Nächste Haltestelle: Nebenjob – Studenten als Straßenbahnfahrer

Mit einem 42 Meter langen und rund 50 Tonnen schweren Gefährt durch Augsburgs Straßen schlängeln. In der linken Hand liegt die Gewalt über 850 Pferdestärken und die Verantwortung für 200 Fahrgäste. Das ist die Beschreibung eines Studentenjobs der etwas anderen Art: Straßenbahnfahrer.

Im Frühjahr 2011 starteten die Stadtwerke Augsburg die Suche nach Studentenfahrern. Mittlerweile sind die ersten unterwegs. Durch die Einstellung studentischer Teilzeitkräfte hofft die Augsburger Verkehrsgesellschaft (avg), flexibler auf sogenannte Leistungsspitzen reagieren zu können. Dazu gehören die Einsätze der Stadionlinie oder die morgendlichen Verstärkerwagen zur Uni. Zudem können die Studenten in den Semesterferien als Urlaubsvertretung einspringen. Manch Außenstehender mag sich schwer vorstellen können, dass ein Student eine Straßenbahn durch den Augsburger Berufsverkehr dirigieren kann. Doch Xaver Geierhos, Ausbildungsleiter bei der avg, entgegnet dem: „Die Studenten haben genau die gleiche Ausbildung wie die anderen Fahrer.“ Neben einem Autoführerschein mussten die Bewerber nicht nur ein möglichst leeres Punktekonto in Flensburg vorlegen sondern auch ein polizeiliches Führungszeugnis. Besondere Qualifikationen waren nicht gefordert.

Vom Student zum Straßenbahnfahrer

Die siebenwöchige Ausbildung beginnt morgensmit Theorieunterricht. Hier lernen die Neulinge alles über Signale, Weichen sowie die technischen Eigenschaften der verschiedenen Straßenbahntypen. Anschließend wird das Besprochene „live“ am Fahrzeug veranschaulicht, bevor es schließlich auf die Strecke geht. Die Fahrschüler sind von Anfang an auf Augsburgs Schienen unterwegs. Stets unter der Aufsicht eines Fahrlehrers. Einer davon ist Matthias Wiedemann, der seinen Schülern während der Fahrt bestimmte Situationen und Streckenabschnitte erklärt. Der elementarste Unterschied zum Autofahren sei, dass eine Straßenbahn nicht ausweichen kann: „Wir können nur klingeln oder bremsen“, erklärt Wiedemann. Daher müssen die Fahrschüler einen ganz neuen Blick für das Verkehrsgeschehen entwickeln.

Rund drei Wochen nach Beginn der Ausbildung und bestandener praktischer Prüfung kommen die Fahrschüler erstmals mit Fahrgästen in Kontakt. Bei den zweiwöchigen Einweisungsfahrten sind die Studenten regulär auf dem Augsburger Liniennetz unterwegs, werden jedoch von einem routinierten Fahrer begleitet. Den Abschluss der Ausbildung bildet die theoretische betriebliche Prüfung. Dabei wird beispielsweise abgefragt, was im Fall einer Störung zu tun ist. Aber auch Kenntnisse des Tarifsystems sowie sämtlicher Haltestellen in Augsburg werden geprüft. Immerhin soll ein Fahrer Auskunft geben können, wenn sich ein Fahrgast mit einer Frage an ihn wendet.

„Ich wollte das immer schon machen“

Die Motivation der Studenten neben dem Studium ausgerechnet Straßenbahn zu fahren ist unterschiedlich. Für Lehramtsstudent Florian geht damit ein Kindheitstraum in Erfüllung. „Ich wollte das immer schon machen“, meint er. Etwas nüchterner sieht es sein Kollege Max. Er war anfangs nur auf der Suche nach einem Job neben seinem Informatikstudium. Für das Straßenbahnfahren sprach schließlich, dass die Tätigkeit anspruchsvoller und spannender als andere typische Studentenjobs ist. Überdurchschnittlich für einen Studentenjob ist auch das Gehalt von 12,50 Euro pro Stunde. Dabei nimmt jeder Studentenfahrer zehn Stunden pro Woche im Führerstand Platz.

Wer sich dort ebenfalls sein Zubrot verdienen will, den muss Ausbildungsleiter Geierhos vorerst vertrösten. Im Moment werden keine Fahrer gesucht. Sollte sich der Einsatz der Studentenfahrer bewähren und weiterer Bedarf entstehen, werde es allerdings eine neue Stellenausschreibung geben.