Von der Spinnerei zur Kunst

Verborgene Schätze in Augsburg – der Glaspalast

Feierabend. Auf der Amagasaki-Allee brausen die Autos an uns vorbei. Kolossal und beeindruckend steht er vor uns – der Glaspalast. Dennoch zieht er kaum Blicke von den vorbeieilenden Passanten auf sich. Ein Dinosauriermuseum? Eine Glasfabrik? Ein Tanzstudio? Niemand scheint genau zu wissen, was sich hinter den hohen Mauern des Bauwerks verbirgt. Auch wir wissen es zu Anfang nicht. Deswegen beschließen wir, der Sache auf den Grund zu gehen.

Von Corinna Scherer & Petra Maier – Fotos: Corinna Scherer

Historischer Rückblick

1908/09 wurde der Glaspalast als „Werk IV – Aumühle“ vom Stuttgarter Architekten Philipp J. Manz für die mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA) geplant. Auf der Fläche eines Fußballfeldes entstand der fünfgeschossige Stahlskelettbau mit allseitig großflächigen Fenstern, um das Tageslicht möglichst gut ausnutzen zu können.  Während der Nachtschicht schien das Licht jedoch von innen weit in die dunkle Umgebung. Schon nach kurzer Zeit nannten die Augsburger das Fabrikgebäude daher „Glaspalast“. Mit der Textilkrise in Mitteleuropa kam es 1988 zum Konkurs der SWA und somit zur Stilllegung des Glaspalastes. Lange Zeit stand der imposante Bau leer und diente höchstens als Spielplatz für neugierige Kinder. Schließlich erwarb ihn 1999 der Unternehmer Prof. Ignaz Walter, um ein Zentrum für Kunst und Kultur zu schaffen.

Restaurant Magnolia

Betritt man das Gebäude, trifft man zunächst auf die Essenskultur. Das Restaurant Magnolia ist seit 2009 im Erdgeschoss des Glaspalastes ansässig. Neben einer Innenfläche für etwa 140 Personen lädt bei warmem Wetter eine große Terrasse zum Verweilen ein. Geboten wird gehobene Küche zu – zugegebenermaßen – gehobenen Preisen. Diese sind jedoch durchaus berechtigt: Sowohl der Michelin-Führer als auch der Schlemmer-Atlas und der kulinarische Reiseführer Gusto prämierten das Lokal 2012. Vom Rinder-Carpaccio über Mondfisch auf schwarzem Risotto bis hin zur Crème Brûlée von der Akazienblüte ist alles geboten, was sich der experimentierfreudige Gaumen wünschen kann. Dekoriert ist das Restaurant mit Gemälden und Skulpturen aus der Sammlung von Prof. Walter, welche auch im Museum Walter im ersten Stockwerk des Glaspalastes bestaunt werden können.

H2-Zentrum für Gegenwartskunst und Staatsgalerie

Doch bereits im Parterre wird Kunst in unterschiedlichster Form dargeboten. Im H2-Zentrum für Gegenwartskunst der Stadt Augsburg werden halbjährlich wechselnde Exponate aus dem eigenen Bestand und speziell für die Räumlichkeiten konzipierte Sonderausstellungen gezeigt. Versteckt in einer Ecke der Halle 2, nach der das H2 benannt ist, führt eine unscheinbare Tür zu einem wahren Schatz: Eine Spezialbibliothek zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bietet neben Lese- und Arbeitsplätzen sogar einen kostenlosen Kopierservice. Schonend für den Geldbeutel sind zudem die reduzierten Eintrittspreise für Studenten (für Kunst- und Architekturstudenten sogar gratis!) und die kostenlosen Führungen sonntags um 11.00 Uhr.

Diese Angebote gelten auch für die Staatsgalerie Moderne Kunst. Die Zweiggalerie der Pinakothek der Moderne ist an das H2 angegliedert, wird aber von der Pinakothek in München bestückt. Auf gut 1500 m² steht Kunst ab 1945 im Vordergrund.

Kunstmuseum Walter

Auf unserer Entdeckungstour darf natürlich das Museum Walter nicht fehlen. Schließlich war es dessen Namensvetter, Prof. Walter, der den Glaspalast zu dem gemacht hat, was er heute ist. Durch eine Art Tunnel kommt man zu einer 6000 m ² großen Ausstellungsfläche, die sich auf zwei Etagen erstreckt. Bei über 1600 ausgestellten Kunstwerken weiß man gar nicht recht, wo man beginnen soll. Die ausgestellte Nachkriegs- und Gegenwartskunst gehört zu einer der größten Privatsammlungen innerhalb Deutschlands. Dazu zählen sogar Werke von Pablo Picasso und Gerhard Richter. Ein weiteres Highlight des Museums sind zwei kleine gläserne Ateliers. Unter der Leitung der Kunstschule Go!Kart können sich hier Kinder kreativ mit Farben austoben. Ein Anliegen des Museums ist es nämlich auch, Kunst erlebbar zu machen.

Galerie Noah

Beim Betreten der benachbarten Galerie Noah, mit der Prof. Walter eine „Arche für die Kunst“ schaffen wollte, wandern die Augen zunächst auf die beeindruckende Architektur des großzügig geschnittenen Raums. Links und rechts sorgen riesige Fensterfronten für reichlich Tageslicht. Die Wände werden von etwa 25 modernen Kunstwerken geschmückt, die von renommierten Künstlern wie Max Kaminski oder Rosa Loy stammen. Ab und zu werden auch Werke junger Künstler ausgestellt, verrät uns Eva Wiest, die als PR-Beraterin in der Galerie tätig ist. Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man die Werke hier – im Gegensatz zu denen im Museum Walter – käuflich erwerben.

DanceCenter No1

Lebendiger geht es in der zweiten Etage zu, wo wir von einer Horde kleiner Mädchen in bunten Tutus fast umgerannt werden. Wir befinden uns im Herzen des Skelettbaus, im Augsburger DanceCenter No1. Über 600 (werdende) Tänzer leben hier ihre Passion aus. Ob Hiphop, Salsa, Jazz oder Ballett – für jeden ist etwas dabei. Fast alle Altersgruppen sind in der Tanzschule vertreten: Angefangen mit drei Jahren gibt es nach oben hin keine Grenze. Die momentan älteste Tänzerin ist 72 Jahre alt.  Getanzt wird in einem der vier Tanzsäle, die alle mit einer Spiegelwand und der obligatorischen Ballettstange ausgestattet sind. Wer jetzt auch Lust bekommen hat, mal das Tanzbein zu schwingen, der kann das in einer Schnupperstunde tun. „Mitbringen sollte man neben bequemer Kleidung vor allem Mut“, ermuntert uns Tanzdirektor István Németh mit einem Augenzwinkern.

Nach dieser aufschlussreichen Entdeckungstour werden wir den „großen Unbekannten“ auf jeden Fall noch einmal besuchen. Zum einen um die neuen Ausstellungen zu inspizieren, zum anderen um unser Glück beim Tanzen zu versuchen. Wer noch nie im Glaspalast war und ihn auch nur aus der Ferne kennt, der sollte schon wegen der beeindruckenden Architektur mal vorbeischauen – es lohnt sich auf jeden Fall.

Autoren des Artikels

Corinna Scherer

Rundrum medienverliebt, egal ob es um Filmen, Fotografieren, Schreiben oder Gestalten geht. Daher ehemalige Ressortleiterin (Vorwärts) und Fotografin bei presstige, aber auch mal bei Layout und Illustration dabei.

Petra Maier

Hat im Oktober 2010 bei der presstige mit dem Bilderrätsel angefangen und während ihres Bachelors Stationen als Redakteurin, Ressortleiterin und Fotografin sowie schließlich Chefredakteurin durchlaufen. War von Oktober 2013 bis Dezember 2014 in der Chefredaktion. Reist am liebsten in Deutschland und in der Welt umher und fotografiert so ziemlich alles, was ihr vor die Nase kommt. Ihre Fotos teilt sie mal auf ihrem Blog, mal auf Instagram.

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