine ich: “Ich weiß nicht, ob sie es merken: Ihr Rücken ist rot wie Feuer!” Belustigt winkt er ab: “Das ist gut so – was schon verbrannt ist, kann später nicht mehr verbrennen, ich bereite mich auf meinen Urlaub auf Costa Rica vor.” Der Park liegt genau am Hudson. Der Wind kann ungehindert und angetrieben wie durch einen Propeller über unsere Köpfe fegen. Herrlich idyllisch… Salatblätter werden durch die Luft gewirbelt und wenn man nicht aufpasst, weht es einem glatt die Cola Light über den Schoß. Ich komme so oft ich kann hierher. Wie ein hungriger Säugling die Muttermilch sauge ich dann die Sonnenstrahlen auf. Ich kämpfe mich an der Hauptstraße entlang durch den Wind, vorbei an den grölenden Bauarbeitern, kaufe mir ein paar Sushi und genieße sie in der Sonne.
Über New York hebt sich jährlich ein Vorhang, hinter dem sich neues Leben verbirgt. Selbst der Frühling scheint vom Straßenleben hellauf begeistert. Und wir sind es auch.

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