Hungernde Afrikaner

Hungernde Afrikaner werfen Essen weg!

Der kamerunische Student Dimitri Teugueka hat in Augsburg mit Klischees zu kämpfen

„Iss auf Kind! In Afrika verhungern die Kinder und du isst dein Essen nicht auf.“ Afrika ist also generell arm und am Verhungern! Klischee oder Tatsache?

Von Marco Pfohl, Fotos: Christopher Große

Zumindest eine pauschalisierte Information, mit der jeder von uns bereits in der Schule und beim Weltspiegel schauen mit den Eltern am Sonntagabend konfrontiert wurde. Auf die gegensätzliche Aussage,„Europa beziehungsweise Deutschland ist reich“, werden wir seltener in unserer Bildungslaufbahn getroffen sein. Genau das sind aber die Inhalte, die den afrikanischen Schülern vermittelt werden. „Es geht uns gut in Afrika, aber im Fernsehen und in der Schule haben wir immer nur das reiche Europa kennen gelernt, das so viel mehr Möglichkeiten bietet, und in dem alles so einfach ist.“ Dimitri Armand Teugueka Nanfa kommt aus Kamerun und ist Student in Augsburg: Der perfekte Mann also, um über Klischees oder Tatsachen zwischen Deutschen und Afrikanern aufzuklären.

Deutschland: Ein Studentenmärchen

Der älteste Sohn einer Großfamilie aus Kameruns Hauptstadt Jaunde kommt aus einer mittelständischen Familie. Sein Vater hat einen Getränkehandel und die Familie kommt zurecht. Reich sind in Kamerun andere. „Nach meinem Abitur wollte ich studieren, denn nur mit einem Studium hat man in Kamerun die Chance, etwas zu erreichen“, erklärt der 25jährige. Kamerun und speziell die rund 1,4 Millionen Einwohner zählende Metropole Jaunde haben gute Universitäten vorzuweisen. „Dort einen Studienplatz zu bekommen ist sehr schwer, weil die Plätze zuerst an die Reichen des Landes verteilt werden“, bemerkt Dimitri kritisch. Die Alternative: ein Auslandsstudium im fernen Europa. Seine Schwester lebte bereits mit ihrem Mann, einem Wissenschaftler, in Köln und so fiel seine Wahl auf Deutschland. Ein, im Nachhinein leichter Schritt, der noch sehr viele Schwierigkeiten mit sich bringen sollte.

Schwierigkeiten, die den stets optimistischen jungen Afrikaner nicht abschreckten. Dimitri betont: „Ich wusste, dass es umständlich ist, aber ich wollte nach Deutschland. Es bot mir die Möglichkeit, etwas Neues zu entdecken, neue Menschen kennen zu lernen und einen Blick über den Tellerrand zu werfen.“ Die Ausbildung in Deutschland genießt einen sehr guten Ruf im Ausland, weshalb sich seine Eltern schnell mit dem Gedanken anfreunden konnten, dass ihr Ältester den steinigen Weg auf sich nehmen wollte, und ihn unterstützten, wo sie konnten: „Trotz wenig Geld hat mein Vater alles getan, um die nötigen 7000 Euro Kaution zu stellen, die man braucht, um den deutschen Behörden zu zeigen, dass man in Deutschland ohne Hilfe leben kann.“

Neben der hohen Kaution muss man zusätzlich einen achtmonatigen Deutsch-Sprachkurs absolvieren, bevor man die Formulare für einen Visumantrag erhält. Außerdem muss man einen Studienplatz in Deutschland vorweisen. Um den kümmerte sich Dimitris Schwester in Deutschland. Die Technische Universität Ilmenau erteilte ihm die Zulassung für seinen Wunschstudiengang Elektrotechnik. Auch das Zimmer im Studentenwohnheim organisierte die Hochschule.

Die Karte des langen Weges

Alle Hürden schienen überwunden. Der Antrag auf das Visum folgte. Die Dokumente werden dafür von der Botschaft nach Deutschland geschickt. Nach über sechs Wochen dann der Schock: „Ich habe ein Kreuz falsch gesetzt, weshalb der Antrag ungültig war und ich noch mal alles ausfüllen musste.“ Dimitri schüttelt den Kopf. Nach weiteren sieben Wochen – bis zu diesem Zeitpunkt waren seit dem Beginn der „Operation Auslandsstudium“ mittlerweile knapp eineinhalb Jahre verstrichen – kam das lang ersehnte Visum. Auch ein neuer Studienplatz musste gesucht werden, den die Schwester dann an der TU Clausthal fand. In Deutschland angekommen, setzte sich seine persönliche Odyssee fort. Da ihm Clausthal nicht übermäßig zusagte, erneuerte er umgehend die Zulassung in Ilmenau und absolvierte an beiden Unis den Aufnahmetest – sogar am selben Tag. „Clausthal war seltsam: Keine Straßenbahn, kalt und am Berg“, erklärt der angehende Ingenieur seine Entscheidung. Weil auch noch die Zusage Ilmenaus zuerst eintraf, stand die Wahl fest.

Immer noch nicht am Ziel

Nun erwartete ihn eine weitere Überraschung: „Zu meinem Sprachkurs in Kamerun, musste ich noch den Kurs „DSH“ ablegen.“ DSH steht für Deutsche Sprache für den Hochschulzugang. „Noch mehr Zeit, in der ich nicht studieren und nicht arbeiten konnte und somit von dem Geld der Kaution leben musste“, rekapituliert Dimitri. Die Sprachlehrerin in Ilmenau legte ihm noch weitere Steine in den Weg, indem sie ihn in diejenige Fördergruppe steckte, die nach dem einsemestrigen Kurs gar nicht am Test teilnehmen durfte. Damit gab sich der zielstrebige Afrikaner nicht zufrieden. Er suchte nach anderen Möglichkeiten, den Test abzulegen. Er fand sie in Augsburg. Trotz dem Abraten seiner Schwester, dass es „in Bayern wegen der Behörden und der teuren Kaution schwieriger sei, als anderswo in Deutschland“, entschied er sich für die Fuggerstadt.

Er bestand den Test, konnte aber sein Visum nur für weitere drei Monate verlängern, da das Geld allmählich knapp wurde. „Je mehr Geld man hat, desto länger darf man in Deutschland bleiben.“ Eine nüchterne Tatsache, bei der Dimitri immer wieder schlucken muss. Er suchte sofort nach Arbeit und fand sie auch. Als Kommissionierer arbeitet er bei einem Friedberger Möbelhaus und versucht sich damit über Wasser zu halten. „Das Geld ist knapp, da meine Eltern sich nun um meine Geschwister kümmern sollen“, erklärt der Kameruner. Dieser Zustand führte auch dazu, dass sein weiteres Visum nur Dank der Bürgschaft eines Freundes aus der KHG verlängert wurde. Dort verbringt er auch den Großteil seiner knappen Freizeit. Immer montags geht er seiner großen Leidenschaft nach und gibt Tanzkurse für jedermann in Salsa, Standard und Latein. Des Weiteren engagiert er sich beim Akademischen Auslandsamt der FH Augsburg und betreut andere ausländische Studenten aus dem ERASMUS-Programm. „Freizeit ist mir nicht so wichtig. Ich bin hier, um schnell mein Studium zu Ende zu bringen und Ingenieur zu werden“, gibt er zu verstehen. Dabei unterstützen ihn seine Professoren nach Kräften, die ihm sogar Einzelunterricht in den Semesterferien anbieten oder ihm bei der Suche nach einem geeigneten Praktikum helfen.

Nicht alles ist, wie man es uns beibringt

„Deutschland gefällt mir sehr gut. Ich würde sehr gerne nach meinem Studium hier bleiben und in Deutschland arbeiten“, sagt er voller Überzeugung. Er mag das Land, die Menschen und ihr Essen. Am liebsten läuft er durch die Stadt und beobachtet ihre Bewohner – und deren ganz alltägliche Verrichtungen. Menschen sind für Dimitri etwas ganz besonderes, ihr Verhalten interessiert ihn. Es freut ihn, wenn er Unterschiede registriert, und er ist überzeugt, dass er so seine neue Heimat am besten kennenlernen kann. Trotz der vielen positiven Erfahrungen, die er in Deutschland sammeln konnte, stoßen ihm die zahlreichen Klischees über seine Heimat manchmal negativ auf: „Mit Afrika verbinden die Deutschen immer nur Armut und Hunger. Das stimmt so nicht, und ich finde das furchtbar“, betont Dimitri energisch, „ich kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn mich Kommilitonen fragen, ob wir fließendes Wasser haben.“ Nach einer kurzen Pause legt er lachend nach und begräbt damit wohl einige Vorurteile: „In meiner Heimatstadt gibt es sogar ein Hilton Hotel, und wenn die Kinder bei uns keinen Hunger mehr haben, werfen sie die Reste in den Müll!“

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