Ersti, ledig, jung, sucht…

Ausdauer ist die halbe Miete: Wer zum Studieren nach Augsburg kommt, der findet nicht immer gleich die richtigen vier Wände. Zu teuer, zu klein, zu versifft – viele Fallstricke warten auf angehende Akademiker, die von daheim auszogen, um manchmal in der Ferne das Fürchten zu lernen. Was man erlebt, wenn Ver-, Nach- und Untermieter aufeinander treffen, das zeigt der folgende Erfahrungsbericht.

Von Christian Minaty, Illustration: Susanne Gruner

Der Teufel steckt im Detail. Eine Vermieterin will am Telefon wissen, ob ich Spanier sei. „Eher weniger“, meine ich. Sie: „Tut mir leid, für mich kommen nur Leute infrage, die mir die Sprache beibringen können.“ Ein Mieter will seine Einbauküche in blauem Furnierholz für ein paar Tausend Euro an mich ablösen und eine Pädagogik-Studentin verlangt von ihrem potenziellen Mitbewohner ein gerüttelt Maß an Tierliebe, während mehrere Katzen und undefinierbare Nager um sie herum wuseln. Mit dem Alpenblick im „Hotelturm“, jenem 158 Meter hohen schwäbischen Wolkenkratzer in Zentrumsnähe, ist es ebenfalls vorerst Essig. Die Appartements dort kann ich mir ohne Gelddruckmaschine kaum leisten.

Abspülen im 4/4-Takt

Mein Budget ist begrenzt, die gute Laune ist es zunehmend auch. Im Netz stöbere ich eine günstige 2er-WG auf. „Hi“, sagt die vielleicht 25-jährige Hauptmieterin beim Besuch ihres freundlichen Domizils. „Komm rein, die anderen sind auch schon da.“ Welche anderen? Im Wohnzimmer haben sich zahlreiche Interessenten wie zu einem Sektempfang versammelt. Alle haben sich vor mir in eine Liste immatrikuliert. Meine Einzugschancen sinken ins Bodenlose. Die blonde Hausherrin hebt mahnend den Zeigefinger: „Was ich gar nicht leiden kann, sind Mitbewohner, die ich dauernd bemuttern muss.“ Die Regenwolken hängen schwer über dem immergrauen Wohnblock in Oberhausen.

„Zur Nachbarin kannst du ‚Hallo‘ sagen, sooft du willst, die grüßt nie zurück. Wahrscheinlich verbietet es ihr Mann“, sagt der Vermieter, dessen Namen ich vergessen habe und den ich daher Mr. V. nenne. Mr. V. lehnt lässig an der Spüle. Der Wasserhahn tropft im 4/4-Takt. Meine Frage, ob es hier einigermaßen ruhig sei, geht in spontanem Gebrüll unter, das von nebenan durch zwei geschlossene Haustüren dringt. „Eigentlich schon“, antwortet Mr. V. schließlich. „Einmal war es laut, okay, da war draußen ne Klopperei.“ Im Bad wuchert eine hübsche Schlingpflanze. Leider ist die Türsprechanlage mausetot. Die brauche man aber eh nicht, meint der pragmatische Mr. V., weil: „Du bist ja im Erdgeschoß und kannst gleich direkt draußen nachschauen.“

CSI Hochzoll

Da ich bis jetzt nur Nieten gezogen habe, sind die mit Abreiß-Zettelchen tapezierten Schwarzen Bretter der Uni vielleicht lohnender. Ortstermin in Hochzoll. Der Informatikstudent kommt gleich zur Sache: „Mein vorheriger Mitbewohner war Ausländer, der wurde verhaftet und abgeschoben, weil er mehrfach Mädels belästigt hat.“ Freunde des des Landes Verwiesenen hätten in einer Nacht- und Nebelaktion dessen Möbel abgeholt. „Ich hab die Tür aufgemacht und die haben mich überrumpelt.“ Ich erfahre, dass der Informatiker die Gegenstände als Faustpfand hatte aufbewahren wollen, da sein straffällig gewordener Mitbewohner bei ihm noch mit einigen Monatsmieten in der Kreide stand. Nur eine Wanduhr tickt einsam in dem elf Quadratmeter kleinen Zimmerchen vor sich hin. „Die kannste haben.“ Einen Blick werfe ich noch auf die klaustrophobisch enge Küchenzeile – das benutzte Geschirr türmt sich hier gut eineinhalb Dezimeter.

Das nächste Ziel ist perfekt gelegen, schön und günstig. Ich stehe um acht Uhr auf der Matte, um schneller als die Konkurrenz zu sein. Die darin residierende Politikstudentin will zu ihrem Freund ziehen. Beim Thema Fernsehen sehe ich schwarz. „Kein Kabel und kein Sat, der Wohnungseigentümer hat etwas dagegen“, sagt sie. „Er meint, seine Mieter sollten nicht zuviel Glotze schauen.“ Soviel Fürsorge ist mir unheimlich.

Kalte Ersti-Nächte am Bahnhof

Ich lerne den bizarren TV-Gegner schneller kennen, als mir lieb ist. Als die Studentin mir den Fahrradschuppen zeigen will, keift er von einem Balkon herab: „Frau Schuster, wieso führen Sie denn noch Leute durch? Ihr Appartement ist weg!“ Ein anderes Mädel hat längst den Zuschlag erhalten. Die Noch-Mieterin gibt sich verlegen. „Oh, der ist heute gar nicht gut drauf. Aber sonst ist er cool.“ Ein rastloses Nomadenleben bleibt mir dennoch erspart. Irgendwann ergattere ich schließlich ein passables Dach über dem Kopf – direkt neben dem Rotlichtviertel. Dass es noch schlimmer kommen kann, berichtet mir später ein Kommilitone aus Sofia. Er hatte zu Beginn des ersten Semesters ein paar Nächte auf Sitzbänken beim Augsburger Bahnhof genächtigt, weil seine Finanzen nicht einmal für die Jugendherberge gereicht hatten. Am Ende ist man um eine Erfahrung im Leben reicher und so gilt auch bei der Suche nach der passenden Studentenbude: Probieren geht über Studieren.

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