Und das ist auch gut so?

Stellt euch einmal vor: Ganz Augsburg wäre schwul – Dann wärt ihr in Berlin

Sehnsüchtig mag der eine oder eher andere Augsburger auf das allumfängliche schwule Leben in einer Großstadt wie Berlin schauen. Dort gibt es schlichtweg alles: schwule Ärzte, schwule Blumengeschäfte, schwule Bars, schwule Autohäuser, schwule Finanzberater, sogar schwule Frisöre, Parties, Bars, Cafés in kaum zählbarer Menge. Aber ist es das wirklich? Braucht man das?

Von Sebastian Dietrich

Will man an jedem Abend der Woche ausgehen, nur weil man kann? Will man dann auch gleich fünf verschiedene Parties zur Auswahl haben? Will man sich auf der hundertsten Preisverleihung/ Buchvorstellung/ Pornopremiere von den unvermeidlichen Personenschützern des geschätzten, aber leider ebenso unvermeidlichen Regierenden Bürgermeisters auf die Füße treten lassen? Selbst wenn man all das nicht wollte, man könnte. Genau das ist die Faszination Berlins.
Die schwule Community Berlins mag groß sein, aber sie ist auch eng: Das blau-gelbe Möbelhaus, das dem schwulen Kiez rund um den Nollendorfplatz am nächsten gelegen ist, gilt inzwischen als Deutschlands größte überdachte Cruising Area – einkaufen, um gesehen zu werden.
Aber welche Auswirkungen hat das Überangebot auf den Hauptstadtschwulen? Er wird wählerischer, anspruchsvoller und nörgeliger. Einige Partyveranstalter beschweren sich hinter vorgehaltener Hand bereits über das allzu kritische Berliner Publikum. Das Angebot sei zu groß, die Gäste könnten ja schließlich auswählen und angesichts der starken Vernetzung der „Community“ (gemeint sind allgemeine Kontaktfreudigkeit und das Internet) könne eine misslungene Party schon das jähe Ende bedeuten. Man flüchtet sich also, wie jede Branche, in die Spezialisierung: Parties für Schwule unter 26, Madonna-Fans, Schlagerfans, Lederfreunde, Skater. Sonderveranstaltungen vor Feiertagen wie Ostern, Weihnachten oder dem Tag der Deutschen Einheit. Sogar die Oscarverleihung wird zum Anlass genommen, die Werbetrommel zu rühren und eine Mottoparty zu veranstalten – passendes Kostüm inklusive.
Aber nicht jede Party ist zwangsläufig ein Gewinn, weder für die Gäste, noch für die Veranstalter. Der geneigte Partygänger muss sich also zügeln, die Liste der Enttäuschungen könnte lang werden und schließlich den Spaß an Berlin gänzlich verderben. Gerade für Studenten, die ob ihrer flexibleren Tages- und Nachtplanung gern gesehene Gäste sind, besteht das kaum zu unterschätzende Risiko, sich im Überangebot zu verlieren, dafür dann aber exakt dieselben Personen, auf deren werte Bekanntschaft man schon am Abend zuvor liebend gerne verzichtet hätte, bereits am nächsten Mittag in der Vorlesung, im Seminar oder – worst case – in der Referatsgruppe wieder zu treffen.
Zeitweise kommt man sich vor, als wäre die Community eine Stadt in der Stadt, keine Parallelgesellschaft, eher eine Kreuz-und-que(e)r Gesellschaft. Man stelle sich vor, ganz Augsburg wäre schwul. Will man das? Und wie sagte schon Bill Clinton auf die Frage, warum er eine Affäre mit einer Praktikantin begann: “For the worst of all reasons: because I could.”

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