Mehr Brücken als in Venedig

Ein Spaziergang durch die Augsburger Altstadt

Die Augsburger Altstadt lässt – trotz ihrer zentralen Lage – durch Ruhe und Beschaulichkeit sowie einer Vielzahl kleiner Geschäfte und Cafés mediterranes Flair erahnen.  Im Volksmund wird das malerische und historisch bedeutsame Stadtviertel auch oft als „Klein Venedig“ bezeichnet. Auf den ersten Blick mag das verwundern, jedoch trägt das Quartier seinen Beinamen aus gutem Grund. Wer dem hektischen Alltag also einige Minuten abtrotzen kann, wird bei einem Spaziergang gebührend entlohnt.

Von Maria Hennl – Fotos: Maria Hennl

Auf dem Weg in die Altstadt – über den Judenberg, den Eisenberg oder den Perlachberg – wird die Hangkante deutlich, die sich quer durch die Augsburger Innenstadt zieht. Sie teilt die Oberstadt mit ihren breiten Einkaufsstraßen von den engen, verwinkelten Gassen der Altstadt. Die Straßenführung des Perlachbergs mündet schon nach wenigen Schritten auf den Metzgplatz mit dem St.-Georg-Brunnen. Von hier aus betrachtet zieht ein imposantes Gebäude die Aufmerksamkeit auf sich: Die Stadtmetzg, das ehemalige Zunfthaus der Augsburger Metzger. Skelettierte Ochsenschädel, so genannte Bukranien, weisen auf die einstige Funktion des Gebäudes hin, das Stadtbaumeister Elias Holl zwischen 1606 und 1609 erbaute. Die Lage im Lechviertel war für das Zunfthaus ideal. Dadurch, dass es über einem der zahlreichen, das ganze Viertel durchziehenden Lechkanäle errichtet wurde, konnten die Metzger ihre Waren kühlen — und auch Abfälle über den Kanal entsorgen. Direkt gegenüber der Stadtmetzg befindet sich das Kulturhaus Kresslesmühle, das ebenso an einem Kanal steht. Die Mühle selbst, aber auch Straßennamen wie Schmiedgasse oder Schlossermauer, lassen die frühere Funktion des Stadtteils als Handwerkerviertel erkennen. Lange vor dem Zeitalter der Elektrizität stellten die Kanäle die wichtigste Lebensader des Gebiets dar. Die aus ihnen gewonnene Wasserkraft versorgte Werkstätten und Betriebe mit der für sie notwendigen Energie. Wegen der zahlreichen, fein verzweigten Kanälchen entstand in der Altstadt eine Vielzahl kleiner Brücken und Stege, die die Durchquerung „Klein Venedigs“ ermöglichten. Gemeinsam mit den anderen Brücken der Stadt addieren sie sich zu einer stolzen Summe von 530 – etwa 130 mehr als in der italienischen Lagunenstadt.

Läden, Innenhöfe und ein Rokoko-Gebäude

Bei der Fortsetzung des Altstadt-Rundgangs lohnt ein Abstecher in die Sterngasse, wo ein Blick nach oben eine ungewohnte Aussicht auf den Perlachturm eröffnet. Von hier unten wirkt das Wahrzeichen der Stadt durch seine Position auf der Hangkante noch höher und imposanter. Einige Schritte weiter erblickt man vom Elias-Holl-Platz aus die nicht weniger beeindruckende rückwärtige Seite des Rathauses. Aufgrund der Hanglage ist dessen Kellergewölbe mit dem Ratskeller von hier aus ebenerdig zu betreten, so dass das Gebäude durch das zusätzlich sichtbare Stockwerk noch höher wirkt.

Im weiteren Verlauf der Sterngasse sind nun zahlreiche kleine Läden zu entdecken, die für die Augsburger Altstadt typisch sind. Große Kaufhäuser finden hier keinen Platz, so dass sich eine abwechslungsreiche Mischung aus Galerien, Schmuckläden, Kreativagenturen, Hutläden, Antiquariaten und anderen Geschäften auf die Gässchen verteilt. Alte Holztüren und in rundbögigen Schaufenstern ausgestellte individuelle Waren laden zum Besuch der kleinen, meist niedrigen Verkaufsräume ein. Auch hier lohnt es sich, etwas Zeit für einen Bummel durch die Gassen mitzubringen. Wie beispielsweise bei der Alten Silberschmiede in der Pfladergasse lässt sich auch mancherorts ein Blick auf malerische Innenhöfe mit Balkonen und Blumen erhaschen, der sonst dem Auge des Betrachters meist verschlossen bleibt.

Am Vorderen Lech kreuzt ein weiterer Kanal den Weg. Das Plätschern des Wassers lädt den Besucher hier zum Verweilen in den kleinen Läden und Restaurants ein. An dieser Stelle befindet sich auch das im Rokoko-Stil erbaute Gignoux-Haus, ursprünglich eine Kattunfabrik, in der dicht gewebte, bedruckte Baumwollstoffe hergestellt wurden. Während der einstige Produktionsteil des Gebäudes dem Wasserlauf zugewandt war, lag das heute sanierungsbedürftige Wohn- und Geschäftshaus zur Straße hin. Später wurde die Werkhalle als Wirtshaus und Kino genutzt und beherbergte bis vor kurzem eine Spielstätte des Theaters Augsburg, die Komödie.

Mediterranes Flair in Augsburg

Die Fortsetzung des Spazierweges führt nun in die Wohngebiete der Altstadt. Mitten im Zentrum einer Großstadt, unweit der belebten Straßen der Innenstadt, herrscht eine beeindruckende Ruhe und Beschaulichkeit. Frei von Durchgangsverkehr ist in den Straßen und Gassen fast überall das Rauschen des Wassers zu hören. Kleine Brücken, mit Blumenkästen geschmückt, führen über die Kanäle zu den Hauseingängen. An einer Stelle lässt uns der Blick in einen Hinterhof vom Süden träumen: Im zweiten Stock eines Wohnhauses flattert Wäsche an einer Leine zwischen zwei Fenstern. Nicht weit entfernt ist eine Hausfassade mit Sonnenuhr zu entdecken, die zusammen mit den kleinen Balkonen, Dachterrassen und Blumenkübeln das mediterrane Flair abrunden.

Die Altstadt präsentierte sich nicht immer so pittoresk wie heute. Im 19. Jahrhundert diente der Stadtteil als Wohnviertel für ärmere Schichten. In den dunklen, engen und feuchten Gassen waren viele der Häuser dem Verfall preisgegeben. Dieser Zustand hielt bis in die 1960er Jahre an, als sogar Überlegungen aufkamen, das Viertel abzureißen und neu zu errichten. Proteste verhinderten dies jedoch, so dass das Viertel in den 80er Jahren saniert, alte Handwerkerhäuser wieder aufgebaut und viele der überdeckten Kanäle freigelegt wurden. So lassen sich der Charakter und der Charme des früheren Handwerkerviertels noch heute erfahren.

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