Können wir helfen? – Ein sozialer Tag in der Augsburger Innenstadt

Freiwilliges soziales Jahr, Ehrenamt in einer Behindertenwerkstätte oder ein soziales Praktikum; es gibt viele Wege, sich sozial zu engagieren. Muss es aber immer gleich ein solch großes Projekt sein? Einfach in der Augsburger Innenstadt  Passanten fragen, ob man ihnen bei irgendetwas behilflich sein kann – geht das? Zwei presstige-Redakteurinnen wagen den Selbstversuch und berichten, mit welchen Reaktionen sie konfrontiert wurden.

Von Susanne Heindl & Simone Klauer – Fotos: Tim Stockschläger

Eingepackt in einem weißen Spruch-Shirt machen wir uns an einem Mittwochvormittag auf zum Augsburger Rathausplatz. Dort erwartet uns ein himmlischer Anblick: Vier Männer in luftiger Höhe mit Sternen in den Händen. Augsburgs Weihnachtsengel schmücken gerade den Christbaum. Wie toll wäre es, den vieren behilflich zu sein?! Für solche Fälle haben wir vorgesorgt: Können wir helfen? steht in großen Buchstaben auf unseren noch größeren Shirts. So ist der Slogan sogar von der Spitze des Weihnachtsbaums aus gut leserlich. Und prompt stehen wir auf einer Hebefläche, während der Kran seinen Arm weiter ausfährt. Wir hängen einen Stern nach dem anderen auf, tauschen ein paar der 900 LED-Leuchten aus und können so zum schönen Ambiente des Augsburger Christkindlesmarkts beitragen. Zum Dank und als Andenken erhält jeder einen Stern und eine Leuchte.

Die Masche mit der Tasche

Spaßig ja, aber klassisch sozial war die Aktion noch nicht. Einzelpersonen direkt helfen, so lautet unsere Mission. Wir halten Ausschau nach schweren Taschen und schmächtigen Trägerinnen. Die Suche fällt uns nicht schwer, der Erfolg bleibt dennoch aus. Skeptisch, teilweise sogar ignorant sind die älteren Frauen, denen wir unsere Hilfe anbieten. Zu tief sitzt hier wohl ein allgemeines Misstrauen der Gesellschaft gegenüber. Es ist aber auch verständlich und wir fragen uns, ob wir wildfremden Menschen unsere Taschen anvertrauen würden.

Mozarts Sprachrohr

Weiter geht unsere Tour in der wuseligen Fußgängerzone. So viele Leute – wen also fragen? Eine goldfarbene Mozart-Statue fällt uns ins Auge, die sich plötzlich bewegt – Ein Straßenkünstler bei der Arbeit. Ein Nachteil des stummen Schauspiels ist, dass der Künstler die Passanten nicht ansprechen kann. Wir erklären der lebenden Statue kurz die Idee unseres sozialen Tages, schnappen uns das Geldkörbchen und werden zu seinem persönlichen Sprachrohr. Es klappt tatsächlich: Innerhalb weniger Minuten haben wir einen kompletten Stundenlohn eingesammelt.

Zu früh gefreut

Wenig später erspähen wir einen DHL-Austräger: „Mein Päckchen-Bote beschwert sich immer, wenn er zu mir in den vierten Stock hinauf muss.“ Gespannt wittern wir unsere nächste gute Tat. Doch zu früh gefreut. Der Studentengrad befähige uns leider nicht zu dieser „Hoheitsaufgabe des Staates“, erklärt uns der DHL-Mann. Schade!
Ähnlich ergeht es uns im Supermarkt: Ein älterer Herr, ein suchender Blick, ein leerer Einkaufswagen – der Einkaufszettel aber ist voll. Wenn wir da nicht helfen können! Sehr freundlich weist er uns jedoch ab. Auch er will an seiner Aufgabe festhalten, mit dem Unterschied, dass sie ihm persönlich sehr wichtig zu sein scheint. Vielleicht handelt es sich um eine der wenigen Aufgaben, die der alte Mann noch völlig selbstständig erledigen kann und möchte sie deshalb nicht abgeben.

Helfer auf dem Bahnsteig

Endstation: Hauptbahnhof. Der Weg dorthin führt uns über den Königsplatz. Noch schnell einer Frau mit Kinderwagen beim Einsteigen helfen und eilenden Menschen in letzter Sekunde die Straßenbahntür aufhalten – schon wieder zwei gute Taten geleistet.
In der Bahnhofshalle herrscht hektisches Treiben. An einem Automat fällt uns ein älterer Mann auf. Überfordert blickt er auf die vielen Wörter und Symbole des Touchscreens. Zusammen kaufen wir ein Ticket nach Mering. Voller Dank drückt er uns sein Wechselgeld in die Hand. Wir lehnen erfreut ab. Ob er auch bei seiner Rückfahrt eine helfende Hand finden wird?
Von dem mehr oder weniger bedienerfreundlichen Fahrkartenautomaten gehen wir zu den Bahngleisen. Wie so oft funktioniert auch an diesem Tag das Gepäckförderband nicht. Da verwandeln wir uns in ein mobiles Transportband. Frauen mit schwerem Gepäck bringen wir die Koffer direkt vor die Zugtür. Beim von Natur aus starken Geschlecht greift der Transport-Service allerdings leider nicht.

Helfen tut gut!

Alles in allem war unsere Aktion sehr abwechslungsreich: Von gewöhnlichen Studentinnen mutierten wir zu Hilfsengelchen, einem Mozart-Sprachrohr und einem Gepäckförderband. Uns begegneten aber auch ignorante Blicke und skeptische Aussagen, wie „Demonstriert ihr gegen etwas?“ oder „Seid ihr von einer Sekte?“. Wir haben den Eindruck, dass das Annehmen fremder Hilfe viel mit Vertrauen, den eigenen Fähigkeiten und der Umgebung zu tun hat. Kann ich wie der alte Mann noch allein einkaufen gehen, so lasse ich mir diese Würde ungern nehmen. Bin ich hingegen nicht fähig, mir ein Ticket am Automaten zu kaufen, so freue ich mich über fremde Hilfe. Der Bahnhof stellt wohl ein Umfeld dar, wo Hilfe eher angenommen wird. In der Fußgängerzone hingegen waren viele zu überrascht und deshalb misstrauisch. Dennoch beendeten wir unseren sozialen Tag mit dem befriedigenden Gefühl, wenigstens ein paar Menschen geholfen zu haben – und das in so kurzer Zeit. Denn oft sind es ja gerade die kleinen alltäglichen Dinge im Leben, die am meisten Freude bereiten!

 

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Autoren des Artikels

Simone Klauer

Redakteurin

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