Zusammen ist man weniger allein

Biathlon-Star Magdalena Neuner über den Zusammenhalt im Leistungssport und die Bedeutung von Freundschaften

Die Bilanz ist phänomenal – seit ihrem Weltcup Debüt 2006 gewann Magdalena Neuner nahezu alles, was es zu gewinnen gab. Mit 47 Weltcupsiegen und drei olympischen Medaillen ist sie eine der erfolgreichsten Biathletinnen aller Zeiten. Aber nicht nur Titel, sondern auch Herzen eroberte Magdalena im Sturm. Von außen betrachtet erscheint der Weltcupzirkus als spannend und glamourös. Im Interview hat uns „Lena“ verraten, wie es hinter der Fassade aussah und woraus sie, in all der Zeit, ihre Kraft geschöpft hat.

Von Martina Schnitzer – Fotos: privat

presstige: Die letzte Skisaison vor Augen – Wie war es da um deine Gefühlswelt bestellt?

Magdalena Neuner: Für mich war diese Saison sehr speziell. Ich hatte im Vorfeld lange überlegt, wie meine Zukunft aussehen sollte und im Oktober den Entschluss gefasst, nach dem Winter 2011/2012 meine Karriere zu beenden. Deshalb war der Anfang dieser Saison sicherlich anders als in den letzten Jahren. Klar war da auch ein bisschen Wehmut mit dabei, da ich wusste, „das wird jetzt meine Allerletzte“.

Hast du dich im Team wohlgefühlt?

Ich hatte das Glück, dass wir in den letzten zwei Jahren eine tolle Mannschaftsaufstellung hatten. Wir haben uns gut verstanden und die Atmosphäre war immer recht entspannt. Trotzdem waren wir am Ende Konkurrentinnen, was bedeutete, dass im Team meistens keine richtig engen Freundschaften geschlossen wurden. Ich hatte das Glück, dass ich in Miriam Gössner trotz allem eine tolle Freundin gefunden habe. Oft fühlt man sich auf langen Reisen, in den Hotelzimmern dieser Welt, ziemlich einsam. Das war mit Miri nicht so.

Welche Grundstimmung war im deutschen Team vorherrschend?

Wir hatten trotz der Konkurrenzsituation eine super Atmosphäre. Es gab nie Streit und wir haben sofort darüber gesprochen, wenn es dennoch einmal Unstimmigkeiten gab. Das ist für Frauen eigentlich eher ungewöhnlich.

Gab es ein Zusammenhaltsgefühl?

Ganz spontan kann ich mich noch gut an die Staffel in Khanty Mansyisk und in Ruhpolding bei den Weltmeisterschaften erinnern. Dort war das Zusammengehörigkeitsgefühl sehr groß. Ich glaube, dass so tolle Staffelerfolge ohne dieses Gemeinschaftsgefühl, nicht möglich wären.

Waren Konkurrenzkämpfe unter euch Sportlernvorhanden?

Natürlich gibt es immer Konkurrenzsituationen. Meistens äußert sich so etwas durch Ignoranz. Aber als Sportler lernt man im Laufe der Zeit damit umzugehen. Das ist aber im normalen Leben genauso. Manchmal braucht es eben ein dickes Fell.

Wie bist du mit dieser Konkurrenzsituation umgegangen?

Für mich war es immer wichtig, zumindest einmal pro Tag mit meinem Freund zu telefonieren oder Kontakt mit Freunden zu Hause zu haben, um Abstand zu gewinnen. Außerdem habe ich mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet, der mir eine große Unterstützung war.

Hat dein nicht endender Erfolgskurs die Stimmung im Team getrübt?

Ich glaube, anfangs war es für viele nicht einfach. Vor allem für diejenigen, die schon lange im Team und bis dahin am Erfolgreichsten waren. Doch im Sport kann immer jemand kommen, der besser ist. Das ist Teil des Sportlerlebens.

Gab es Situationen in denen du dich besonders einsam gefühlt hast?

Bei Olympia 2010 fühlte ich mich oft einsam. Wobei ich immer versucht habe, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und zwar auf die Wettkämpfe. Viel Kraft haben mir damals auch die Gespräche mit meinem Freund und meinen Eltern gegeben, die in Vancouver dabei waren. Ansonsten waren meine Handarbeitssachen immer mit von der Partie, das hat mich super abgelenkt.

Wo hast du Halt gesucht, wenn es dir einmal schlecht ging?

Miri Gössner war für mich vor allem im letzten Jahr eine wichtige Ansprechpartnerin, jedoch habe ich eher zuhause Halt gesucht.

Hast du im Laufe der Zeit auch echte Freunde gefunden?

Auf jeden Fall habe ich dort Freundschaften geschlossen, die ich aufrechterhalten möchte. Gott sei Dank gibt es Facebook. Da fällt das relativ leicht.

Hast du möglicherweise gerade durch deinen Erfolg auch Freunde daheim verloren?

Wenn man erfolgreich ist, dann ist es oft so, dass es Leute gibt, die sich plötzlich wieder melden, obwohl man schon lange nichts mehr von ihnen gehört hat. Auf diese sogenannten Freunde kann ich getrost verzichten. Eigentlich bin ich sehr froh, dass ich zwar nicht mehr so viele Freunde habe, wie noch vor ein paar Jahren, jedoch sind das die wirklich guten. Das ist am Ende viel wertvoller.

Wie hast du deine Freundschaften daheim trotz teilweise großer Entfernungen gepflegt?

Ich freue mich darüber, dass ich doch einige Freundschaften zuhause aufrechterhalten konnte. Das sind vor allem Leute, mit denen ich teilweise schon als Kind befreundet war. Es sind auch neue dazu gekommen, die mein Leben absolut bereichert haben. Ich glaube am Ende ist ein richtiger Freund jemand, der auch warten kann und der es akzeptiert, dass man als Profisportler sehr viel unterwegs ist und sich nicht immer melden kann. Außerdem muss derjenige, der mit mir befreundet ist, auch damit umgehen können, dass ich in der Öffentlichkeit stehe und sich oft vieles um mich dreht. Dagegen kann ich nun mal nichts machen. Ich habe unglaubliches Glück, solche Menschen gefunden zu haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Autor des Artikels

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