Die Jugger kommen!

Ein Mädchen unter Barbaren. Wie eine neue Sportart Augsburg erobert.

Ein Hundeschädel, überdimensionale Q-Tips, furchteinflößend brüllende Horden. Was nach einem Albtraum klingt, wird in Augsburg jeden Sonntag zur Realität. Nichts für Mädchen? Von wegen! Ein Besuch bei den Rhabarberbarbaren, der in Schweiß und Siegestaumel endet.

Von Katharina Brugger

Ein Knacken im Gebüsch. Gemurmel, tiefes Lachen. Dunkle Schemen erscheinen auf der Treppe zum Roten Tor Park. Die Jugger kommen! Es gibt kein Entrinnen mehr. Während die Sonnenanbeter auf der Wiese entspannen, bin ich mit den Rhabarberbarbaren verabredet.

Zur Begrüßung drückt mir Toby mein Spielgerät, den Q-Tip, in die Hand. Es sieht wie ein riesiges Wattestäbchen aus. Um mich herum: sechs weitere Barbaren. Im Sommer 2009 haben Toby und Marc, die beiden Vorsitzenden, das Augsburger Team gegründet. Anfangs waren sie nur zu dritt, inzwischen ist ihre Zahl auf 20 gestiegen.

Der Sport ist eine Mischung aus American Football und Fechten. Mit Silikonschädel statt Ball und Pompfen statt Fechtwaffen. Doch den Juggern geht es nicht um martialisches Waffengehabe. „Uns reizt der sportliche Wettkampf. Wir wollten etwas anderes machen, als nur Fußball zu spielen“, erzählt Toby. Der Teamgeist steht im Vordergrund, denn „Jugger ist eine echte Gemeinschaft“.

Augen zu und durch

Vor dem Spiel werden mir die Regeln kurz erklärt. Ziel ist es, den Jugg, einen Hundeschädel aus Silikon, in das gegnerische Mal, das Tor der Jugger, zu bringen. Jede Mannschaft hat einen Läufer, der als einziger Spieler den außergewöhnlichen Spielball tragen darf. Die
restlichen vier Spieler einer Mannschaft haben eine Pompfe, das wichtigste Spielgerät. Mit der Pompfe versuchen die Jugger ihren Gegenspieler zu treffen und möglichst selbst nicht getroffen zu werden.

Die verschiedenen Spielgeräte sehen beeindruckend aus, wie Kampfstäbe und besagte Wattestäbchen. Sie bestehen aus Schaumstoff und Plastikrohren, selbst gebaut nach den Vorgaben der Jugger-Liga. Wer getroffen wird, muss sich hinknien und kurz aussetzen. Anstelle einer Uhr haben die Jugger eine Trommel am Spielfeldrand. Ein Schlag, ein Stein. Hundert Steine pro Spielabschnitt. Laufen und kämpfen. Eigentlich ganz einfach. Doch man muss Jugger spielen, um es wirklich zu verstehen.

Juggern statt Prügeln

Inzwischen haben sich die ersten Zuschauer eingefunden. Neugierig bestaunen sie das Treiben auf dem Rasen. Noch ist der Sport zu unbekannt, um Fremde in die Mannschaft zu locken. An der Fachoberschule Augsburg haben die Barbaren im Sportunterricht schon ein Training veranstaltet, um für sich zu werben. „Die Schüler waren begeistert. Vielleicht bekommen wir noch mehr Termine an Augsburger Schulen“, hofft Toby. Neben dem sportlichen Anreiz hat Jugger auch einen pädagogischen Aspekt. „Juggern statt Prügeln“, lautet der Titel eines Buches, mit dem Ruben Philipp Wickenhäuser, ein Berliner Schriftsteller und Juggerspieler, die Sportart in Schulen etablieren möchte. Jugger soll Aggressionen abbauen und soziales Lernen ermöglichen.

Wer gewinnen will, muss leiden

Das Training beginnt. Ich spiele mit Toby und Marc. Tapfer klammere ich mich an meinen Q-Tip. „Drei, zwo, eins – Jugger“ ruft Max und lässt den Schlägel auf die Trommel fallen. Ich sprinte los. Neben mir Marc, der den Hundeschädel anvisiert. Phil, mein Gegenspieler, kommt beängstigend schnell auf mich zu. „Gegner treffen, weiterlaufen.“ Zwei Sekunden später knie ich am Boden. Phil auch. Plötzlich werden die Trommelschläge schneller. Marc reißt die Arme in die Luft. „JUGG!“ Wir haben den Punkt!

87 Steine später beendet der letzte Trommelschlag das Spiel. Pause. Bevor das Training weiter geht, besprechen die Barbaren ihre Turnierpläne für den Sommer. Es geht nach Berlin zur deutschen Meisterschaft. Auch ein eigenes Turnier haben die Augsburger bereits veranstaltet. Vor einem Jahr riefen sie die Schwäbische Meisterschaft aus, zunächst ein reines Spaßturnier, dieses Jahr ein offizielles Turnier. „Wir rechnen mit etwa fünf bis sechs Teams aus ganz Deutschland.“ Ob sie das Turnier gewinnen, ist fraglich. Bis auf ein Spiel haben sie bisher jede Partie verloren. „Ein paar Punkte haben wir aber immer gemacht“, grinst Toby. Rhabarberbarbaren geben die Hoffnung nicht auf.

 


Jugger-Facts

Jugger ist eine Mannschaftssportart, die auf dem Endzeitfilm „Die Jugger – Kampf der Besten“ (Australien, 1989) basiert. Ziel ist es, den Jugg, den Spielball in Form eines Hundeschädels, im gegnerischen „Tor“ zu platzieren. Eine Mannschaft besteht aus fünf Spielern. Die Spielzeit beträgt pro Spiel ca. 2-3 Minuten, was nach Jugger-Zählung etwa 100 Steinen entspricht. Jugger wird weltweit gespielt, zu den Meisterschaften kommen die Teams auch aus Costa Rica, Australien oder Irland. Wer bei den Rhabarberbarbaren Augsburg anheuern möchte, kann sich unter
Juggeraugsburg@googlemail.com melden.

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