Im Dienste Ihrer Universität

Ein Leben als Botschafter in Genua

Image Erasmus. Nun ja, ein komplizierter Name. Möchten Sie ihn beim Gesellschaftsspiel Tabu erklären, wenn Ihnen die Begriffe „Student“, „Aubèrge españole“, „Universität“, „Ausland“ und „Semester“ fehlen? Doch, möchten Sie? Dann haben Sie wohl einen Freundeskreis, der tatsächlich etwas damit anfangen kann, wenn Sie ihm „Philosoph“ und „Rotterdam“ zum Fraß vorwerfen. Herzlichen Glückwunsch.
Was Erasmus wirklich ist? Jedenfalls hat es nichts mit Sabbatjahr zu tun, sondern stößt in weit höhere Dimensionen vor…
Von Philipp Albers

Italien ist nicht genug

Ich bin Botschafter. Dass es irgendwann so kommen musste, war mir klar. Ich bin für die Diplomatie geboren, wenn ich noch ein bisschen Autorität oder wenigstens Muskeln besäße, wäre ich an der Schule Streitschlichter gewesen, würde in Augsburg vor dem Yum und anderen einschlägigen Orten Leute besänftigen und ähnlich gute Werke verrichten. Sitz meiner Botschaft ist Genua, mein Arbeitgeber die Uni Augsburg.
Bezahlt werde ich auch, rund 80 Euro im Monat – eine stattliche Summe. Den Stundenlohn habe ich mir noch nicht ausgerechnet, er muss aber in Oliver-Kahn-Dimensionen vorstoßen, denn ich fröne der Zehn-Stunden-Woche. Während der Vorlesungszeit, wohlgemerkt.
Ein Juraprofessor erteilte mir gewissermaßen den Ritterschlag. Ich saß gemeinsam mit rund 50 anderen Auserwählten in einem erlesenen Hörsaal und dachte eigentlich, nur eine Vorab-Information über mein kommendes Auslandsjahr zu erhalten. Statt dessen aus heiterem Himmel: „Denken Sie daran, dass Sie auch als Botschafter dieser Universität auftreten.“ Oha! Das klang gut, verantwortungsvoll und beispielhaft und all das. Da der Professor sich nicht nur seines Faches versteht, sondern selbst studiert hat und Erasmus-Koordinator ist (auch Koordinator ist ein Wort, das sehr schön in die Botschafter-Terminologie passt), beschränkte er diese unsere hohe Aufgabe nicht nur auf das universitäre Leben. Fast alle anderen Botschafter, die ich kenne, haben das beherzigt.

In bayerischer Mission

Nach einem großartigen Empfang in der Botschafter-in-spe-Herberge zu Genua, nach inoffiziellen Umfragen unter den zehn Weltbesten, folgten erste Prüfungen meines Verhandlungsgeschicks: Ich musste Einheimische überreden, mir Wohnraum gegen Bezahlung zur Verfügung zu stellen. Das klappte soweit. Ich eröffnete mein Büro weit von der Fakultät, dafür umso näher am Stadion. Zufällig. Vielleicht war das ein Fehler, denn im Stadion ist der Beruf des Botschafters ein schwieriger. Also habe ich ihn einfach vergessen, für den hiesigen Drittligisten Partei ergriffen und mir geschworen, in künftigen Verhandlungen das neu erlernte Aggressionsvokabular tunlichst zu vermeiden.
Als verantwortungsbewusster Vertreter von Universität, Stadt und Freistaat steckt man sich ehrgeizige Ziele. Erfolg und Misserfolg halten sich bisher nach meiner Einschätzung die Waage. Nur einige Auszüge:
Erstens. Einer Italienerin versucht, Weißwurst-Frühstück schmackhaft zu machen – erst mal durch Wiedergabe eigener Erfahrungen. Desaströses Ergebnis. Auf großes Unverständnis gestoßen. Für Alkoholiker und Lederhosenträger gehalten worden und ähnlich unangenehme Assoziationen erweckt. Das Zauberwort Oktoberfest funktionierte erstaunlicherweise. Entschuldigung, da trinkt man ja wohl auch lederhosenbekleidet morgens Weißbier. Fand ich sehr inkonsequent, habe ich natürlich nicht gesagt, bin Diplomat. Fazit: Weißwürste werden im Ausland unterschätzt.
Zweitens. Beim Bäcker gewesen und Brötchen, Verzeihung, Semmeln bestellt. Gleichzeitig nach Tee gefragt. Großer Fehler. Für Engländer gehalten worden. Vielleicht schmückt sich jetzt Oxford mit meinen Botschafter-Leistungen. Gelegenheit benützt, das grade zu rücken: Bei sensationellem Schneefall in Genua auf deutschen Winter hingewiesen und so meine wahre Heimat offenbart. Bewundernde Blicke geerntet, jemals solchen Verhältnissen getrotzt zu haben. Bei den Bäckersfrauen jetzt einen Stein im Brett. Klarer Punkt auf der Haben-Seite.
Drittens. Italienischem Fiat-Fahrer die Vorfahrt genommen. Eher unerfreuliche Episode, er verhandelte mit mir anschließend nur durch seine Hupe. Dafür gesorgt, dass mein Kennzeichen in keinen Zusammenhang mit der Uni Augsburg gebracht werden kann.
Viertens. Italienische Jurastudenten gelobt, weil sie Lacoste-Hemdkrägen nicht aufstellen. Von Angehörigen anderer Fakultäten darauf aufmerksam gemacht worden, dass auch in Italien angehende Juristen trotzdem als hoffnungslose Spießer gelten. Im Süden nichts Neues. Natürlich Zustimmung signalisiert, wozu bin ich Diplomat? Noch nie Probleme gehabt, ein Nestbeschmutzer zu sein. Die Universität Augsburg nahm bei diesem Diskurs keinen Schaden – die Jurafakultät mal ausgenommen.
Letztens. Gelegentlich an der Uni gewesen. Selbst einen Schein gemacht. Uni Augsburg während der Prüfung nicht weiter erwähnt, drängte sich nicht auf. Zu europäischer Rechtsphilosophie befragt worden. Fand es unangemessen, Augsburg dabei eine außergewöhnliche Rolle zuzuschreiben; kam mir übertrieben vor. Deswegen aber noch lange nicht gescheitert. Bescheidenheit ist eine Zier, und das zahlt sich bestimmt aus.
Soweit mein Zwischenbericht. Bisher bin ich auf Probe abgestellt, im Sommer kehre ich zurück. Ich erwarte dann keine Dankbarkeitsbezeugungen der Universität für meine Dienste, ich weiß, dass diese nur einen kleinen Teil ausmachen. Schließlich wird Augsburg nicht nur in Genua vertreten. Somit können auch meine zahlreichen Scharten noch ausgewetzt werden, von Botschaftern in Nizza, Lund, Lissabon. Das ist das Schöne an Erasmus.

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