Elfenbein auf Achse

Von Taxifahrern und denen, die sie kutschieren

Langsam verklingt das Wummern in den Ohren, den Augenlidern geht es wie Newtons Apfel – findet Student nach stundenlangem Exzess den Weg aus den Clubkatakomben an die frische Luft, will er meist nur noch eines, und zwar ins Bett. Die bequemste Möglichkeit dorthin tuckert meist wenige Meter entfernt im Leerlauf: das Taxi. Aber wie erlebt der Mensch hinter dem Steuer solche Abende? Ein Seitenwechsel.

Von Tassilo Holz – Fotos: Martje Rust

22.40 Uhr. Ich stehe an der Tramhaltestelle „Rathausplatz“ und warte auf Beki, den Taxifahrer. Eine Nacht lang werde ich ihn durch Augsburg begleiten. Ich habe Glück und erwische eine der wenigen Stunden, in denen es nicht regnet, an diesem Freitag. Die Pflastersteine glänzen nass im Scheinwerferlicht; von Zeit zu Zeit überqueren Jugendliche den Platz – meist in Grüppchen und offensichtlich angetrunken.

Beki verspätet sich. Und meine Spannung steigt, lässt mich umherstreifen – auf dem Platz und in Gedanken: Wer wird mit uns fahren, in den kommenden Stunden? Und vor allem: Wer wird mich abholen, in wenigen Minuten? Ein vom Hass auf die Gesellschaft zerfressener und psychisch deformierter Einzelgänger wie Travis Bickle in Scorseses „Taxi Driver“…?

Kein „Taxi Driver“

23.00 Uhr. Ein Großraumtaxi fährt vor, der Fahrer winkt mir zu. Die gedrungene Gestalt und das freundliche, offene Gesicht führen zuvor erdachtes Bild schon jetzt ad absurdum. Und schnell merke ich, dass man bei Beki kein Gespräch erzwingen muss.

Die kurze Strecke zum Taxistand „Maxstraße Ecke Hallstraße“ pflastert er mit einer Fülle von Informationen: 28 Jahre alt sei er, und Mazedonier. Aber seit dem zweiten Lebensjahr lebe er in Augsburg. Ich komme kaum dazu, mich vorzustellen.

Schon reiht sich unser Taxi ein in die Schlange aus elfenbeinfarbigen Kollegen. Die Maxstraße wird ihrem Ruf als Partymeile noch nicht gerecht; wir warten auf die erste Kundschaft des Abends.

„Beki, wie bist du zum Taxifahren gekommen?“ – kurz bedient er das GPS-Gerät („Funkgeräte im Taxi gibt es schon lange nicht mehr“) und erklärt dann ohne Umschweife: „In meinem alten Job, auf dem Bau, drohte die Kündigung.“ Betriebsbedingt. Und um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, habe er dann den Taxischein gemacht: „Seit zweieinhalb Jahren mache ich den Job mittlerweile.“

Meine Überlegung zu fragen, ob er mit seiner Arbeit zufrieden ist, wird von einem Signalton unterbrochen; eine Nachricht von der Zentrale erscheint auf dem Display – der erste Auftrag.

Leiharbeiter

23.30 Uhr. Wir warten auf dem Parkplatz eines Verlagsgebäudes in Lechhausen. Beki steckt sich eine Zigarette an und ich genieße es, ein paar Schritte zu gehen. Wie muss man sich fühlen, nach acht Stunden in diesem Blechkäfig? Beki sagt, er fahre gerne Auto. Auch nachts. Beki fährt nur Nachtschicht. Ein Grinsen, dazu die lapidare Erklärung: „Ich bin daran gewöhnt.“

Das Gebäude gibt eine Handvoll Leute frei, man sieht ihnen die Spätschicht an. „Leiharbeiter“, sagt Beki. Ich nehme hinten im Wagen Platz und erkläre vier müden Gesichtern, warum ich hier mitfahre. Die Arbeiter – mehrheitlich sind es Migranten – sind freundlich und haben nichts dagegen. Sie kennen Beki, er fährt sie „immer wenn kein Bus mehr geht“. Viel wird nicht geredet, sie wollen einfach nur nach Hause. „Manchmal bin ich auch Psychiater“, sagt Beki.

Österreichische Touristen

0.40 Uhr. Wieder der Signalton, wieder ein Auftrag. Zusammen mit einem Kollegen holen wir ein Dutzend Personen in der Spitalgasse ab.

Einen größeren Kontrast zu unseren ersten Fahrgästen könnten diese kaum darstellen: eine österreichische Reisegruppe, gut situiert und mindestens angeheitert.

Sofort erfüllt die Unterhaltung von vier älteren Damen den Wagen mit breitem Dialekt – dazu ein Ehemann. In das Gespräch werden wir sogleich mit einbezogen: Ich muss ausführlich berichten, wie es ist, eine Nacht lang im Taxi mitzufahren und Beki gibt Auskunft über die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Man ist sich einig, Augsburg sei „wunderschön“.

Die Gruppe will zu ihrem Hotel in der Nähe des Doms. Eine Strecke, die sie auch zu Fuß hätte gehen können. Eine der Damen möchte wissen, wo man denn noch feiern könne. Wir chauffieren die Herrschaften dann doch in ihr Hotel. Das Trinkgeld widerspricht dem Klischee vom knauserigen Reichen und ist für Beki eine nicht unerhebliche Einnahmequelle: „Wir sind mit 30 Prozent am Umsatz beteiligt“, erklärt er. Bei einer Konkurrenz von über 200 Taxis im Stadtgebiet bleibt da am Monatsende nicht allzu viel übrig. Insofern ist der nächste Auftrag für Beki „ein Jackpot“.

„Jackpot“

1.20 Uhr. „Langweid“ verkündet das GPS-Display und Beki freut sich, „weil das fast fünfzehn Kilometer sind“. Einfache Strecke. Wir machen uns sofort auf den Weg, Beki hat eine böse Vorahnung: „Hoffentlich steht der Kunde noch da, wenn wir kommen.“

Und tatsächlich – breit grinsend erklärt uns der Fahrgast, dass er, wäre ein Bus gekommen, selbigen genommen hätte. Für Beki eine kleine Katastrophe.

Die Offenheit des Gastes – die massige Gestalt fläzt jetzt auf dem Beifahrersitz – kommt nicht von ungefähr: Bezeichnet man die österreichische Reisegruppe als „angeheitert“, kann diesem Kunden nur das Prädikat „besoffen“ zugeschrieben werden. Kein österreichischer Dialekt, sondern ein unangenehmer Geruch erfüllt nun das Taxi. Diesen erträgt Beki mit stoischer Gelassenheit, genau wie Lebensweisheiten à la „früher war alles besser!“

Zufrieden trotz Krise

2.30 Uhr. Beki ist froh, dass er nicht geprellt wurde und fährt zu einem Taxistand in Oberhausen. Die Straßen sind menschenleer, kein Auftrag von der Zentrale – wir warten. Auch das gehört zum Job. Und trotzdem: „Heute läuft es super“, findet Beki. „Bist du mit deinem Job zufrieden?“, frage ich – Beki schweigt, überlegt. „Natürlich spüren wir die Krise auch“, antwortet er schließlich. „Aber ich mache die Arbeit gern.“

Bekis Handy klingelt. „Ein Freund“, erklärt er. Ein Stammkunde. Mittlerweile ist es drei Uhr und wir holen ihn und seine Freundin in der Nähe ab. Sie wollen nach Stadtbergen zum „Vibeclub“.

Auf der Fahrt dorthin kann ich nicht an der Unterhaltung teilnehmen; mir ist schlecht. Warum weiß ich nicht – an Bekis Fahrstil kann es nicht liegen und im Gegensatz zu den meisten Fahrgästen habe ich nichts getrunken. Dazu Bekis Freund feixend: „Wenn du hier reinkotzt, schreib ich ’nen Bericht über dich.“

Alptraum des Taxifahrers

3.20 Uhr. Keine Notiz mehr und kein Gespräch – seit zwanzig Minuten verwende ich alle Konzentration darauf, mich nicht zu übergeben. Ein gegen die Vomitation ankämpfender Fahrgast: der Alptraum eines jeden Taxifahrers. Auch das bringt Beki nicht aus der Fassung; freundlich rät er mir, das Fenster ganz zu öffnen. Kurz vor dem Kö ist dann endgültig Schluss. Ich kann nicht mehr und steige aus.

Ich bin enttäuscht über das abrupte Ende der Fahrt und froh über die frische Nachtluft. Und darüber, an einen so angenehmen Zeitgenossen geraten zu sein. Ich verabschiede und bedanke mich bei Beki. Trinkgeld will er nicht. Er muss weiter, seine Schicht endet erst in drei Stunden.

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