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Kampf der Systeme: Bachelor versus Magister

Von Dominik A. Hahn, Jörn Retterath; Foto: Jan Bürgermeister, Illustration: Alexander Stelz

Text: Dominik A. Hahn

Ich mag MuK, denn ich bin MuKler. MuK, das ist der BA/MA-Studiengang Medien und Kommunikation. Natürlich müsste ich MuK nicht mögen, nur weil ich es studiere. Irgendwie mag ich MuK trotzdem. Klingt nämlich toll. Irgendwie wichtig. Und hat nur Vorteile: „Darf ich mich vorstellen? Ich bin der Bachelor. Willst du diese Rose?“ Ein todsicheres Ding in jeder Disco. Überzeugt? Nein?!

Inhaltlich? Ach so, ja, also inhaltlich ist MuK auch eine Wucht. Neben den drei Hauptfächern mit insgesamt 14 Modulen stehen noch acht Nebenfach- Module zur „Auswahl“, in denen man 140 Credit Points (CP) ansammelt; für das verpflichtende Praktikum und die BA-Arbeit gibt’s jeweils 20 Punkte obendrauf. Die Wahlfreiheit orientiert sich allerdings eher am chinesischen Parteiensystem. Schließlich muss man eine vorgeschriebene Anzahl von CPs in den ebenfalls festgelegten Modulen erreichen.

Fit fürs Berufsleben

Aber im Ernst: Ich sehe viele Vorteile im neuen Studiensystem. Die Schwerpunktvorgaben helfen vor allem anfangs nicht die Orientierung zu verlieren. Ein Segen für jeden Ersti. Dank dieser Anweisungen lernt man auch gezielt das, was man braucht – oder zumindest was die Studien- und Prüfungsordnung vorgibt. Klar, BA/MA-Studiengänge sind weitaus verschulter als ihre Magister- und Diplom-Pendants, das Humboldt’sche Ideal nicht verwirklicht. Dafür lernt man in kürzerer Zeit mehr Stoff. Rund 25 Punkte sollte man pro Semester erbringen. Dann ist man innerhalb von sechs Halbjahren durch. Umgerechnet sind das vier bis sechs Scheine. Will man das letzte BA-Semester frei für die Abschlussarbeit haben, muss noch ein Leistungsnachweis mehr her.

Das neue System erzieht zur stärkeren Zielorientierung. Der Bachelor hat nicht die Zeit, mit seinem Magister-Kollegen in der Cafete über die nächste soziale Revolution zu diskutieren. Schließlich zählt jede Note für sein BA-Zeugnis. Einen eingebrachten Schein kann man nicht durch eine bessere, später vollbrachte Leistung ersetzen. Natürlich ist dies kritikwürdig. Doch ich sehe das positiv, denn es bereitet besser auf die Zeit nach dem Hochschulleben vor. Der Umgang mit Leistungs- und Zeitdruck kann nicht schnell genug erlernt werden.

Nicht zuletzt hilft das anglo-amerikanische Schema – durch die nun gegebene internationale Vergleichbarkeit – sich im Beruf besser durchzusetzen. Nirgendwo sonst als im BA/MA-Studium trifft man mehr Entscheidungen, die auf einem klaren Kosten-Nutzen-Denken basieren. Hier wie in der Arbeitswelt zählt das Ergebnis.

Die Freiheit nehm‘ ich mir

Raum für einen individuellen Stundenplan bleibt auch. Wie man die geforderten Punkte in den jeweiligen Modulen erbringt, obliegt den eigenen Interessen. Die Freiheit in die Vorlesungen oder Seminare zu gehen, die einen ansprechen, ist gegeben. Nur eine Hand voll  Veranstaltungen sind Pflicht.
Bleibt die Frage, ob das neue System besser als das alte ist. Die Antwort bleibe ich schuldig. Beide Studienformen haben ihre Stärken und Schwächen. Die beiden gegenseitig aufzuwiegen scheitert ob der vielen Unterschiede. Letzten Endes ist es eine Frage der eigenen Philosophie und Erwartungen. Luftiger Rock versus starres Korsett. Humboldt gegen Bologna. Zeit zum Ausprobieren oder Funktionieren von Anfang an. Nichts davon ist optimal. Aber nur als Bachelor kann man sagen: „Willst du diese Rose … ?“

Contra Bachelor

Text: Jörn Retterath

Nein, ich möchte keine Rose! Ich bevorzuge lieber, um im Bild zu bleiben, den wilden, bunten Bauerngarten mit den verschiedensten Sorten Blumen. Mit der tristen, eintönigen Monokultur an Rosen kann ich hingegen wenig anfangen.

Ich studiere Geschichte auf Magister und würde auch heute, wenn ich könnte, mich wieder für den Magister Artium entscheiden. Zwar ist auch am Magister nicht alles Gold, was in der Prüfungsordnung glänzt, aber ich sehe darin größere Vorteile als im BA-Studium. Das neue Modell mit vielen verpflichtenden Modulen, Benotungen und einem fast fertigen Stundenplan verschult die Uni und raubt den Kreativen die Freiheit. Das Ideal einer möglichst breiten Allgemeinbildung an der  universitas wird durch die neuen Studiengänge weiter zurückgedrängt. Was bleibt ist die Hoch-Schule.

Chaos mit Struktur?

Natürlich ist es im jetzigen System nicht optimal, dass ich in meinem Geschichtsstudium nie etwas über den Dreißigjährigen Krieg gehört haben muss und mich dennoch nach bestandener Magisterprüfung „Historiker M.A.“ nennen darf. Die niedrigen Scheinanforderungen ermöglichen ein Schmalspurstudium – mit der geringsten Anzahl an vorgeschriebenen Scheinen auf zur Prüfung! Andere kommen nicht zurecht, da der Leistungsdruck gering ist und viel eigenverantwortliches Arbeiten und damit Selbstdisziplin verlangt wird. Aber die Universität soll andere Aufgaben als die Schule erfüllen. Ein gewisses Maß an Selbstständigkeit und Selbstorganisation müssen die Studierenden mitbringen bzw. erlernen. Das sind auch Schlüsselqualifikationen, auf die die Uni mitunter schmerzhaft vorbereitet. Und wer ein Schmalspurstudium macht, sollte sich später nicht über mangelndes Wissen beschweren. Wer will, kann sich selbst Schwerpunkte setzen, aber sich gleichzeitig auch anderswo einen Überblick verschaffen. Da sieht es im Bachelor mit seinen vorgefertigten Modulen und der ständigen Leistungsbewertung schon wesentlich strukturierter aus – aber auch eintöniger. Viele entstandene Module sind sicherlich gut und wichtig, doch einige muten etwas willkürlich zusammengestoppelt an. Häufiger tritt hier stärker die Bestrebung zu Tage, „Orchideenfächer“ vor dem Aus zu retten, als innovative und sinnvolle neue Studiengänge zu schaffen. Wie die Erfahrung aus anderen Unis lehrt, wird es zu Beginn von BA und MA noch manche Schwierigkeit und viel Chaos geben: Zwei Studiensysteme existieren nebeneinander her, die Prüfungsordnungen ist noch weitgehend unbekannt und so manches Konzept schlicht verfehlt.

BA arbeitslos?

Ob der Wechsel zwischen den Hochschulen sich national und international wirklich vereinfacht, mag dahin gestellt sein. Jedoch sind manche Master-Studiengänge so spezifisch und auf den jeweiligen BA vor Ort aufbauend, dass schon der Wechsel von Augsburg nach Bayreuth quasi unmöglich wird. Auch ob alle Studiengänge die notwendige Akkreditierung erhalten ist fraglich – an einigen Hochschulen wurde der frischgebackene BA auch wieder eingestampft und es musste ein neuer konzipiert werden. Die Übergangszeit verspricht also Spannung für alle Beteiligten. Den Studienanfängern bleibt zu wünschen, dass sie bei alldem nicht auf der Strecke bleiben.

Und was kommt nach der Uni? Wie wird die Akzeptanz für die ersten Bachelor und Master von Seiten der Wirtschaft sein? Was soll etwa mit der Masse an Studierenden geschehen, die zwar einen Bachelor haben, aber auf Grund eines hohen Numerus Clausus nicht zum Master-Studium gelangen – haben sie Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Böse Zungen verweisen darauf, dass die Abkürzung BA auch für die Bundesagentur für Arbeit stehe. Vielleicht wäre die Reform der bestehenden – und international durchaus angesehenen – Studiengänge Magister und Diplom die bessere Alternative zur europaweiten Gesamtumstellung gewesen. Ob und wann das frisch bepflanzte Feld mit Bachelor-Rosen blühen wird, bleibt abzuwarten.

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