Jenseits des Mainstreams – Augsburgs alternative Kinoszene

Schon an der Kasse gab es eine Riesenschlange, bei all den schmatzenden Zuschauern kommst du dir eher vor wie in einem Fastfood-Restaurant und zu allem Überfluss raschelt jetzt auch noch der Sitznachbar mit der Chipstüte? Presstige zeigt euch, dass das auch anders geht und warum es sich lohnt, auf die Massenpaläste zu verzichten. Vorhang auf für unsere vier Hauptdarsteller: Mephisto, Thalia, Savoy und Liliom.

Von Corinna Scherer, Petra Maier & Caren Butscher – Fotos: Corinna Scherer & Petra Maier

MEPHISTO

In einer kleinen Passage in der Karolinenstraße befindet sich das Mephisto. Von außen sieht das Kino nicht gerade einladend aus. Doch der rote Teppich, der vor der Treppe zur Kinokasse ausgelegt ist, macht alles wett. Im Mephisto herrscht eine familiäre Atmosphäre – ein paar Tische schmücken den Eingangsraum. Das Kino verfügt über einen Saal mit mehr als 200 Plätzen, daher läuft auch mehrere Wochen immer nur ein Film. „Wir zeigen keine Hollywoodfilme“, sagt Mitarbeiter Benjamin Gallersdorfer. Die großen Kinos in Augsburg sieht er nicht als Konkurrenz für die alternative Kinoszene. Auffallend ist, dass mehr ältere als jüngere Zuschauer ins Mephisto gehen. Im Saal kommt richtiges Kino-Feeling auf und man fühlt sich Jahre zurückversetzt, denn wo gibt es heutzutage noch Kinositze, in denen man eher liegt als sitzt und die beim Runterklappen knirschen? Überraschenderweise geht der Film pünktlich auf die Minute los – ohne lange Werbung oder Kinovorschauen. Der Sound ist zwar nicht vergleichbar mit dem in einem der vielen High-Tech-Kinos, aber das stört hier niemanden. Die Gäste kommen gerade wegen dieser heimeligen Atmosphäre ins Mephisto.

THALIA

Das Konzept des Thalia ist einfach und ansprechend: Oben Kaffeehaus, unten Kino. Es befindet sich nur wenige Meter vom Dom entfernt, etwas versteckt in der Seitengasse am Obstmarkt. Im Vergleich zu den „Mainstream-Kinos“ ist das Thalia zwar nicht sehr groß, versprüht aber schon beim Hineingehen unglaublich viel Charme. Hier gibt es eine große Auswahl an deutschen und internationalen Filmen – doch sicherlich keine Massenware. Das Thalia bietet seinen Gästen zwei Kinosäle: Ein großer mit 200 Plätzen, der kleine verfügt über 120 Plätze. Sollten noch mehr Zuschauer kommen, werden einfach Klappstühle aus der Ecke geholt und neben die Reihen gestellt. Die etwas eingerosteten, aber dennoch bequemen Polstersitze und der romantische Stil machen das Ambiente dieses Kinos aus. Doch im Thalia kann man nicht nur Kino-Feeling von vor 20 Jahren erleben. Denn davor oder danach machen es sich die Gäste auch gerne im Kaffeehaus gemütlich und lassen sich dort verwöhnen. Neben einer wöchentlich neuen Speisekarte gibt es jeden Sonntag ein üppiges Frühstücksbuffet. Das Kaffeehaus lädt durch seine schicke und moderne Einrichtung sowohl Studenten als auch ältere Generationen ein.

SAVOY

Auch das Savoy ist Teil der alternativen Augsburger Kinolandschaft. Das Kino am Schmiedberg tanzt selbst im Vergleich zu den kleineren Kinos etwas aus der Reihe. Der Kinobesuch ist hier kein Kinoerlebnis, sondern ein Erlebnis für sich. Nicht wie gewohnt begegnen einem hier die klassischen Rottöne eines jeden Kinos; stattdessen zieren bunte Graffitis und Spiegel die Wände. Außer den Kinopostern und der Popcornmaschine lässt nur wenig darauf schließen, dass man wirklich im Kino ist. Erst im Saal selbst kommt eine besondere Atmosphäre auf, die der eines Wohnzimmers gleicht. Mit knapp 175 Sitzplätzen kann es auch mal vorkommen, dass man sich einen Film alleine ansieht. Von Massenkino also keine Spur. Die abgewetzten Plüschsessel sind die letzten Reliquien aus einer Zeit, als das Savoy noch ein Pornokino war. Niveau ist bei der heutigen Filmauswahl aber ein wichtiges Kriterium. Im Kinosaal 1 erwarten einen Erstaufführungen, im Saal 2 werden überwiegend Filme in Originalsprache gezeigt und im dritten Saal kann man sich anspruchsvollere Filme ansehen.

LILIOM

Kaum hat man das hübsche Backsteingebäude betreten, liegt einem schon die Vorgeschichte des Liliom zu Füßen – und zwar buchstäblich. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Gebäude am Unteren Graben als Brunnenpumpwerk erbaut. Der dazugehörige Bach fließt direkt unter einer Glasscheibe im Foyerboden. Im Liliom kann man viele solcher Details entdecken. Man merkt, wie sehr dem Besitzer Tom Dittrich sein Programmkino am Herzen liegt. Im Dezember 1989 wurde das Liliom als Kino, Restaurant und Bar eröffnet. Zwei Kinosäle erfreuen seither das breit gefächerte Publikum. Neben Filmproduktionen und Dokumentationen aus aller Welt werden auch erlesene Kinder- und Familienfilme gezeigt. „Die großen Kinos sind wie McDonalds, wir hingegen haben die Feinkost“, erzählt die etwas gestresste Dame hinter der Kinokasse. Während im großen Saal 200 Kinogäste Platz finden, kommt im kleineren Saal mit nur 60 Plätzen richtiges Wohnzimmerfeeling auf. Die Klappsessel sind zweckmäßig, aber gemütlich, die Bild- und Tonqualität ist sehr gut. Im Anschluss lohnt es sich, im Restaurant des Liliom vorbeizuschauen. Neben Pizza, Pasta oder Flammkuchen warten hier sehr leckere Nachspeisen auf den hungrigen Kinobesucher.

FAZIT

Wer nicht nur gute Filme mag, sondern auch eine Vorliebe für verrückte Details hat, ist im Savoy am besten aufgehoben. Das Thalia ist für all diejenigen geeignet, die sich nach dem Kinobesuch kulinarisch verwöhnen lassen oder im angrenzenden Kaffeehaus noch über den Film diskutieren möchten. Wer gerne mal auf einem roten Teppich zur Filmpremiere schreitet, findet diesen im Mephisto. Legt man besonderen Wert auf gute Ton- und Bildqualität, empfiehlt sich das Liliom.

 

Hier geht’s weiter zum Artikel „von langen Nasen und kurzen Beinen“ in spaßwärts!

Autoren des Artikels

Petra Maier

Hat im Oktober 2010 bei der presstige mit dem Bilderrätsel angefangen und während ihres Bachelors Stationen als Redakteurin, Ressortleiterin und Fotografin sowie schließlich Chefredakteurin durchlaufen. War von Oktober 2013 bis Dezember 2014 in der Chefredaktion. Reist am liebsten in Deutschland und in der Welt umher und fotografiert so ziemlich alles, was ihr vor die Nase kommt. Ihre Fotos teilt sie mal auf ihrem Blog, mal auf Instagram.

Corinna Scherer

Rundrum medienverliebt, egal ob es um Filmen, Fotografieren, Schreiben oder Gestalten geht. Daher ehemalige Ressortleiterin (Vorwärts) und Fotografin bei presstige, aber auch mal bei Layout und Illustration dabei.

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