Generation karrieregeil!? Von selbstbewussten Bachelorn und Absolventen in der Quarter-Life-Crisis

Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot. – Wenn`s um Geld und Karriere geht, vertraut der Student von heute nicht der Sparkasse, sondern seinem durchgestylten Lebenslauf. Nicht kleckern, sondern klotzen, denn wir wissen, wie Karriere-Hase läuft. Nach dem Hochschul- Abschluss stehen uns alle Türen offen, sich für eine davon zu entscheiden bleibt dabei oft die größte Herausforderung.

Von Patricia Ott

„Nach dem Studium beginnt der Ernst des Lebens.“ 2011 können die meisten Absolventen über diesen Satz, der einem wie aus längst vergangenen Zeiten im Ohr klingt, nur milde lächeln. Denn wer auf der Karriereleiter ganz nach oben kraxeln will, der hat schon während des Studiums mit dem „Ernst sein“ begonnen. Mein Praktikum. Mein Auslandssemester. Mein Werksstudentenjob – kaum ein Student, der diese Kriterien nicht erfüllt. „Generation karrieregeil“, so könnte man uns betiteln. Denn mit dem Bild des faulen Langzeitstudenten hat der Absolvent von heute nicht mehr viel gemein.

Ich bin ein Bachelor – holt mich hier raus?

2005 prägte ein Artikel der Zeit mit der Überschrift „Generation Praktikum“ einen Begriff, welcher sich als geflügeltes Wort in im Bewusstsein der Gesellschaft festsetzte.

Mit ihm zeichnete sich das Bild des Burnout-Bachelors, der nach dem Abschluss für einen Hungerlohn bei großen Konzernen als Praktikant in Knechtschaft gehen muss. Eine maßlose Übertreibung, denn laut einer Absolventen-Befragung des HIS* machen nur drei Prozent der Uni-Abgänger in Informatik oder in den Ingenieurwissenschaften nach dem Abschluss ein Praktikum. Bei den Geisteswissenschaftlern sind es acht Prozent, die Sozial- und Politikwissenschaften liegen bei 28 Prozent. Hierbei bleibt aber nur ein verschwindend geringer Teil länger als sechs Monate im Praktikantenverhältnis.

Wenn man da so mancher Schlagzeile der letzten Zeit Glauben schenkt, dann gibt es heutzutage kaum etwas Schlimmeres als ein Student zu sein, gefangen in der bösen Bologna-Reform. Ja gut, es stimmt, mit Bologna und dem Bachelor, mit den Studiengebühren und dem Master of Desaster hätte es besser laufen können. Aber es sind eben neue Umstände, an die wir uns anpassen müssen, unsere Gesellschaft verändert sich. Wir sind Digital Natives, mit Internet und Smartphone groß geworden, da war es längst überfällig, dass sich auch unser Studium verändert.

Ich habe heute leider keine Rose für Sie…

Die „Generation karrieregeil“ macht auch Praktika, aber sie weiß viel deutlicher was sie will. Nach dem Abschluss sind wir jung und willig zu arbeiten, aber nicht um jeden Preis. Ich bin ein Bachelor und stolz darauf! Und mit schlecht bezahlten Praktika, ohne Aussicht auf Festanstellung, bekommen die Unternehmen heute sicher keine Rose von mir.

Im europäischen Vergleich haben wir in den letzten Jahren aufgeholt, aber immer noch zählen die deutschen Absolventen zu den ältesten Europas. Ein schlechte Ausgangsposition, sind wir doch mit unseren europäischen Nachbarn so zusammen gewachsen, wie kaum eine Generation vor uns. Annes beste Freundin studiert in Utrecht, die Schwester in Madrid und ihr Freund macht seinen Master in Stockholm. Auch das sind Auswirkungen von Bologna – plötzlich steht uns zum Studieren und Arbeiten ganz Europa offen. Anne hat den Bachelor mit Bestnoten abgeschlossen, jetzt hat sie alle Möglichkeiten– was für ein Glück sie doch hat, oder nicht?

Quarter-Life-Crisis

Anne ist noch nicht einmal 25, sie hat gerade den Abschluss in der Tasche, und dennoch fühlt sie sich schon beinahe wie in der Midlife-Crisis.

Wie geht es jetzt weiter? Mache ich den Master? Oder doch ein Traineeship? Soll ich in Deutschland bleiben, oder doch an die angesagte Uni in Lodon? Theoretisch steht ihr alles offen, nach ihrem Freund braucht sie sich nicht richten, der weiß selbst nicht, was für einen Weg er nach dem Studium einschlägt. Auch das sind wir, die „Generation karrieregeil“, irgendwie verloren, erschlagen, betäubt von unendlich vielen Möglichkeiten.

Und dann ist da zu allem Überfluss auch noch dieser fiese Gedanke, der mit bohrendem Blick auf unserer Schulter sitzt und ständig fragt: „Und was, wenn es noch etwas Besseres gibt?“ Auch Anne kommt ins Grübeln, eigentlich wollte sie den Master in Stuttgart machen, das war ihr Plan. Doch irgendwie verblasst die Schwabenmetropole bei den Erzählungen der Kommilitonin über ihr Volontariat in New York. „Master? Das ist mir zu unsicher, ich mach ja jetzt Trainee bei einer Unternehmensberatung in Hamburg“, meint ein Kommilitone.

Uns stehen alle Türen offen – und gerade darin liegt das Dilemma, da wir Angst haben, die falsche Tür zu wählen. Immer auf unsere Mitmenschen schielend, auf das vermeintlich bessere Praktikum, den besseren Job, das bessere Leben. Immer die Angst im Nacken, es könnte etwas noch Besseres geben und immer den Tenor im Ohr, dass der Garten des Nachbarn noch etwas grüner ist.

Fremdgehen tut weh

Wir sind ständig auf der Suche nach dem Optimum, beruflich wie privat. Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen geht mindestens einmal in ihrem Leben fremd. Auch das ein Phänomen der Unzufriedenheit unserer Generation. In einer guten Beziehung erfüllt der Partner 90 Prozent aller Eigenschaften, die man sich in der Partnerschaft wünscht. Beim Fremdgehen betrügt man dann mit einer Person, welche die restlichen zehn Prozent auf sich vereint.

Man muss kein mathematisches Genie sein, um zu erkennen, wie unprofitabel dieses Verhalten ist. Auch Anne sieht bei ihren Kommilitonen nur die zehn Prozent, welche bei ihrer Wahl fehlen, sei es der Glamour, der einer Großstadt wie New York anhaftet oder das Prestige der wichtigen Unternehmensberatung.

„Generation karrieregeil“? Ja, aber bitte mit Köpfchen. Lassen wir uns Träume, Ziele und Zukunft nicht nehmen. Aber eifern wir dem nach, was für uns persönlich das Passendste ist. Damit es irgendwann auch für uns heißt: Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot. – Und zufrieden damit!

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