Freizeit – Was war das noch gleich?

Stressfaktor Bachelor – Sind die neuen Studiengänge zeitintensiver?

Erinnert sich noch jemand an die Langzeitstudenten, die auch im zwölften Semester das Unileben in vollen Zügen genossen, ohne einen Gedanken an die graue Arbeitswelt zu verschwenden? Out ist Langzeitstudieren in Zeiten von Studiengebühren und unsicherer Joblage schon jetzt. Viele entscheiden sich für einen Bachelor-Studiengang, weil dieser ihnen den frühen Einstieg ins Berufsleben ermöglicht. Vor allem jedoch den Studenten, die nebenher arbeiten müssen, machen es die neuen Strukturen nicht leicht. Es bleibt kaum Freizeit.


Von Stefanie Probst, Fotos Jan Bürgermeister

In sechs bis neun Semestern zum ersten Job – ohne große Umwege. So läuft das im Studiengang Medien und Kommunikation an der  Universität Augsburg: Für den Master ist der Aufwand etwas höher – um genau drei Semester und 84 Credit Points. „Das schnelle Studium hat Vor- und Nachteile“, findet der Brasilianer Arthur Eickmann, der seit Oktober 2005 in Augsburg studiert und gerade an seiner Masterarbeit bastelt. Trotz 21 Wochenstunden bleibt dem 26-Jährigen, der in seiner Heimat Marketing und Kommunikationswissenschaften studiert hat, Zeit für zwei Nebenjobs.

Freiheit ade!

Ob im Nachtdienst in einem Gögginger Sportstudio oder morgens beim Kaffeeverkauf im Hörsaalzentrum: Arthur hat viel zu tun. Aber der Brasilianer sieht es gelassen. Selten sieht man ihn ohne ein Lächeln auf den Lippen. Nach dem Abschluss geht es für den Weltenbummler nach England. In fast allen Hauptstädten Europas war Arthur schon unterwegs – während der Semesterferien.
Kommilitonin und Master- Absolventin Sandra Hofhues kann bestätigen, dass während des Semesters für eine Reise kaum Zeit bliebe. In ihrer Freizeit arbeitete Sandra am Lehrstuhl für  Medienpädagogik und schrieb Referate und Hausarbeiten abends, „was viel Disziplin erforderte“. Dennoch war das Studium für sie kein Korsett. Der Master gab Sandra die Chance zur „individuellen Schwerpunktsetzung“. Zu Beginn ihres Studiums wollte sie eine stärkere Orientierung. Wege, sich Freiräume zu schaffen, gebe es aber immer. „Leistungen aus disziplinübergreifenden Veranstaltungen rechnen die Professoren meist an.“
Noch viel gedrängter und strukturierter ist das Semesterprogramm in den Naturwissenschaften. Das war, laut Catrin Schiemann von der Mathe-Fachschaft, aber schon vor der Umstellung zum Bachelor so. „Einige Absolventen bedauern es“, so die 23-jährige Diplom-Studentin, „dass die Freiheit mit der Umstellung zum Bachelor noch mehr schwindet“.

Kaum Freiräume für kluge Köpfe

„Was bringt mir das für den Job?“, scheint heute die Dominante zu sein, glaubt Frank Vohle, Medienpädagogik-Dozent. „Was für die Masse vernünftig ist, ist für die Wenigen, die an der Universität Selbstbildung betreiben wollen, nicht immer optimal.“ Für „diese klugen Köpfe, die sich schlecht nach einem äußeren Takt richten können und selber Projekte initiieren wollen“, böten die neuen Strukturen kaum Freiräume.
Andere Dozenten betonen aber auch die positiven Aspekte der neuen Studiengänge, wie Andrea Meissner, Studienberaterin am Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte. Sie sieht die straffe Studienplanung positiv, die „dazu zwingt, sich effizientes Arbeiten anzugewöhnen.“ Nebenbei werde mit BA und Co. die Mobilität gefördert: „EKG-Absolventen studieren an Orten wie Paris, Oxford, Cambridge oder Genua“, so Meissner.

Noch mehr Angst vor der Zukunft?

Obwohl Alicja Mazur Diplom-BWL studiert, kommt bei ihr gegen Ende der Vorlesungszeit Panik auf. Der Zeitplan wird eng. Pro Semester müssen „sieben Klausuren bestanden werden“. Sie hat zwar nur 14 SWS, gab ihren Job bei den Lechwerken aber trotzdem auf: Arbeiten, Vorlesung, arbeiten und nach der Putzfrau abends das Büro verlassen, um zu Hause todmüde ins Bett zu fallen. „Das wurde zu stressig“, sagt die 22-Jährige. Nach wochenlangem Pauken stehe immer am Semesterende „die totale Erschöpfung“.Schon jetzt sind viele Studierende im Stress, wenn sie – so wie Alicja – neben der Uni noch arbeiten müssen. Das erlebt auch Diplom-Psychologe Thomas Blum vom Studentenwerk in seiner Sprechstunde. Er ist regelmäßig mit Studierenden konfrontiert, die unter Stresssymptomen leiden. Meist glaubten diese, „keine Zeit für eine Krise zu haben und setzen sich damit noch mehr unter Druck“. Mit den neuen Studiengängen wird dieses Zeitfenster ganz real verkürzt. Es bleibt, besonders wenn Studierende nebenher jobben müssen, noch weniger Zeit für interdisziplinäres Interesse, ehrenamtliches Engagement oder Freizeitaktivitäten. Blum glaubt sogar, dass sich mit der zeitlichen Verdichtung in den neuen Studiengängen „die Berufs- und Zukunftsängste der Studierenden noch verstärken werden“.

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