Bike-Kitchen: Die Augsburger „Vélorution“

Ein kräftiger Tritt ins Pedal, ein kurzes Stocken, ein hässliches Geräusch und dann ist es geschehen: Vier Wochen lang stand mein Fahrrad im Augsburger Regen, genügend Zeit für die Kette, um durchzurosten und just im ungünstigsten Augenblick zu brechen. Was nun? Eine sündhaft teure Reparatur oder ein noch teurerer, neuer Drahtesel? Frustriert stelle ich das Fahrrad ab, laufe auf ein Bier zum Thorbräu-Keller und entdecke gleich nebenan meine Rettung: Das Bike-Kitchen.

Von Stanley Yin

Trotz Dunkelheit und Schneetreiben an diesem Donnerstagabend lässt sich das Bike-Kitchen, das sich laut Aushang als „Selbsthilfereparaturwerkstatt für Fahrräder“ bezeichnet, leicht erkennen – an einem Verkehrsschild direkt am Eingang hängt ein Rennrad in gut zwei Metern Höhe. „Ein Gag von Christoph“, erklärt Stefan, der mich herzlich in den Werkstatträumen des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) begrüßt. Wie der „Fahrradhenker“ ist auch Stefan einer von fünf Mitbegründern des Augsburger Ablegers eines europaweit erfolgreichen Konzeptes: Von Ungarn bis England sind in nahezu jeder größeren Stadt ähnliche Betriebe zu finden, die das Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“ hochhalten und schöne Namen wie „Bajkazyl“ (Prag) oder „La Vélorution“ (Paris) tragen. Das Gründerteam selbst war von einem Video über das Bikekitchen Wien fasziniert, nahm Kontakt zum ADFC auf und erhielt Anfang Mai 2011 endlich die Erlaubnis, jeden Donnerstag und jeden ersten Freitag im Monat den Augsburger Fahrradfahrern für einige Stunden zur Verfügung zu stehen.

„Hilfe zur Selbsthilfe“? Was nach Anonymen Alkoholikern oder Arbeitsamt klingt, erklärt Stefan, der tagsüber einem „normalen“ Beruf nachgeht und wie alle anderen Gründer seine Freizeit für dieses Projekt opfert, mit wenigen Worten: „Wer zu uns kommt, sollte die Bereitschaft mitbringen, selbst Hand an seinem defekten Rad anzulegen und etwas über die Fahrradreparatur zu lernen. Wir bieten nicht nur die technische Hilfestellung an, sondern auch Raum, Werkzeug und Ersatzteile für die Reparatur.“ Auch Anfänger in der Fahrradreparatur sind willkommen –alle Gäste werden als Freunde betrachtet. Das Bikekitchen versteht sich selbst ausdrücklich nicht als Zweckgemeinschaft, sondern auch als Treffpunkt von Fahrradfreunden, um die Fahrradkultur in Augsburg zu stärken. Selbstverständlich kann man auch kommen, ohne etwas zu reparieren, sondern einfach, um sich zu treffen und auszutauschen: Freitags, wenn man teilweise über vier Stunden am Werkeln ist, gibt es sogar Essen, frisch von freiwilligen Hobbyköchen zubereitet (deswegen auch Bikekitchen).

Während ich – mit zunehmend dunklerer Fingerfarbe – unter fachkundiger Anleitung die Überreste der Kette entsorge, reicht mir Stefan ein frisch geöltes Austauschexemplar. „Wir haben dank unseren Spenderfahrrädern einen großen Vorrat an Ersatzteilen“, erklärt er. Mitunter ist es auch erforderlich, neue Ersatzteile in ein Fahrrad einzubauen – diese Teile werden von der Firma Dynamo kostenpflichtig bereitgestellt und müssen dann auch bezahlt werden. Normalerweise kann aber jeder selbst entscheiden, ob er lieber ein neues oder ein gebrauchtes, kostenloses Ersatzteil eingebaut bekommt. Ich habe Glück und erhalte eine kostenlose Kette, werfe aber dennoch ein paar Euro in die Spendenkasse ein: Zwar arbeiten die Betreiber ehrenamtlich, jedoch benötigen sie für das gemeinsame Essen und für den laufenden Betrieb dennoch etwas Geld. Natürlich kann man auch „Naturalien“ – Fahrräder oder Einzelteile – spenden: Man staunt schon nicht schlecht, wenn man sieht, was aus einem solchen Wrack noch herauszuholen ist.

Und auch wenn die Werkstatt hier und da wie das pure Chaos aussieht, überall Schrauben und Kleinteile herumliegen und jede freie Arbeitsfläche mit Aushängen („Für Schäden wird nicht gehaftet“) tapeziert ist, mein Fahrrad ist auf jeden Fall gerichtet, und auch sonst haben die Bikekitchener wirklich für alles gesorgt: Nach getaner Arbeit gönnt man sich erst einmal eine Runde Extrem-Fingerreinigung mit einer eigens hergestellten Paste aus Seife und Sägespänen. So wird der Schmutz auch wirklich restlos abgewaschen, und einem Abschieds-Shakehands mit Stefan steht nichts mehr im Wege. Noch eine letzte Frage, ob denn schon mal ein so hoffnungsloses Fahrrad aufgetaucht sei, an dem selbst die Experten nichts mehr ausrichten konnten? Stefan lächelt – und winkt ab: „Dieser Fall ist bisher noch nicht eingetreten.“

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