Postsexualität und neues Menschenbild – vom Verschwinden des Aktes

Postsexualität – Nach dem Sex eine rauchen oder wie? Oder eher vor dem Spiel ist nach dem Spiel…? Seltsamer Titel – und dennoch oder gerade deswegen ist dieser Beitrag preisgekrönt. Damit konnte Gianluca Crepaldi nämlich zahlreiche Interessierte im Augsburger Textil- und Industriemuseum begeistern – und gewann so den vierten Philosophy Slam. presstige war für euch mit dabei und hat sich die philosophischen Leckerbissen schmecken lassen. Den Gewinner-Vortrag wollen wir euch aber natürlich nicht vorenthalten und haben ihn deshalb an dieser Stelle abgedruckt.

Von Gianluca Crepaldi – Illustration: Christoph Knobl

Verehrte Leser,
vor einiger Zeit bin ich auf etwas gestoßen, das mich einigermaßen beunruhigt hat: In kulturphilosophischen Diskursen der letzten Zeit scheint sich ein Begriff zu etablieren, der den gesellschaftlichen Status quo in Sachen Sex bezeichnen soll. Dort heißt es: Wir leben in Zeiten der „Postsexualität“.

Jenseits der Sexualität

Mit Postsexualität werden Phänomene beschrieben, die mit der Trennung des Sexus von seiner evolutionären Hauptfunktion, der Fortpflanzung, auftreten. Die Vorsilbe „post“ verweist zunächst auf einen Veränderungs- und Vervielfältigungsprozess, dem die einseitige genitale Sexualität unterliegt. Richtig beunruhigend wird die Sache aber, wenn die Bedeutung von „post“ weitergesponnen wird zu einem Zustand, der „am Ende der Sexualität“ bzw. „jenseits der Sexualität“ angesiedelt ist, wenn also der Wunsch nach einer „Überwindung des Sexuellen“, nach dem „Verschwinden des Aktes“ spürbar wird.

Je nachdem ob wir einen Phallus mitbringen

Ideengeschichtlich entstanden Überlegungen dieser Art im geistigen Umfeld der so genannten Gender Studies, der postmodernen und heute dominierenden Variante des Feminismus. Die wohl wichtigste Vertreterin Judith Butler prangert die Übermacht der „zwangsheterosexuellen Matrix“ an; worunter die Philosophin das kulturelle Ordnungsprinzip versteht, welches uns eine bestimmte soziale Position oder Rolle zuweist, je nachdem ob wir einen Phallus mitbringen oder nicht. Sie antizipiert den heutigen Begriff der Postsexualität bereits vor zwanzig Jahren, als sie die Abkehr vom Diktat der genitalen Sexualität hin zur „postgenitalen Sexualität“ fordert. Nach Butler wären biologisch geprägte Kategorien wie „Mann“ und „Frau“ ohnehin abzuschaffen, denn der Körper werde diskursiv, d. h. im weitesten Sinne gesellschaftlich, hervorgebracht und Diskurse ändern sich eben.

Körper als Ort der Technik

Wir lernen, dass Heterosexualität und genitale Sexualität immer mit Zwang in Verbindung stehen, wohingegen alles Nicht-heterosexuelle und alles Post-Genitale zwanglos, frei und subversiv sein soll. Wir lernen, dass eine über hundertausend Jahre alte Menschheitsgeschichte keine Rolle zu spielen hat, und einzig das sozial konstruierte Geschlecht („Gender“) zu berücksichtigen wäre. Wir lernen auch, dass jeglicher Einwand gegen diese Theorie uns zu Biologisten, Konservativen, oder gar Rechtsextremen macht.
Angesichts dieser ideologischen Entwicklungen verwundert es nicht, dass sich Biotechnologie und die Reproduktionsmedizin auf dem Vormarsch befinden. Mutterschaft wird als repressives Konzept aus dunkler, vorvergangener Zeit abgelehnt. Schon der Erfinder der Pille Carl Djerassi hat von großangelegten Samen- und Eizellenbanken geträumt, bei denen wir uns abholen können, was gerade gewünscht wird. Der Körper, vor allem der mütterliche, soll endgültig als „Ort der Natur“ verlassen und in einen „Ort der Technik“ überführt werden – Welcome to the Machine! Technik-Kritiker seien antiquierte Naturromantiker und trauern vormodernen Zeiten nach. Schließlich muss in einer Demokratie mit freier Marktwirtschaft jeder zu jeder Zeit das Recht haben sich ein Kindlein zu halten, und dieses Recht darf bitteschön nicht von einer fremden Macht, wie der Natur begrenzt werden, denn es sei „eine Verletzung der Menschenrechte, wenn eine Frau über 50 kein Kind mehr bekommen kann.“ Jeder soll also nehmen, was er will.

Oversexed and overfucked

Brachte die Entkopplung der Sexualität von Fragen und Problemen des Geschlechts und der Fortpflanzung wirklich die Befreiung und Multiplikation der Lüste? Ende der 1990er entstand um Michel Houellebecqs Skandal-Roman „Ausweitung der Kampfzone“ eine Debatte, entlang eines Slogans, der damals für die liberalistische Gesellschaft der Postmoderne geprägt wurde: „Oversexed and underfucked“ – dieses Motto beschreibt den Widerspruch zwischen öffentlicher Überflutung mit Nacktheit, sexuelle Überreizung und Pornografisierung einerseits, und im Gegenzug, Prüderie, Enthaltung, Scheitern, Depression, Asexualität bis hin zur Anti-Sexualität im Bereich des Intimen und Privaten.
Medial wird stets angeheizt, was von den meisten, nämlich den Verlierern auf dem Feld der sexuellen Kampfzone, nie angegriffen werden kann.

Nicht mehr als onanieren zu zweit

Die Hauptfigur von Houellebecqs Debut-Roman, ein sexuell frustrierter, einsamer und suizidgefährdeter Informatiker Anfang vierzig, will sich seinen Penis mit einer Schere abtrennen, um die unerträgliche Hölle des Begehrens hinter sich zu lassen. Das ist die beste Metapher für den Ursprung der Postsexualität! Das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen in der individualistischen Gegenwartsgesellschaft, produziert den Wunsch, keinen Wunsch nach einem anderen Menschen mehr verspüren zu müssen, weil der andere eine potenzielle Quelle des Leidens ist und daher vermieden werden muss.
Auch die Gewinner am Sex-Markt, jene, die also Sex haben, ändern daran nichts, denn sie sind auch vom „Verschwinden des Aktes“ betroffen. Die unbefleckte Empfängnis hat man zur „empfängnislosen Befleckung“ gemacht, zu einem degenerierten, emotions- und lustlosen Sex-Abklatsch, der nicht mehr ist als Onanieren zu Zweit. Das Begehren trennt sich vom Begehrten und richtet sich aufs eigene Selbst – so kann schließlich die größtmögliche körperliche Nähe oder Verschmelzung zweier Menschen beim Beischlaf, zur Erfahrung absoluter Einsamkeit werden.

Ein Resümee

Was haben wir in unserem Crashkurs zur Postsexualität gelernt? Die versuchte Abschaffung der Kategorie „Geschlecht“, die Sehnsucht nach Erweiterung von sexuellen Möglichkeiten jenseits des Genitalen, das technische Out-Sourcing von Reproduktion und Geburt, der Wunsch, keinen anderen Menschen mehr begehren zu müssen – und das, obwohl wir angeblich in einer hedonistischen Kultur leben – und letztlich: der geschlechtslose Zustand eines ewig jugendlichen und in sich selbst verliebten Ichs.

 

ZUM AUTOR:

Mag. phil. Gianluca Crepaldi wurde 1982 in Innsbruck geboren. Dort studierte er Philosophie und Politikwissenschaft und absolvierte das psychotherapeutische Propädeutikum. Er ist Mitglied des Vereins Rationalpark – Verein für Philosophie und Kulturwissenschaften. Seine Veröffentlichungen behandeln v. a. philosophische Themengebiete mit Schwerpunkten im Bereich der Phänomenologie, der kritischen Theorie und der Psychoanalyse.

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