Zwischen Geburtswehen und 68er-Geist

Ein Studium im Gründungsjahrgang der Universität Augsburg

Den Wind der 68er-Bewegung stärkend im Rücken und die Ideale fest in den Köpfen verankert – so wurde am 16. Oktober 1970 feierlich eine Universität eröffnet, deren Reformkonzept in Deutschland einmalig war: die Universität Augsburg. presstige hat anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums mit einem Studenten der ersten Stunde gesprochen.

Von Martina Wengenmeir – Fotos: Wolf Lamers & Sozialreferat

Zwar hatte er nicht die Matrikelnummer 1, weil diese innerhalb des Gründungsjahrgangs nach Alphabet geordnet an die 180 Studienanfänger vergeben wurden. Dennoch kann man Max Weinkamm, den heutigen Sozialreferenten der Stadt Augsburg, als den ersten Studenten der Uni Augsburg bezeichnen, da er bereits an ihrer Gründung mitarbeitete. Ein Brief aus dem Kultusministerium berief den damals 21-Jährigen in den Gründungsausschuss der neuen Hochschule. Der gebürtige Augsburger hatte nach dem Abitur eine Banklehre absolviert. Als er dann von der Einrichtung der neuen „Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Hochschule“, „der WiSo“, in seiner Heimatstadt gehört hatte, meldete er sich einfach dafür an.

Drinnen Studium, draußen Bagger

Das Studium war deutschlandweit einmalig: ein integrativer Studiengang, der die Fächer Mikroökonomie, Makroökonomie, Psychologie, Soziologie, Mathematik und Statistik verband. Der Wirtschaftswissenschaftler und Gründungspräsident der Augsburger Uni, Louis Perridon, hatte dieses Konzept dem Bayerischen Kultusministerium vorgelegt. „Das Studium fand in Kleingruppen statt und sollte uns die Lösung eines Problems durch die Betrachtung aus verschiedenen Fachrichtungen lehren“, erklärt Weinkamm heute. Vor allem zu Beginn bestand ein hoher organisatorischer Aufwand. „Wir haben drinnen zu studieren angefangen, während draußen noch die Bagger gegraben haben“, erinnert sich der ehemalige Student. Dennoch bot die Verwaltung den Studierenden auf dem neu entstehenden Uni-Gelände an der Memminger Straße bestens organisierte Abläufe: Die Stundenpläne waren gut abgestimmt, Mensa und Bibliothek gab es von Anfang an und bereits 1971 kam das Sportzentrum dazu.

„Tolle Typen“

Vom ersten Tag an sicherte ein umfassender Stab an Mitarbeitern und Professoren die gute Betreuung der Studenten. „Mit 12 Dozenten oder Professoren je Fach und nach einem Jahr nur noch 120 Studierenden, weil die anderen 60 an Mathe gescheitert waren, war das Betreuungsverhältnis phänomenal“, erzählt der heute 60-jährige Weinkamm begeistert. „Mit der Zeit habe ich unsere Professoren und Assistenten auch richtig zu schätzen gelernt, das waren tolle Typen.“ Neben den ehrwürdigen Figuren 50-jähriger Professoren sorgten junge Reformer zwischen 30 und 35 für den nötigen Schwung. So kam es, dass Weinkamm seinen späteren Statistik-Professor Bamberg beim ersten Treffen im „WiSo“-Gebäude in der Memminger Straße 6 für einen Kommilitonen hielt und dementsprechend locker duzte.

Öffentliche Abschlussprüfungen

Dieser jugendliche Elan und der Geist der 68er-Bewegung umwehten die junge, reformorientierte Uni. Mündliche Abschluss-Prüfungen wurden öffentlich unter den Augen jüngerer Jahrgänge durchgeführt und auch das 5:3:2:1-Prinzip der Zusammensetzung in den Fachbereichsräten und im Senat war einzigartig und nur durch das große Engagement von allen Seiten zu erreichen: Fünf Professoren konnten theoretisch bei Entscheidungen von drei Assistenten, zwei Studenten und einem Verwaltungsmitarbeiter überstimmt werden, was aber nie der Fall war.

Als das Kultusministerium mit einem Satzungserlass 1972 eine 6:2:2:1-Regelung bestimmte, die den Professoren eine ausschlaggebende Mehrheit zuteil werden ließ, riefen die Augsburger Studentenvertreter, denen auch Weinkamm angehörte, zum Streik auf. „Wir hatten uns zwei Jahre abgerackert, um zu zeigen, dass eine solche Mitbestimung der Betroffenen funktionieren konnte, und dann dieser Rückfall in alte Strukturen“, wettert Weinkamm noch heute. Die damals tief aufgesogenen Ideale prägen den 61-Jährigen bis in die heutige Zeit.

Im Vergleich zu heutigen Studienbedingungen, beispielsweise in Bezug auf die Video-Übertragungen von Massenvorlesungen in andere Räume, kann Weinkamm nur den Kopf schütteln und resümiert: „Mit der Humboldt’schen Studienauffassung hat das nicht mehr viel zu tun. Da beneide ich die heutige Studentengeneration nicht. Als wahrer 68er-Abijahrgang bin ich froh, das Studium an der damaligen Reformuniversität Augsburg miterlebt zu haben. Mein Studium waren unglaubliche vier Jahre Diskussionstraining auf höchstem Niveau.“

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