Auf die Plätze, fertig… Stopp!

Von der Theorie des langsamen Erfolgs

Es ist 10 Uhr morgens. In der Bahn lausche ich dem Gespräch zweier älterer Damen. „Ich habe gerade den Jonas besucht, meinen Enkel. Ein guter Junge! Erst 24 Jahre alt und schon fertig mit der Universität! Er liegt gerade im Krankenhaus“, erzählt die Dame im roten Mantel. „Ach du lieber Gott, er hat doch hoffentlich nichts Ernstes?“, entgegnet die andere. „Ach, er braucht eine Auszeit“, antwortet die erste nachdenklich. Ich steige aus.

Von Birgit Zurmühlen

Mir geht das Gespräch nicht aus dem Kopf. Jonas ist genau ein Jahr älter als ich und schon fertig – mit der Welt. Und ich? Auch ich befinde mich im Wettlauf mit der Zeit: Erst Abitur, danach Ausbildung, dann sofort an die Universität. In diesem Jahr möchte ich fertig sein, pünktlich zum sechsten Semester, so wie der Bachelor es vorsieht. Und danach? „Haben Sie noch etwas anderes vorzuweisen?“, fragen die Personalleiter bei einem Hochschulabsolventen, der „nur“ den Bachelor in der Tasche hat. Also den Master machen, möglichst schnell, in zwei Jahren. Dazwischen ein paar Praktika klemmen, auf meine Ausbildung möchte ich mich nicht verlassen. Wenn ich fertig bin, werde ich 26 sein. Wenn nichts dazwischen kommt. Wenn ich keine „Auszeit“ brauche, so wie Jonas.

Einmal Auszeit, bitte!

Doch habe ich dann wirklich nichts verpasst? Oft überlege ich, eine Weile ins Ausland zu gehen, durch Südamerika zu reisen. Doch das macht sich nicht gut im Lebenslauf. Wenn ich im Berufsleben bin, werde ich nicht mehr dazu kommen. Und im Rentenalter wage ich garantiert keinen Schritt mehr außerhalb Europas, schon gar nicht ohne Gehstock. Ich denke an Karina. Sie hat mit mir Abitur gemacht und dann mit dem Studieren angefangen. Doch für sie hat die Uni einen anderen Stellenwert. Das letzte Jahr verbrachte Karina in Spanien, fernab jeder berufsvorbereitenden Einrichtung. „Jeder, der nicht die Chance nutzt, ins Ausland zu gehen, wenn er jung ist, macht einen riesengroßen Fehler“, sagt sie. Und die Uni? „Dann brauche ich halt ein halbes Jahr länger, da kräht doch später kein Hahn mehr danach.“ Im Moment denkt sie über eine Pause nach, wieder vom Studium. Sie möchte Freunde in Afrika und Mittelamerika besuchen, solange die noch im Ausland sind. „Später komme ich da garantiert nicht mehr hin.“

Ich beneide sie um ihre Entspanntheit. Auch ich besuche gerne Freunde in aller Welt, doch versuche ich, diese Reisen in meinen eh schon sehr engen Terminkalender zu quetschen, zwischen Uni, Arbeit und soziales Engagement. Bei meiner Reise zurück in den Alltag erwarten mich dann immer wieder aufs Neue ein überfülltes Email-Postfach und ein riesengroßer Haufen liegengebliebener Arbeit. Und damit ist auch meine Entspannung wieder dahin.

Auf dem richtigen Weg zum Erfolg

Sollte also auch ich einen Schritt langsamer tun? Mir ein Semester Auszeit gönnen? Ein Thema für meine Bachelorarbeit weiß ich eh noch nicht. In Gedanken stelle ich mir meinen neuen Alltag vor: Aufstehen um 12, dann erst mal gemütlich frühstücken und überlegen, was ich heute tun soll. Wenn ich fertig bin mit Nachdenken, ist es bereits 14 Uhr. Und am Ende des Tages werde ich feststellen, dass ich überhaupt nichts gemacht habe. Und mit meiner Abschlussarbeit habe ich mich letzten Endes auch nicht auseinander gesetzt. Leider kenne ich mich zu gut: Wenn ich unter einen gewissen Arbeitspegel komme, dann mache ich gar nichts mehr und erholt bin ich trotzdem nicht.

Ein Kompromiss muss her. „Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der Schnellste, der ohne Ziel herumirrt.“, sagt Lessing. Mir gefällt dieser Ansatz: Nach dem Bachelor eine Reise machen, aber mit einem Praktikum oder einem Master-Studienplatz in der Tasche und so mit der Gewissheit im Gepäck, wie es danach weitergeht. Das wäre dann keine verlorene Zeit, sondern eine lehrreiche: Schließlich sammle ich ja Lebenserfahrung.

 

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