Fluch der Dramatik

Die Theatermacherin: Komödien neben dem Doppelstudium

Der Regisseur stürmt auf die Bühne: „Das ist ja abartig! Ich sehe keine Gefühle, ich sehe keine Leidenschaft!“ Haare raufend steht er vor seinen Schauspielern: „Ihr macht mich krank. Ihr macht mich wirklich krank!“

Von Christopher Große

Nun muss sogar Nora Schüssler lachen. Die 23-jährige Augsburger Studentin beobachtet die letzte Probe ihres Stückes Backstage oder der Tag, an dem Gott den Schauspieler schuf. Im Gegensatz zu Regisseur Billy Lean, der an „Schuld und Unschuld“, dem kitschigen Stück im Stück, verzweifelt, bleibt Autorin und Dramaturgin Nora gelassen. „Die Generalprobe läuft schlecht genug, dass es morgen gut wird“, witzelt der 26- jährige Lehramts-Student Vinzenz Martlreiter. Zwei Wochen intensiver Proben „ohne Pausen und ohne Essen“ liegen hinter dem zwölfköpfigen Ensemble. Fünf Schauspieler sind eigens aus Schwäbisch Gmünd angereist, wo Backstage 2005 uraufgeführt wurde, die übrigen studieren in Augsburg. „Wir wollten eine Komödie über das Theater umsetzen, und das zeigen, was hinter der Bühne geschieht“, beschreibt Eva Bendl, 23-jährige Studentin der Europäischen Kulturgeschichte, die Idee.

 

Der Text ist kein Heiligtum

Über ein halbes Jahr hat Nora an ihrem mittlerweile vierten Bühnenwerk geschrieben: „Nachts! Wann denn sonst?“ Die Dramatikerin kann sich dabei einer ungewöhnlichen, wenn nicht gar einzigartigen Synthese mit ihrem Ensemble erfreuen. Durch die jahrelange gemeinsame Theaterarbeit konnte sie den Schauspielern ihre Rollen nahezu auf den Leib schreiben: „Das sollte man aber besser nicht erwähnen. Schließlich spiele ich selbst in meinem Stück die untalentierte Tochter.“ Seit ihrem 14. Lebensjahr schreibt Nora Theaterstücke. Weil sie ihre Englisch-Hausaufgaben eher unregelmäßig erledigt, soll sie eine Strafarbeit verfassen. Aus Trotz entsteht ein 20-seitiges englischsprachiges Drama. Heute arbeitet sie neben ihren beiden Studiengängen Gymnasiallehramt und Ethik der Textkulturen zuweilen exzessiv und bis in die frühen Morgenstunden an ihren Stücken: „Schreiben ist bei mir kein Ritual. Ich schalte den Computer an und es geht los. Die Ideen kommen mir beim Spazieren gehen genauso wie auf Kompaktseminaren.“ Ihr Ensemble bindet sie dabei stets in den Schreibprozess ein: „Der Text ist kein Heiligtum. Da wird immer noch was umgestellt – manchmal auch eine Woche vor der Aufführung.“ Allzu dünnhäutig darf Nora dabei nicht sein: „Ich muss mir wegen jeden Stückes eine ganze Menge anhören. Wenn die Kritik gerechtfertigt ist, schmerzt es schon. Aber das hält mein Ego aus.“ Auch die Inszenierung ist Gemeinschaftssache: „Ich schimpfe hier nicht die ganze Zeit rum.“ Die Schauspieler lachen.

Meine, eure letzte Chance

Bei ihrem Studium liegt Nora im Zeitplan. Gelassen blickt sie in die Zukunft. Gegen ein Leben als Schriftstellerin hätte sie nichts einzuwenden. „Aber wenn das nicht klappt, ist’s auch nicht schlimm. Ich muss einfach weiter schreiben. Und an einer Schule die Theater-AG zu leiten, kann ich mir auch gut vorstellen.“ Eine Erzählung hat sie bereits veröffentlicht. Vielleicht erfüllt sich ja auch der Wunsch nach der ganz großen Bühne: „Wenn ich inszenieren würde und alle Zeit hätten, dann am Liebsten mit diesem Ensemble.“ Der erst 18-jährige Magnus Frey jedenfalls ist ein so vielversprechendes Talent, dass ihm eine Karriere im Schauspielfach durchaus zuzutrauen wäre. Doch auch das übrige Ensemble weiß in der gekonnten Parabel aufs Theatermachen durchaus zu überzeugen. Schlüsselfigur des Dramas ist der herrische, cholerische und vollkommen größenwahnsinnige Regisseur Billy Lean, mitreißend verkörpert vom gerade 19-jährigen Thomas Sachsenmaier. In der schrulligen Unbedingtheit seines existenziellen Kampfes für den Platz der Kunst in einer kunstfeindlichen Umwelt („Damit können wir wieder ganz nach oben kommen.“ – „Das war meine, das war eure letzte Chance!“) entwickelt er eine geradezu tragische Größe.

Boulevard voller Eitelkeiten

Nora Schüssler präsentiert die Welt des Theaters als Schauplatz kleiner und großer Tragödien, als Boulevard der Eitelkeiten und Intrigen, als Schlangengrube. Die Schauspieler ihrer Innenhandlung sind exzentrische Möchtegern-Sternchen, selbstgefällig, undankbar, verfangen in verworrenen Liebeleien und hoffnungslos dilettantisch. Mit erstaunlicher Leichtigkeit erzählt sie von der Unmöglichkeit der Kunstproduktion in einer Gesellschaft, in der die Zwänge einer abstrusen Ökonomie längst die Oberhand über das Ästhetische gewonnen haben – sinnbildhaft verkörpert in der Produzentenfigur George Winesteans. Lukas Spille gibt einen gewissenlosen, kriminellen Sponsor, einen Kunstbanausen und -zerstörer, und es gehört zu den ganz feinen Kniffen dieses Stückes, dass es gerade den dümmlichen Ersatz-Regisseur Winestean zu bauernschlauen und den mithin erstaunlichsten Einsichten gelangen lässt. „Theater ist immer absurd“, poltert er, und liefert damit die Blaupause für die eigentliche Tragik dieser Komödie, die Absurdität des Weitermachens, des verzweifelten, unbedingten Kunstschöpfens wider alle Widrigkeiten. So sind doch alle auf der Bühne lediglich maskierte Getriebene ihrer eigenen Ansprüche, liebenswürdig in ihrem aussichtslosen Kampf gegen die Sinn- und Erfolglosigkeit des eigenen Schaffens, gegen die eigene Unzulänglichkeit und Selbstüberschätzung. Diese Demaskierung ist großes Theater. „Die Kunst des Theaters ist es, dem Publikum das Chaos, das hinter den Kulissen herrscht, vorzuenthalten“, sagt Winestean an anderer Stelle – vielleicht das treffendste Beispiel für das kunstvolle wie komische Arrangement der niemals albernen Plattitüden und zugleich eindrucksvolles Indiz für das gekonnte Spiel mit den verschiedenen dramatischen Ebenen.

Nichts zu lachen: Vernichtende Kritik

Die Schauspieltruppe von „Schuld und Unschuld“ scheitert letztlich grandios, die Kritik lässt kein gutes Haar am Stück. So herrscht am Ende vollkommene Finsternis – während der gebrochene Regisseur Lean einsam nach Licht fleht. Nicht erst jetzt spürt man, dass Nora Schüssler den Theatermacher Thomas Bernhards gesehen hat, während sie an ihrem Stück schrieb. Nora kommt es darauf an, zu unterhalten. Publikum und Ensemble sollen ihre Stücke Spaß machen. Ihr nächstes Drama ist am Entstehen, zum ersten Mal werden die Zuschauer wenig zu lachen haben: ein psychologisches Drama über eine beklemmende Vater-Sohn-Beziehung. „Ich habe während meiner Zwischenprüfungszeit mit der Arbeit begonnen. Da habe ich einfach keine Komödie hinbekommen.“

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