In der Hölle zu Hause

In Palästina studierte er im Kugelhagel – Nun ist Elias in Augsburg

An jenem Tag wäre er besser drinnen geblieben. Aber Elias verließ sein Haus und ging zum gegenüberliegenden Spielplatz: Mit Freunden Fußball spielen. Einige Wochen schon waren er, seine Familie, und der Rest der Stadt Bethlehem von der israelischen Armee unter Quarantäne gestellt. Über der Stadt lag eine merkwürdige Spannung, und die Bewohner hatten das Gefühl, dass die Wände ihrer Häuser ihnen von Tag zu Tag näher kamen. Für den damals 17-jährigen war das unerträglich. Während die Jungen spielten, hörten sie bereits das Dröhnen der Ketten.

Von Philipp Zanklmaier

Sie vermuteten den Panzer aber noch in weiter Ferne. Plötzlich aber, wie aus dem Nichts, war er da. Die Jungs liefen erschrocken rüber zur Mauer, pressten ihre Körper eng gegen die Steine. Ihr Herz raste. Sie wussten, dass wenn man sie erwischte, sie bestenfalls mit ein paar Schlägen davonkommen würden. Oben bei der Mauer die Soldaten, unten fünf Jungs, die beteten. Die Erde bebte – ihre Knie zitterten. Rumpelnd machte sich der Panzer aus dem Staub – ohne dass sie entdeckt worden wären. Elias stoppt.
„Weißt du, wir hatten damals wirklich Glück.“ Er atmet tief durch, schüttelt den Kopf und sagt: „Ich werde das nie vergessen.“

Sicher ist, dass alles unsicher ist

Elias, 21 Jahre alt und gebürtiger Palästinenser, ist seit eineinhalb Jahren zurück in Deutschland. Im Oktober 2003 kam er nach Dortmund. Dort glaubten ihm die Türken aus seiner Klasse nicht, dass er christlicher Araber sei. Das konnte er ihnen verzeihen. Weil er Heimweh hatte, zog es ihn im Februar 2004 zurück nach Palästina. Ein Jahr zuvor hatten Maschinengewehrkugeln das Haus seiner Familie durchlöchert. Verwundert fragten ihn seine Freunde, warum er das Paradies verlassen habe und zurück in die Hölle gekommen sei. Ein Semester lang war Elias Student in Birzeit bei Ramallah. Studieren in Palästina, das bedeutet Lernen zwischen ständiger Angst und Unsicherheit. „Wie sollte ich in Ruhe lernen, wenn draußen ständig Schüsse fielen?“, fragt er mit einem Achselzucken. Für eine Zeit lang gewöhnte sich Elias an die täglichen und nächtlichen Schusswechsel. „Irgendwann ist es fast schon normal“, spricht er mit einem ironischen Lächeln. Trotzdem wusste er, dass jeden Tag israelische Soldaten hätten kommen und ihn mitnehmen können. „Niemand weiß dann, wo und wann man wieder auftaucht.“ Elias ist vom vielen Erzählen ins Schwitzen geraten. Er tupft sich die Stirn mit einem Tuch und flüstert: „Du wusstest nie, was als nächstes passiert. Auch jetzt noch nicht.“ Einmal, als er zusammen mit drei anderen Studenten von der Uni nach Bethlehem fuhr, hätte er beinahe eine Kugel abbekommen. Ihr Taxi hatte sich langsam an den Checkpoint heran gekrochen, blieb aber nicht stehen. „Der Taxifahrer ist einfach weiter gefahren, und da haben die Soldaten auf uns geschossen. Das Mädchen neben mir wurde verletzt, mir selbst ist nichts passiert“, erinnert sich der 21- jährige.
Die neue Freiheit in der fremden alten Welt

Unter diesen Bedingungen konnte und wollte Elias nicht studieren. Er schrieb einen Brief an die deutsche Botschaft, mit der Hoffnung noch einmal ein Visum zu bekommen. „Die Frau in der Botschaft hat geschrien, ich sei verrückt, und meinte ich hätte doch in Deutschland bleiben sollen.“ Wieder musste er einen Deutsch-Sprachkurs nachweisen und sich eine Empfehlung seiner Uni holen. Wieder musste er sein Abitur und ein polizeiliches Führungszeugnis vorzeigen und komplizierte Formulare ausfüllen. „Dazwischen muss man immer zeigen, dass man Geld hat.“ Seine Stimme wird lauter. „Viel Geld! Genug, um im Ausland zu studieren!” Er ist sichtlich erregt, seine Hände ballen sich zu Fäusten, bis er sie schließlich wieder auf den Tisch niedersinken lässt. Zum Glück hat Elias’ Vater noch Bekannte in Regensburg. Das vereinfachte die Sache etwas.
Im September 2004 durfte er nach Regensburg. Dort belegte Elias nochmals einen Deutschkurs, studierte ein Semester Politik und ging anschließend nach Augsburg. Seit dem Wintersemester 2005 studiert er hier Informationsorientierte BWL und ist darüber sehr glücklich. „Obwohl mein Zuhause nur 45 Kilometer von der Uni in Ramallah entfernt ist, braucht man fünf bis sechs Stunden. Das liegt an den israelischen Checkpoints und den Kontrollen.“ Hier in Deutschland braucht er nur fünf Minuten. Das genießt Elias in Deutschland am meisten: Er darf überall hingehen, wann immer er will. „Bei mir in Palästina hat jeder Tourist mehr Freiheiten als ich. Wenn ich raus aus Bethlehem will, dann ist das sehr schwierig“, sagt er. So etwas wie Urlaub kennt man bei ihm zu Hause nicht. Abends zum Weggehen mal schnell in eine andere Stadt fahren? Unmöglich.

Die Zukunft hängt vom Frieden ab

Hier in Deutschland ist Elias oft und gerne unterwegs. Im Jahre 2008 wird er sein Studium abgeschlossen haben; solange will er noch bleiben. Er hat nach wie vor Heimweh, wenn auch längst nicht mehr so schlimm. „Ich rede mindestens einmal in der Woche mit meinen Eltern, meistens über Internet“, berichtet der BWL-Student. Obwohl er sich in Deutschland sehr wohl fühlt, würde er auch schon vor 2008 zurück nach Bethlehem gehen, wenn die Lage es erlaubt. „Es ist traurig, dass es in meinem Land so ist, wie es ist. Auch wenn ich mir einen dauerhaften Frieden nur schwer vorstellen kann, so hoffe ich doch, dass es ruhiger und friedlicher wird.“ Dann nämlich möchte Elias in Palästina arbeiten. Als Bänker vielleicht.

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