Schallmauern durchbrechen

Sebastian Vogele ist der schnellste Mann Augsburgs – und Diabetiker.

An jenem Morgen ging wirklich alles schief. Es regnete. Der Wettkampfausrichter hatte seine Startkarte irgendwo in einem Büro verschlampt. Er durfte über die 100 Meter nicht antreten.

Von Susanne Gruner

Seine Paradedisziplin. Und das bei den Bayerischen Meisterschaften. Auf diesen Wettkampf trainierte er die ganze Saison hin. Am Nachmittag stand aber noch die 4×100 Meter Staffel an, bei der auch sein jüngerer Bruder mitlief. Das Wetter hatte sich gebessert. Der Wind stand günstig. In ihm brodelte noch der Frust über die geplatzten 100 Meter. Während des Laufes ließ er dann seine ganze Wut raus, und sicherte der Staffel so am Ende Silber. Sein Brustkorb hebt sich und die Augen blicken verträumt aus dem Fenster, als er sich an diesen Wettkampf im Juli 2005 zurückerinnert. „Das war das Größte“, erzählt Sebastian stolz.

Training – die erste Geige

Sebastian Vogele, 23, studiert an der Universität Augsburg Realschullehramt. Aber das Studium spielt nur die zweite Geige in seinem Leben. „Zuerst kommt das Training, dann das Studium“, erklärt er mit fester Stimme. Dass er deshalb die EWS-Prüfung im Frühjahr wiederholen musste, scheint ihn kaum zu stören. Der drahtige Sportler ist eben nicht der Strebsamste. „Ich mag Auswendig-Lernen nicht. Ich bin eher der Praktiker“, sagt er ruhig und gelassen. Wenn andere jobben oder feiern, ist Sebastian im Training. In der Halle, auf der Außenbahn, Krafttraining – vier mal in der Woche für jeweils zwei Stunden. Er lehnt sich bequem in seinem Stuhl zurück, als er von seinem Sport erzählt. Das intensive Training lohnt sich. 2006 holte sich Sebastian den Pokal für den erfolgreichsten Kurzstreckenläufer in Bayerisch-Schwaben. Und für diese Saison hat er sich Großes vorgenommen. „Ich will unbedingt die Schallmauern von 11 Sekunden auf 100 Meter und 50 Sekunden auf 400 Meter brechen“, erklärt er bestimmt und richtet sich ein wenig im Stuhl auf. Seine Bestzeit auf 100 Meter liegt bei 11,05 Sekunden. Fünf Hundertstel klingen wenig für einen Laien, aber im Leistungssport sind sie schwer zu knacken. „Da muss man einen sauguten Tag erwischen, mit Allem Glück haben. Auch der Wind muss passen.“ Nebenbei tritt Sebastian auch beim Zehnkampf an. Die Abwechslung reizt ihn dabei besonders, aber Spitzenleistungen vollbringt er hier nicht. „Für die Wurfdiziplinen bin ich leider zu schlecht ausgestattet“, grinst er und deutet auf seine dünnen Oberarme. Für seinen Leistungssport ist ein enormes Trainingspensum und absolute körperliche Fitness erforderlich. Dabei ist Sebastian Diabetiker.

Stets griffbereit: Traubenzucker und Apfelschorle

Fasching vor 10 Jahren: Sebastian trank mehrere Liter am Tag. Sein Blutzuckerspiegel war damals viel zu hoch. Den Zuckerüberschuss baute er mit sehr viel Wasser ab. Kurz danach die Diagnose: Diabetes. „Die Krankheit hat mich früher oft angekotzt. Ich war damals ja noch ein halbes Kind und musste mit ansehen, wie meine Geschwister ohne Ende Süßigkeiten aßen, ohne selber richtig zugreifen zu können“, erzählt er mit ernster Stimme. Seine Bauchspeicheldrüse produzierte das lebensnotwendige Insulin nicht mehr und von da an hieß es: Nach jedem Essen Blutzucker messen und Insulin spritzen – sieben mal am Tag. Manche Lebensmittel müssen vorher abgewogen werden, z.B. Reis oder Nudeln, ausgerechnet sein Lieblingsessen. An diese massive Lebensumstellung gewöhnte er sich nur langsam.

Besonders beim Sport behindert ihn die Krankheit. „Man muss höllischaufpassen, sonst kippt man ganz schnell um.“ Ein paar Mal ist ihm das auch schon passiert. Beim Training liegen seitdem immer Traubenzucker und Apfelschorle griffbereit. Inzwischen sieht er den Diabetes nicht mehr als Krankheit. „Das gehört eben zu meinem Leben. Man gewöhnt sich daran“, erklärt er ruhig und mit einem Schulterzucken. Außerdem trägt er seit zwei Jahren Tag und Nacht eine Insulinpumpe, auch beim Sport oder Duschen. Ohne zu zögern schiebt er sein T-Shirt hoch und zeigt auf einen kleinen schwarzen Kasten am Gürtel. Ein weißer Schlauch führt bis unter ein großes Pflaster auf dem Bauch, das die Nadel versteckt, über die das Insulin in seinen Körper gelangt. Dadurch kann er sich jetzt noch besser auf das Training konzentrieren, denn die Pumpe nimmt ihm das lästige Insulinspritzen ab. „Die 11 Sekunden werden dieses Jahr geknackt“, sagt er voller Überzeugung. Ob er sich schon mal überlegt hat, mit dem Sport aufzuhören? „Mit dem Laufen ist erst Schluss, wenn es gar nicht mehr geht, bis ich auf allen Vieren daher komme, bis zum bitteren Ende.“

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