Studieren wie Erasmus

Die Studentin Christina Stingl (25) wagte ohne ERASMUS den Schritt ins Ausland – und tat es damit dem Universalgelehrten nach, jedoch nicht ohne Schwierigkeiten

„Désolé, mais vous n’êtes pas ERASMUS!“ – was übersetzt so viel bedeutet wie: „Es tut mir leid, aber Sie sind keine ERASMUS-Studentin!“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz während meines einjährigen Auslandsaufenthaltes in der französischen Hauptstadt von Sekretärinnen, Professoren oder gar den Auslandsstudienberatern meiner dortigen Universität zu hören bekommen habe. Er folgte meist als finaler K.o.-Stoß: Nach minutenlanger Diskussion wollte man mir so eher bestimmt als freundlich zu verstehen geben, dass sich keiner an dieser Hochschule für meine Belange interessiere und auch niemand für mich zuständig sei.

Von Christina Stingl; Fotos: Jan Koenen

Ratschläge zum Einschreibeverfahren, Hilfe bei der Auswahl der zu belegenden Kurse oder etwa Unterstützung bei der in Paris ohnehin schon chaotischen Wohnungssuche – Fehlanzeige! Aber selbst schuld. Dieses Gefühl bekam ich jedenfalls oftmals vermittelt. Wie kann man auch ohne die Rückendeckung durch das ERASMUS-Programm im Ausland studieren und stattdessen die Organisation selbst in die Hand nehmen? Ehrlich gesagt, habe ich mir diese Frage auch oft gestellt, doch mir blieb gar nichts anderes übrig. Denn der Lehrstuhl meines Magister-Hauptfaches Europäische Ethnologie hat leider kein ERASMUS-Abkommen abgeschlossen. Bereut habe ich meinen Entschluss aber dennoch nicht.

Odyssee ohne ERASMUS

Auch nicht, als ich mich zu Beginn an fünf verschiedenen französischen Unis bewarb, die alle unterschiedliche Unterlagen anforderten. Jede Angabe im Lebenslauf, ganz gleich, ob es sich dabei um die Mitgliedschaft im heimatlichen Sportverein, den sechswöchigen Sommerferienjob an der Supermarktkasse des Edeka oder das Praktikum bei der lokalen Tageszeitung handelte, musste belegt, übersetzt und amtlich beglaubigt sein. Im Unterschied dazu berichteten mir meine mit ERASMUS reisenden Kommilitonen von ein, zwei „völlig stressfreien“ Besuchen beim jeweiligen ERASMUS-Beauftragten und einem einzigen Formular, das sie ausfüllen mussten. Schon sei die Angelegenheit „Studieren im Ausland“ erledigt gewesen. Und während ich noch zitterte, ob irgendeine französische Hochschule wohl die Gunst haben möge, mich in ihren heiligen Hallen studieren zu lassen, wedelten meine Kommilitonen bereits mit den positiven ERASMUS-Bescheiden.

Vor Ort ging die Odyssee weiter. Beispielsweise als ich zum wiederholten Mal einem Professor erklären musste, dass ich zwar ausländische Studentin, jedoch nicht mit ERASMUS hier sei, aber trotzdem ganz gerne, statt der eigentlich geforderten 20-seitigen Hausarbeit, nur die zehnseitige Light-Version für ERASMUS-Studenten schreiben würde. Dies führte jedoch stets zu energischem Kopfschütteln und den ernüchternden Worten „Desolé, mais vous n’êtes pas ERASMUS!“. Doch ich bereute meine Entscheidung auch nicht einmal, als ich nach Rückgabe einer Klausur nur die Hälfte der Punktzahl erreicht hatte wie eine ERASMUS-Kommilitonin –trotz exakt gleicher Antworten.

„Non, je ne regrette rien!“

Und auch am Ende des zweiten Semesters bereute ich meinen unterstützungsfreien Sprung ins Ausland noch nicht. Da begann meine abenteuerliche Suche nach einem Uni-Mitarbeiter, der die Freundlichkeit besaß, mir eine Bescheinigung über meinen Studienaufenthalt an der Université René Descartes auszustellen. Wertvolle „Tipps“ à la „Kopieren Sie doch ihren Studentenausweis, dann haben Sie eine Bescheinigung für Ihre Bewerbungsunterlagen!“ brachten mich zu diesem Zeitpunkt nur noch müde zum Lächeln, nicht aber mehr aus der Fassung.

So chaotisch sich das auch anhören mag, rückblickend kann ich zusammenfassend wirklich nur eines sagen: „non, je ne regrette rien!“ Die vielen positiven Erfahrungen, die ich in Paris gemacht habe und die netten Menschen, die ich kennen lernte, haben mich in jeder Hinsicht für sämtlichen Mehraufwand, Stress und Ärger entschädigt und ich kann jedem anderen nur ans Herz legen, sich davon nicht abschrecken zu lassen. Am Anfang hat man zwar tatsächlich einen riesigen Berg von Angelegenheiten vor sich, aber letztlich ist alles machbar. Und das gute Gefühl, etwas ganz allein geschafft zu haben, ohne jegliche Unterstützung, kann einem auch keiner nehmen!

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