Mehr als Brecht und Mozart

Ein studentisches Buchprojekt auf den Spuren berühmter Augsburger

Mehr als eine Hand voll Namen fallen wohl niemandem ein, fragt man ihn nach Augsburgs großen Persönlichkeiten. Mozarts Vater vielleicht, die Fugger – und natürlich Brecht. Aber der schätzte an seiner Heimatstadt bekanntlich nur den Zug nach München.

Von Nicola Bodman-Hensler / Thomas Neumann

Dass Augsburg mehr zu bieten hat, zeigt das studentische Buchprojekt „Augsburger Lebenswege“. Auf stattliche 26 namhafte Persönlichkeiten bringt es die Porträtsammlung über Menschen, die alle eng mit Augsburg verbunden sind. Von der grünen Bundestagsabgeordneten Claudia Roth bis zum weltberühmten Golfprofi Bernhard Langer vereint das Buch zahlreiche prominente und weniger bekannte Gesichter.

Literweise Kaffee

Geschrieben haben es Augsburger Studenten der Kommunikationswissenschaft. Im Seminar „Journalistisches Arbeiten“ bei Dr. Torsten Knödler lernten sie zunächst die Grundlagen des Handwerks – Meldungen schreiben, recherchieren, Reportagen verfassen. Die Idee, „mal was zu machen, das nicht gleich wieder im Mülleimer landet“, kam dann von ihrem Dozenten, berichten Katrin Kratzer und Stefanie Probst, zwei der insgesamt neun Autoren. Nun galt es, diese Idee auch in die Tat umzusetzen. Und das hieß nicht nur eine Handvoll, sondern: eine ganze Menge Arbeit. Denn die Studenten nahmen alles selbst in die Hand, von der Auswahl der Porträtierten bis zur Pressekonferenz. Recherchieren, Interviews führen, schreiben, layouten, Spenden sammeln – alles in Eigenregie. Dass man bei so einem Mammutprojekt das restliche Studium vernachlässigen muss, ist klar. Auch so manchen Rückschlag mussten die Autoren in Kauf nehmen, teilweise landeten ganze Artikel in der Tonne. „Aber irgendwie haben wir uns immer wieder aufgerappelt“, sagt Stefanie. Und nach neun Monaten Arbeit, unzähligen Nachtschichten und literweise Kaffee waren alle stolz auf das Resultat. Denn nicht nur für ihre berufliche Zukunft konnten die Nachwuchsjournalisten wichtige Erfahrungen sammeln. Das Schreiben an den Porträts war auch persönlich bereichernd, „weil man mal mit ganz anderen Leuten in Kontakt kommt“, wie Katrin versichert.

Eine Stadt, viele Leben

Schlägt man die Augsburger Lebenswege auf, so springt die Vielfalt dieses Projekts sogleich ins Auge. Politiker, Unternehmer, Verleger, aber auch Sportler und Künstler erzählen auf drei bis vier Seiten die Geschichte ihres Werdegangs und die ihres Erfolgs. Denn eines ist sicher, erfolgreich sind alle Portraitierten – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weisen. So berichtet der Golfer Bernhard Langer über seine bescheidenen Anfänge als Caddy, Claudia Roth von der Rolle ihres Lebens, man lernt die christlichen Leitbilder von Weltbild-Chef Carel Halff näher kennen, begegnet Peter Eigen bei seinem Kampf gegen die Korruption, aber auch Oberbürgermeister Paul Wengerts Vorliebe für die Etikette kommt zur Sprache. Gemeinsam scheint den Portraitierten zunächst nur eines: die Verbindung zu Augsburg, mal mehr, mal weniger stark, aber immer präsent. Doch stellt sich bei der Lektüre schnell eine weitere Gemeinsamkeit heraus: Ein Großteil der Portraits nimmt männliche Unternehmer ins Visier. Damit wird die Frage aufgeworfen, ob Augsburg tatsächlich hauptsächlich erfolgreiche Söhne hat, denn unter den 26 Portraitierten sind nur vier Frauen. Wird Stadtgeschichte also immer noch hauptsächlich von Männern geschrieben? Die Portraits von Claudia Roth, der Verlegerin Ellinor Holland und IHK-Chefin Hannelore Leimer widerlegen dies eindeutig, dennoch scheinen die Frauen deutlichen Aufholbedarf zu haben, wenn man den Augsburger Lebenswegen Glauben schenken mag. Zum Teil waren allerdings auch Koodinationsschwierigkeiten und Absagen auf Seiten der Interviewpartner Grund für dieses ungleiche Bild. Bei neun verschiedenen Autoren und 26 Portraits unterschiedlichster Menschen sind inhaltliche und stilistische Unterschiede selbstverständlich. Highlights stellen in jedem Fall die Portraits von Claudia Roth und Peter Eigen dar. Der Schreibstil variiert von Portrait zu Portrait in Stil und Qualität. Gerade die Vielfalt von Inhalt und Stil macht die Lektüre der Lebenswege jedoch besonders interessant. Auch zeigt das Projekt beispielhaft, was aus einem universitären Seminar an Kreativität, Initiative und praktischen Ergebnis entstehen kann. Der Lerneffekt eines solchen Projekts ist dabei nicht zu unterschätzen und so charakterisieren die Studenten diese Zeit mit den Worten: „Lehrreich, arbeitsreich, ereignisreich“ – einen besseren pädagogischen Erfolg kann sich ein Dozent wohl kaum wünschen. Und auch dem Leser ist klargeworden, dass es neben Brecht und Mozart noch andere interessante Augsburger Persönlichkeiten gibt.

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