Brothers in Spheres

Michael Sentef und Christopher Große sind dann mal weg und finden das … Nichts.

Im Anfang, wie üblich, SEIN Wort: Ich sehe eine Glosse. Sie handele von euch Losgelösten, die ihr zwischen den Sphären wandelt, fern der Heimat. – Wir: Oh Herr, wir wandeln nicht, wir schreiten voran, wie es moderner unternehmerischer Geist uns diktiert. Und Sphären kennen wir nur vom Hörensagen. Drogendelirien waren nie unser Ding. – ER: Bah, wie auch immer. Macht euch frei und wandelt … schreitet. Aber Marsch, Marsch! (Katzbuckeln. Alle ab.)

Von Michael Sentef und Christopher Große

 

Voilà – die drogenfreieste Glosse der Welt, die gänzlich neue Sphären erkundet. Neulich (oder auch schon vor etwas Längerem) waren wir beide dann mal weg. Wir sind ausgezogen, um uns selbst zu finden und einen neuen Blick auf die (nun ferne) Heimat zu gewinnen. Einer von uns (CG) aus Berlin nach Bavaria – der Karriere wegen (behauptet zumindest er). Der andere von uns (MS) aus Deutschland nach Kalifornien – der Karriere wegen (behaupten zumindest alle anderen). Gefunden haben wir viel Provinz. Und neue Freunde. Unsere Gedanken an die Heimat: Voller Sehnsucht, verklärend – wie eine unerfüllte Liebe weit in der Vergangenheit, an die man sich ungezählte Jahre danach schüchtern schmachtend entsinnt. Das Neue kann mitunter aber auch ganz schön sein. Man muss ja nur nicht gleich auf alles Liebgewonnene verzichten.

Der andere von uns (MS) kann von einer spannenden Reise ins Nichts berichten. Nicht die nach Kalifornien. Die San Francisco Bay Area ist durchaus zivilisiert. Setzt man sich allerdings ins Auto und fährt ein paar Stunden nach Osten in Richtung Nevada, gewinnt der Begriff Einöde neue Dimensionen. Auf dem Weg in die Glücksspiel- und Minirock-Oase Las Vegas hat er in Boron Halt gemacht. Weil dort einige Mineralien aus der Erde kommen, existiert dieses Dorf. Weitere Gründe für dessen Existenz lassen sich auch bei näherer Betrachtung nicht ausmachen (nicht, dass eine nähere Betrachtung lohnen würde). Immerhin gibt es dort ein mexikanisches Restaurant mit funktionierender Toilette. Am nächsten Tag passiert er auf der Weiterfahrt von Las Vegas nach Lake Tahoe die ehemalige Goldminenstadt Goldfield. Sie sieht genau so aus, wie man sich eine Stadt vorstellt, die vor Hundert Jahren eine Zeit lang schwer angesagt war und nur kurze Zeit später wieder schwer out war. Goldfield liegt inmitten einer Landschaft, umgrenzt von kahlen Hügeln, in deren Mitte ein kahles, weites Tal liegt, inmitten weiterer Landschaften, umgrenzt von kahlen Hügeln, in deren Mitte kahle, weite Täler liegen. Irgendwo hinter einem der Hügel lungert das Death Valley herum. Hier sind eigentlich alle Täler ein bisschen tot. Ich verspreche, mir nie wieder einzubilden, dass man in Deutschland das Nichts antreffen könne. Nicht mal nachts [irgendwo in Augsburg].

Der eine von uns (CG) widerspricht mit aller Entschiedenheit. Denn er hat in Deutschland das Nichts angetroffen. Als er damals seine Heimatstadt verlassen hat, laut, pulsierend, wach, voller Leben, und in die Uckermark gefahren ist, ein paar Stunden nach Osten, von der Autobahn nach Polen runter ins endlose Brandenburg, geradeaus auf endlosen Pflastersteinstraßen, ratternd, nur in Gesellschaft von windschiefen Alleebäumen und immer noch mehr windschiefen Alleebäumen. Irgendwann vier, fünf Häuser – eingeschossig, grau, verlassen, erodierend, ein Dorf inmitten der Ödnis, Gehwege aus Sand, mit Sperrholz vernageltes Geschäft, „HO“ verblichen über der Tür, ein altes Fuhrwerk am Straßenrand. Und dann weiter geradeaus, ratternd – vorbei an Kiefern in kargem märkischen Sand, Feldern, Seen, Feldern und noch mehr Kiefern auf wüstem märkischen Boden. Dämmerung. Dann: Das Rattern vorbei, einfach so. Ende im Straßengraben. Die Straße: plötzlicher Knick, einfach so. Höhnisch liegt sie da hinter der Kurve, als wäre nichts gewesen: gepflastert, schnurgerade, bis irgendwo weit weg. Kein Handynetz, kein Licht, keine Menschenseele weit und breit. Nichts, außer Sand und Kiefern. Und Matsch. Der Wagen knietief darin. Nach einer Stunde die Einsicht: Schieben einzige Rettung – mit aller Kraft. Nach zwei Stunden die Einsicht: Ein Kraftwagen wiegt mehr als ein Einkaufswagen. Nach drei Stunden die Einsicht: Aufgeben niemals. Nach vier Stunden die Einsicht: Der Mensch ist imstande, Übermenschliches zu leisten – wenn er muss. Hände voll Blut, Körper über und über besprenkelt von tiefbraunem, nassen, märkischen Sand, Kopf voll Glück. Wer braucht da noch ein mexikanisches Restaurant mit funktionierender Toilette?

ER (nachdenklich): Ihr scheint eure Heimat wirklich zu vermissen …

Wir (aufrichtig): … oh ja! Wir sind beinahe froh, wenn wir wieder über Dinge schreiben dürfen, die uns weniger zu Herzen gehen. (Gemächlich irgendwohin ab.)