Lurche gegen Humboldt

Studieren auf Bachelor an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahr 2007 – Ein Selbstversuch

Wenn es um gesellschaftliche Fundamentalkritik geht, kann es nur einen geben: Theodor W. Adorno. Der hatte zwar noch keinen blassen Schimmer von „Credit Points“ (Noten) oder einem „Transcript of Records“ (Zeugnis), als er sich 1921 in Frankfurt für Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie immatrikulierte. Aber er machte sich Sorgen um die Wissenschaft in einer kapitalistischen Gesellschaft: „Die Eliminierung der Qualitäten, ihre Umrechnung in Funktionen überträgt sich von der Wissenschaft auf die Erfahrungswelt der Völker und ähnelt sie tendenziell wieder der der Lurche an“. Das klingt irgendwie drollig – ist aber heute, 63 Jahre nach der „Dialektik der Aufklärung“, brandaktuell.

Von Christoph Kreileder, Illustration: Alexander Stelz

Stiller Protest

Wer sich im Sommer 2007 in München immatrikuliert, der kommt in vielen Fächern nicht mehr am heiß diskutierten Bachelor vorbei: Diplom-Betriebs- oder Volkswirte werden hier nicht mehr ausgebildet. Zwar schlossen im Jahr 2006 noch 1.247 Absolventen mit Magister, 1.466 mit Diplom, 1.956 mit Staatsexamen und lediglich 164 Studenten mit einem Bachelor ab. Doch diese Kräfteverhältnisse werden sich in den kommenden Jahren rapide verändern: Immer mehr Massenfächer können nur noch als Bachelor begonnen werden.

Für viele ist diese Entwicklung nicht weniger als eine Katastrophe. Professoren wie beispielsweise Werner Weidenfeld (Lehrstuhl für Politische Systeme und Europäische Einigung) sehen im Bachelor  bereits den „Abschied vom Humboldt‘schen Bildungsideal“. Als man ihn im Rahmen seiner Einführungsvorlesung zu einer Abschlussklausur für die Bachelorstudenten zwang, antwortete sein Lehrstuhl mit stillem Protest: Die Klausur bestand aus zwei Seiten Multiple-Choice, eine einzige Person hielt Saalaufsicht und die rege Kommunikation der Prüflinge untereinander wurde wohlwollend übersehen.

Keine Luft zum Atmen

Mit der Einführung des Bachelor studieren faktisch zwei Gattungen von Studenten nebeneinander vor sich hin: Die Studenten und die Noch-Schüler. Während Jura- Studentin Alexandra davon spricht, dass sie in ihrem Studium „eigene Schwerpunkte setzen“ kann und die Studenten „bei der Examensvorbereitung auf sich alleine gestellt“ sind, ist der Autor dieses Artikels Teil eines durchgeplanten Systems von Modulen und Online-Lernsystemen. Das muss nicht schlecht sein: Ein Bachelor-Absolvent ist mit Sicherheit kein Bummelstudent und wird durch die studienbegleitenden Praktika immer in Kontakt zur späteren Berufsrealität gehalten. Doch es bleibt nicht viel Luft zum Atmen.

Im Rahmen von Bachelorstudiengängen wird ein leistungs- und abschlussfixiertes Studium hervorgerufen, dessen oberstes Ziel die Berufsvorbereitung innerhalb kürzester Zeit ist. Die Wirtschaft wollte jüngere Absolventen – und hat sie bekommen. Doch der Studienalltag ist geprägt von festen Übungsterminen mit Anwesenheitspflicht, schnell aufeinander folgenden Klausurterminen und bis zu vier Seminararbeiten pro Semester. Dabei entsteht eine Fastfood-Mentalität bei den Studenten: Lernen, hinschreiben, vergessen. Oder um es mit Adorno zu sagen: Die Invasion der Lurche hat längst begonnen!

Autor des Artikels

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