Abgegrenzt? Ein Blick über den Lech in den Osten Augsburgs

Schmutz, Verkehrslärm, hoher Ausländeranteil – das assoziieren viele Augsburger mit Lechhausen. Doch was erwartet einen wirklich auf der anderen Seite des Flusses? Was hat der Stadtteil Studenten zu bieten? presstige hat für euch den Lech überquert und Eindrücke gesammelt.

Von Julia Kühnemuth & Annika Schmidt – Fotos: Moritz Köppendörfer

Auf den Spuren der Linie 1

Ein Windstoß fegt über die Lechbrücke. Mit lautem Getöse rauscht die Straßenbahn der Linie 1 an uns vorbei. Neben ihrem Rattern heulen gefühlte hundert Automotoren auf – der Strom scheint nicht abzureißen. An der nächsten Haltestelle drängen sich die Insassen aus den Türen. Eilig zerstreuen sie sich in alle Himmelsrichtungen. Die Tram bahnt sich ihren Weg durch die Neuburgerstraße, entlang an einigen brüchigen Häuserfassaden, die wohl schon bessere Tage gesehen haben. Kleine Geschäfte fügen sich zur Haupteinkaufsstraße zusammen: Gegenüber des kleinen türkischen Lebensmittelladens befindet sich ein Pelzgeschäft, in dem kostbare Mäntel auf elegante Besitzerinnen warten. In der Nebenstraße wirbt das Schild „Thai-Massagen“ für Entspannung in exotischem Flair. Dönerbuden ergänzen das multikulturelle Bild. Menschen, vollbeladen mit Einkaufstüten, überqueren die Straße, Kindergeschrei ertönt. Die Straßenbahn zieht weiter Richtung Industriegebiet, ihrer Endhaltestelle entgegen.

Tischlein deck dich

Schmutzig, laut, viele Menschen mit Immigrationshintergrund – dem ersten Eindruck nach scheint Lechhausen den Vorurteilen zu entsprechen, doch ein zweiter Blick lohnt sich: Kurze Fußwege zu zahlreichen namhaften Lebensmitteldiscountern ermöglichen Studenten, auch in der stressigen Prüfungszeit schnell eine neue Ladung Nervennahrung herbeizuschaffen. „Lechhausen bietet gute Einkaufsmöglichkeiten was Nahrungsmittel anbelangt“, bestätigt der 20-jährige International Management-Student Klaus. Andere Studenten kann das vielfältige Angebot hingegen nicht überzeugen. „Lechhausen hat einen Döner und eine Volksbank“, witzelt Carsten, ein 23-jähriger Physik-Student. Für Skeptiker wie ihn hat der Stadtteil jedoch noch ein Ass im Ärmel – den Lech.

Wohlfühloase am Lech

Nicht ohne Grund wurde Lechhausen nach seinem Grenzfluss benannt. Der Lech steht für ein Stück Lebensqualität des Stadtteils. Besonders an den Wochenenden werden die Wege und Grünflächen entlang des Ufers von Sonnenhungrigen bevölkert – Teenager hängen auf den Tischtennisplatten ab, ein Hund strolcht durch das Gebüsch, eine Mutter schiebt ihr Kind auf einem Dreirad vor sich her. Auch der eine oder andere Student gönnt sich hier von Zeit zu Zeit eine Lernpause. Beim Spaziergang oder am Lagerfeuer kann man den stressigen Unialltag für eine Weile hinter sich lassen. „Der Park direkt am Lech eignet sich sehr gut zum Joggen“, findet auch die 21-jährige International Management-Studentin Maren.

Vom Leben und Lernen

Lechhausen bietet Studenten gleich in zwei Wohnheimen ein preiswertes Zuhause. Direkt am Lech ragt das Studentenwohnheim an der Lechbrücke in den Himmel. Tiefer im Herzen des Stadtteils befindet sich das Albertus-Magnus-Wohnheim. Besonders für Studenten, die auf dem Campus an der Schillstraße studieren, ist die Wohngegend optimal. Dort befinden sich die Lehrstühle für Kunst- und Musikpädagogik der Universität Augsburg sowie die Fakultät für Wirtschaft der Hochschule. Aber auch bei dem Großteil derjenigen, die sich Tag ein, Tag aus auf die kleine Reise zum Hauptcampus begeben, sind die Wohnheime sehr beliebt. Der 24-jährige Amerikanistik-Student Denis erzählt: „Der lange Weg macht mir eigentlich nichts aus. Ich habe immer etwas zu lesen dabei.“ Ein größeres Problem stellt hingegen die Abendplanung dar. Für Nachteulen und Partylöwen hat Lechhausen so gut wie nichts zu bieten. Lediglich das Ostwerk, Liveclub und Disko, lädt zum Feiern ein. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich die meisten Studenten weniger mit dem Stadtteil als mit ihrem Wohnheim identifizieren. Hier spielt sich das eigentliche Studentenleben ab. „Ein echtes Highlight ist das Grillen im Sommer auf der Dachterrasse“, schwärmt Carsten.

Vielfalt statt Einfalt

Lechhausen hat nach der Innenstadt die meisten Einwohner. Zudem haben sich einige der größten Arbeitgeber Augsburgs hier niedergelassen. Dazu gehören die Presse Druck- und Verlags GmbH, unter anderem Herausgeber der Augsburger Allgemeinen, die Verlagsgruppe Weltbild und die KUKA AG, bekannt für die Herstellung von Industrierobotern. Auch so mancher Student verirrt sich in diesen Teil Lechhausens, um als Praktikant oder Werkstudent Praxisluft zu schnuppern. Der Stadtteil hat also viele Facetten. Hier reichen sich Wohn- und Gewerbegebiet die Hand – im Westen wird gewohnt, im Osten gearbeitet. An den Vorurteilen über Lechhausen ist zwar durchaus etwas dran, jedoch hat der Stadtteil auch einiges zu bieten. Ein Ausflug auf die andere Seite des Lechs ist auf alle Fälle lohnenswert.

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