Auf der Suche nach dem letzten Gentleman

Auf der Suche nach dem letzten Gentleman

Nach beinahe einem halben Jahrhundert Feminismus und Frauenemanzipation zieht unsere Redakteurin Patricia Ott Bilanz. Sie versucht einen ganz gewöhnlichen Kerl, bei ihrem Date, zu einem echten Gentleman zu erziehen.

Von Patricia Ott

Ja, es stimmt – Frauen dürfen wählen und Auto fahren, Fußball spielen und Bier trinken und spätestens seit wir auch bei der Bundeswehr unseren Mann stehen, scheint klar zu sein: Sie ist da! Die Emanzipation. Eine tolle Sache – Dem Feminismus sei Dank haben wir in beinahe allen Lebenslagen die gleichen Rechte, wie die uns angeblich artverwandten Männer.

Aber Moment mal – Geht das Ganze denn mittlerweile nicht etwas zu weit? Heutzutage werden uns Türen vor der Nase zugeschlagen und die Jacke darf man sich sowieso selbst anziehen. Freundinnen berichten schon mal über peinliches Schweigen, wenn der Kellner die Rechnung bringt. Am Ende muss die Frau dann beschämt mit „Getrennt“ dessen Frage beantworten und ihre Weinschorle für 3,50 € selbst bezahlen. Dabei sind solche Aufmerksamkeiten nur Kleinigkeiten im Vergleich zu den Gepflogenheiten der 60er-Jahre. Ein solch rüdes Verhalten wäre Audrey Hepburns Begleitern nicht im Traum eingefallen, denn da lief noch das volle Programm: Da wurde man mit Blumen empfangen, der Stuhl zurecht gerückt, aus dem Wagen geleitet und die Männer erhoben sich, wenn eine Frau den Raum betrat.

Und spätestens wenn Audrey beim „Frühstück bei Tiffany“ mit Handkuss empfangen wird, stellt sich doch schnell die Frage: Wann ist das Alice Schwarzer das letzte Mal passiert? Emanzipation – Fluch oder Segen? Ganz im Sinne von „Eve und der letzte Gentleman“ war für uns Frauen früher vielleicht doch alles besser…

Mission: Gentleman

Vielleicht sollte den heutigen Männern einmal jemand ins Gedächtnis rufen, wie schlecht sich ihr Verhalten gegenüber uns Frauen in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Der Plan steht also: Ich werde mir einen Kerl suchen, und mich bei unserer Verabredung wie Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ verhalten.

Das erste Hindernis: Männer verstehen keinen Wink mit dem Zaunpfahl, man muss sie leider fast damit erschlagen. Meine äußerst subtilen Andeutungen, dass ich noch absolut keine Ahnung hätte, was ich denn am Wochenende machen soll und dass ich ja so gerne mal wieder italienisch essen gehen würde, quittiert der einigermaßen ansprechende Typ aus dem Spanisch-Kurs mit: „Boah ja, ich au net. Ich glaub ich werd‘ mal wieder nur gammeln.“

Mit Blick auf den nahenden Redaktionsschluss muss ich, so gar nicht Audrey-like selbst jemanden fragen. Tim* kenne ich vom Tennis (endlich ist der Unisport auch mal für was gut!). Er wirkt zwar sehr überrascht, als ich ihn nach einem Date frage, aber scheint sich ehrlich darauf zu freuen. Naja, vielleicht überdenkt er das am kommenden Freitag ja noch einmal…

Lasst die Spiele beginnen!

Am Freitagabend bin ich perfekt vorbereitet. Ich habe keinen Cent in der Tasche, und etwas an, womit es mich schnell frösteln könnte. Es hupt. „Hey, dein Typ ist da“, sagt mir meine Mitbewohnerin mit einem Blick aus dem Fenster. „Willst du nicht runter gehen?“ Ich und runter gehen?! Ich wäre doch keine Bordsteinschwalbe, gebe ich brüskiert zurück. Nach gut fünf Minuten und zwei weiteren Hupversuchen klingelt es dann an der Tür. Ich nehme den Hörer der Gegensprechanlage ab und flöte: „Jaaaa?“ – „Ähm…Ich bins Tim, ich wäre jetzt da…“

„Ah, super. Einfach in den dritten Stock“, ich hänge auf und betätige den Türöffner. Tim klopft an der Tür und an seinem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass er mehr als verwirrt zu sein scheint. „Hallo, du bist etwas spät“, begrüße ich ihn – „Ja, ich war schon unten, aber… – Ach egal. Bist du fertig?“

„Ja klar“, versichere ich ihm, ich müsste nur noch meinen Mantel anziehen und deute auf die Garderobe. Schweigen. Ein paar Sekunden später, sage ich: „Das ist er“, und zeige auf die braune Jacke. „Ähm…der ist schön“, gibt Tim unbeholfen zurück.

Aus der Küche höre ich gedämpft, wie meine Mitbewohnerinnen prustend versuchen einen Lachanfall zu unterdrücken. Langsam wird’s peinlich. Ich nehme meine Jacke selbst vom Haken und versuche umständlich hinein zu kommen. Immerhin – Er greift sich einen Ärmel und hilft mir ein wenig. Von unserer Wohnung bis auf die Straße passieren wir vier Türen. Jedes Mal warte ich, bis er mir selbige aufhält um dann natürlich als Erstes durchzugehen. Tim ist leider nicht gerade ein Blitzmerker, ansonsten hätten wir wohl kaum knapp drei Minuten für die kurze Strecke gebraucht.

Ein erster Lichtblick: Beim Auto hält er mir relativ zügig die Tür auf, vielleicht hatten die Wohnungstüren einen gewissen Lerneffekt bei ihm hervorgerufen. Naja, Schimpansen kann man ja auch durch Wiederholungen dressieren…

Zusammen oder getrennt?

Wir halten vor dem Italiener. Auf der 15-minütigen Fahrt hatten wir uns nett unterhalten und Tim wirkt wieder entspannter, bis jetzt. Mein geplantes Manöver – so lange im Auto sitzen zu bleiben, bis mir die Tür geöffnet wird – verläuft leider nicht ganz glatt. Tim ist dieses Ritual anscheinend so unbekannt, dass er aus dem Wagen aussteigt und als ich nicht nachkomme, erneut die Fahrertür(!) öffnet, um mich zu fragen „Alles okay?“. Jetzt bin auch ich verwirrt, steige zügig aus und erkläre, ich hätte etwas in meiner Tasche gesucht. Der Lerneffekt scheint bei Tim wohl eher kurzfristiger Natur gewesen zu sein…

Irgendwie ist jetzt der Wurm drin, denn meine nächste Aktion wird mir von dem überfreundlichen italienischen Kellner vereitelt, indem er mir den Stuhl zu Recht rückt. Mist! Jetzt hatte ich mich seelisch doch schon so gut darauf vorbereitet, minutenlang neben meinem Stuhl stehen zu bleiben.

Angestrengt versuche ich mich an den Audrey Hepburn Film von gestern Abend zu erinnern und reiche Tim meine Speisekarte mit den Worten: „Ich nehme die 31“. – „Ah okay, und was soll ich jetzt mit deiner Karte?“, gibt der, mit leicht genervtem Unterton zurück. Ich erkläre ihm im Oberlehrer-Ton, dass es sich ja wohl gehöre, dem Mann die Bestellung zu überlassen. Er lässt meine Ausführungen unkommentiert und begnügt sich damit, die Getränkekarte auswendig zu lernen. Wohl eher der Typ, der alles in sich rein frisst und irgendwann platzt, konsultiere ich in Gedanken.

Nach kurzer peinlicher Stille, finde ich den Abend mittlerweile irgendwie bedrückend. Tim bestellt also für mich mit und ich beschließe erst einmal eine Pause einzulegen. Ich eröffne das Gespräch über unseren gemeinsamen Tennistrainer und seine seltsame übermäßige Schweißproduktion. Tim scheint erleichtert, dass ich ihn nicht mit irgendwelchen Benimmregeln langweile. Zwei Stunden später verlassen wir den Italiener, die Frage aller Fragen: „Zusammen oder getrennt?“, hat Tim ganz souverän mit „Das übernehme ich“, beantwortet und mir dabei zugezwinkert. Ich bin richtig stolz auf ihn…

Ab jetzt nur noch mit Spitzenhandschuhen?

Vor meiner Wohnung angekommen, muss ich mich zusammenreißen, um mich auf meine Audrey-Hepburn-Attitude zurückzubesinnen. Nach unserer Verabschiedung sage ich: „Also dann, willst du mir nicht noch die Autotür öffnen?“ Tim schaut mich seltsam an und meint nach kurzer Überlegung: „Ach weißt du Patricia, dieses übertriebene den Hof machen ist mir irgendwie wirklich zu anstrengend.“

Ja, mir eigentlich auch, denke ich und bin nach dem Abend nicht so ganz glücklich mit dem Verlauf meines Dates. Versteht mich nicht falsch, ein Mann zeigt nicht nur gute Manieren, wenn er sich aufmerksam verhält und ab und an auch Mal die Tür für Einen öffnet, sondern beweist auch, dass er sein Gegenüber wert schätzt. Und bei der Verabredung auf den Cappuccino eingeladen zu werden, gilt nicht als unemanzipiert, sondern gehört in die Kategorie „nette Geste“. Aber vielleicht ist es für Männlein und Weiblein heutzutage ja wirklich zu anstrengend ständig einen auf „Eve und der letzte Gentleman“ zu machen.

Von Tim hab ich übrigens nichts mehr gehört. Seitdem muss ich bei der Wahl meines Tennispartners auf unseren schweißnassen Trainer zurückgreifen – Naja, ich nehm`s mit Humor. Etepetete war gestern, im Angesicht meines (oder seines) Schweißes trainieren ist heute – Auch eine Art der Emanzipation.

*Name von der Redaktion geändert.

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