Schreckgespenst akademische Frau

In den letzten Jahren wurde an vielen deutschen Universitäten das 100jährige Frauenstudium gefeiert. Was dahinter steckt? Ein langer Kampf! Frauen gegen Rollenklischees. Doch dieser war mit ihrem Einzug an die Universitäten noch nicht vorbei.  Wie eine fiktive Zeitzeugin die Anfangsjahre erlebt hat.

Von Verena Simon

Zum Wintersemester 1903/1904 konnten wir Frauen uns erstmals an bayerischen Universitäten einschreiben. Das empfinde ich als sehr trostlos, wenn man bedenkt, wie lange sich die Männer schon in den Hörsälen tummeln durften… In dieser langen Zeit hatte sich die Universität zu einer von Männern besetzen Festung entwickelt, an deren Tor bisher jede Frau abgewiesen wurde. Wenn sie sich überhaupt traute anzuklopfen. Uns Frauen wird nämlich seit Generationen ein genaues Bild unserer Rolle in der Welt vermittelt und zu studieren gehörte bisher sicherlich nicht dazu. Nun wagten wir zum ersten Mal einen Blick ins Innere der Herrenburg – und wurden mit Schimpf und Schande empfangen.

„Guten Morgen meine HERREN“

Uns wurden von Beginn unseres Studiums an allerhand Steine in den Weg gelegt. Angefangen damit, dass wir in der ersten Zeit davon abhängig waren, wie ein Dozent unserem Geschlecht gegenüber gesinnt war. Soll heißen: Wollte er keine Frauen in seiner Vorlesung, gab es dort auch keine. Setzte sich doch eine dazu, wurde sie entweder sofort hinausgeworfen, oder der Dozent begann so lange nicht mit seiner Arbeit, bis sie freiwillig den Raum verließ. Ähnliche Schikanen setzen sich auch jetzt noch fort, seit die Dozenten dazu verpflichtet wurden, uns aufzunehmen. Erniedrigende Äußerungen über das weibliche Geschlecht bestimmen den Vorlesungstenor und anwesende Studentinnen werden ganz und gar missachtet. Es ist kein Einzelfall, dass der Dozent seine Begrüßung ausschließlich an die Herren im Raum richtet. Wahrscheinlich sind wir ihrer nicht würdig, denn angeblich soll ja unsere Anwesenheit das Niveau des Unterrichts senken. Schließlich wären wir nicht in der Lage so zu denken, wie Männer. Wenn wir es ihrer Meinung nach überhaupt sind. Aber es kommt noch besser: Uns wird vorgehalten, dass wir die Sittsamkeit der armen jungen Studenten aufs Spiel setzen, da sich ihre Augen und Gedanken nicht mehr auf die Tafel und den Unterreicht konzentrieren können.

Indiz: Weniger Hirnmasse

Haben Sie schon gewusst? Akademische Frauen sind unweiblich! Sie widersetzten sich ihrer Natur, die für sie das Gebären der Kinder und das Hüten des Familienheimes vorsieht. Ich kann´s nicht mehr hören! Ich kann mehr! Doch die Männerwelt geht sogar so weit, dass sie uns die Fähigkeit zum Studieren abspricht, weil irgendwelche Doktoren vor hunderten von Jahren angeblich herausgefunden haben wollen, dass das weibliche Gehirn über weniger Masse verfügt als das männliche. Ist das euer Ernst? Ganz ehrlich? Ich nenne das Angst vor Konkurrenz! Ihr seht euch doch nur in eurer intellektuellen Alleinherrschaft angegriffen. Aber ich bin mir sicher, dass ihr Recht habt mit eurer Befürchtung. Eines Tages werden genauso viele Frauen wie Männer an den Universitäten ein und aus gehen, vielleicht wird in manchen Seminaren sogar der Dozent die einzige männliche Person im Raum sein. Weniger Hirnmasse? Tja meine liebe Herren der Schöpfung: Weniger ist manchmal mehr! Buh!

 

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