Im Rhythmus der Flip-Flops

Traumhafte Strände, gescheiterte Surfversuche und hohe Preise – Ein Auslandssemester in Honolulu

Man stellt sich das so einfach vor: Den ganzen Tag in der Sonne liegen, am Strand ein wenig lernen, dann an die Uni, um 20 Uhr nach Hause, essen und auf zur nächsten Party. Und das von Montag bis Donnerstag. Ab Freitag hat der hawaianische Student ohnehin Wochenende, was am Tagesablauf nichts ändert, den dreistündigen Universitätsbesuch einmal ausgenommen.

Von Swen Thissen

Doch selbst ein Auslandssemester im Surferparadies hat seine Schattenseiten. Vor dem Abflug sagt einem nämlich niemand, dass das Vorhaben, vom Strand direkt in den Hörsaal zu schlendern, mit dem Tod durch Erfrieren enden kann. Hawaiianer sind zwar mit Festland-Amerikanern ebenso wenig vergleichbar wie Bayern mit Norddeutschen. Doch eines haben sich die in öffentlichen Institutionen arbeitenden Inselbewohner von den fünf Flugstunden entfernten Mitbürgern abgeschaut: die Liebe zur Klimaanlage. Der Versuch meiner chilenischen Sitznachbarin, die Temperatur von gefühlten acht auf zwölf Grad anzuheben, ließ der Dozent („it is damn hot in here“) schon in der ersten Stunde scheitern. Ich beschloss, mir einen dicken HPU-Pulli zu kaufen.

Das Meer vor der Haustüre

HPU steht für Hawaii Pacific University, eine Universität, die einen von der Werbebranche überstrapazierten Satz Realität werden lässt: Lebe deinen Traum. Das Meer vor der Haustüre, eine weltoffene, multikulturelle Gesellschaft, dauerfreundliche Mitmenschen – Dinge, nach denen sich viele deutsche Studis sehnen, gehören im 50. Bundesstaat der USA zur Normalität. In Honolulu zu wohnen ist wie in Flip-Flops zu laufen: Man fühlt sich zwar in den eigenen Schuhen – und damit in der eigenen Haut – wohl, bewegt sich aber immer ein wenig langsamer als gewohnt und gerät dabei auch ab und an ins Stolpern.

Trotz des Wohlfühlfaktors muss sich ein Deutscher mit gut strukturiertem Terminkalender an den Aloha-Alltag erst einmal gewöhnen. Dazu gehört nicht nur die Klimaanlage in der Universität. Exorbitante Preise im Supermarkt, Zwei-Bett-Zimmer für Studenten (500 Dollar pro Person), Studiengebühren, nicht vorhandene Busfahrpläne, vom Klima angezogene Kakerlaken – es gibt so einige Argumente gegen eine der abgelegensten Inselgruppen der Welt.

Ein gewagter Schritt, den man nicht bereut

Doch wer wie mein Augsburger Kommilitone Ecki und ich am Morgen nach der Ankunft den Sand von Waikiki Beach zwischen den Zehen spürt, der weiß, dass dieser gewagte Schritt der richtige war. Surfweltmeisterschaften am Sunset Beach, Camping an der North Shore, riesige Schildkröten, die neben einem im Meer schwimmen, die Road to Hana auf Maui, der Vulkan Kilauea auf Big Island, Wandertouren auf Kauai, der Ironman, Gespräche mit Einheimischen, die noch nie etwas anderes gesehen haben als ihre Inseln, die eigenen Versuche auf einem Surfbrett (die beim Großteil der Ausländer – mich eingeschlossen – kläglich scheitern), der Besuch von Pearl Harbor, Barbecue im eigenen Garten bei Jack-Johnson-Klängen, eine Hawaiianerin, die mit ihrer Ukulele am Lagerfeuer sitzt und Jahrhunderte alte Lieder singt – die Liste der sich ins Gedächtnis einprägenden Erlebnisse ist lang. Doch die Faszination der Ferne ist nicht an einzelnen Momenten festzumachen. Sie ergibt sich aus der Summe aller Erlebnisse an meinen 167 Tagen im „Aloha State“. Dazu gehört die Herzlichkeit der Einwohner, die einem nach einem Erdbeben mit Stromausfall die Hälfte ihrer letzten Holzkohle zum Grillen schenken, auch wenn niemand weiß, ob die Supermärkte morgen wieder geöffnet sein werden; die Internationalität, vor allem an der Uni, an der sich Schweden, Deutsche, Mexikaner, Japaner, Iraner und Amerikaner von ebenso unterschiedlich geprägten Dozenten in nicht immer anspruchsvollen, aber stets arbeitsintensiven Kursen unterrichten lassen; und der Zauber der unbeschreiblich schönen Natur, verbunden mit dem ganzjährigen Sommer.

Eines bleibt: das Aloha-Gefühl

Den Rhythmus Hawaiis begreift man nicht in wenigen Tagen, wie es vielleicht in Paris, Barcelona oder New York möglich ist, auch wenn das manche Touristen, die sich in Sachen Reichtum und „Körper-Silikongehalt“ überbieten, glauben wollen. Man erlebt ihn, wenn man Woche für Woche, Tag für Tag das hawaianische Leben lebt. Auch ich war zwar nur ein Tourist, weil vom ersten Tag an feststand, wann ich die Inseln wieder verlassen werde. Doch für mich bedeutet die Zeit auf der Insel mehr: Die Erfahrung, das Aloha-Feeling gelebt zu haben, bleibt. Auch zurück in Deutschland vermisse ich immer wieder die Zufriedenheit, die sich einstellte, wenn man die Sandkörner unter den eigenen Flip-Flops knirschen hörte, während man durch die Universität lief.

Die Finanzen

Die Universität verlangt für ein Semester eine finanzielle Liquidität in Höhe von 13 000 Dollar. Diese Zahl ist nicht unrealistisch, darf aber durchaus als Minimalbetrag gesehen werden. Zu den 6500 Dollar Studiengebühren braucht man rund 400 Dollar für Bücher. Einzelzimmer kosten je nach Lage mindestens 700 Dollar, eher mehr, Doppelzimmer um die 500. Da Lebensmittel und das Nachtleben teuer sein können, benötigt man je nach Lebensstil monatlich zusätzlich 500 bis 1000 Dollar. Zudem sollte man Geld einplanen für den Flug nach Honolulu und Besuche von anderen Inseln. Förderungen sind möglich durch Auslands-Bafög, die HPU selbst oder die bekannten Stellen (z.B. DAAD).

Informationen gibt’s im Internet unter www.hpu.de oder auch gerne beim Autor: thissen.s@web.de

 

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