Mais oui!

Eine Woche ohne Nein-Sagen

Dies ist ein Selbstversuch. Eine Woche lang – meine Urlaubswoche im schönen Paris – habe ich auf das allseits beliebte Wörtchen Nein verzichtet. Warum Ja-Sagen erfrischend sein kann, aber durchaus seine Tücken hat – mein Versuchsbericht.

Von Rebecca Naunheimer – Illustration: Annette Robbins

Der ist doch noch gut

Meine Woche in Paris beginnt an einem Mittwochvormittag – relativ unspektakulär. Auch wenn ich mich bemühe, bei jeder Gelegenheit ein Ja zu platzieren, kann ich von keinen besonderen Vorkommnissen berichten. Meine Schwester – Reisebegleitung und Experimenteneingeweihte – schlägt die ein oder andere Aktivität vor, ich bejahe. Am Abend zieht es uns zum Canal Saint Martin, ein echter Geheimtipp unter jungen Einheimischen. Wir setzen uns zwischen das ausgelassene Volk und genießen bei Baguette, Käse und Wein die frische Stadtluft. In einem Moment der Unachtsamkeit jedoch landet unser Käse im Dreck. Schockstarre. Meine Schwester hebt ihn auf, hält ihn mir vors Gesicht. Ein trostloser Wicht – voller Laub, undefinierbarem Dreck und einem deutlich sichtbaren Haarkleid. „Und jetzt? Kann man den noch essen?“, fragt sie mich. „Ja?“, so meine unsichere Antwort, „Der ist doch noch gut“. Wir machen an dieser Stelle einen Zeitsprung. Nur so viel sei gesagt: Lecker war es nicht!

Erfrischt vom Ja-Sagen

Der zweite Tag des Experiments hält einen Lichtblick für die Kämpfer an der Ja-Front bereit. An selbiger Stelle, an der noch einen Abend zuvor ein unschuldiger Käse in den Dreck gezogen worden ist, schallt am Donnerstag eine Stimme durch die Luft: „Eh, les filles!“. Wir beschleunigen unseren Gang Richtung Supermarkt – der überteuerte Wein ist leer. Im Moment der Besinnung denke ich an mein Versprechen, das ich nicht zuletzt diesem Artikel gegeben habe: Eine Woche ohne Nein-Sagen. Merde! Ich drehe mich also um „Oui?“. Ein junger Franzose kommt auf uns zu gerannt. Er fragt, ob wir uns nicht zu ihm und seinen Freunden setzen wollen. Ich denke nach. Ein Fremder. Ein Franzose. Ich schaue zu meiner Schwester, schaue zu dem Franzosen und stammle: „Mais oui“. Den Rest des Abends wandern wir schließlich mit unseren neu gewonnenen Freunden durch die nächtliche Großstadt. Ebenso wie die Sprache ändert sich meine Einstellung zum aufgezwungenen Dauerbringer ´Ja´ sehr schnell. „Do you want to join us, we are going to that bar over there?” – „Yes!”, „Do you want a ‚Godet‘?” – „Yes” (Was auch immer ein ‚Godet‘ ist, nur her damit!). Am Ende der Nacht bin ich noch immer nicht pleite, den ‚Godet‘, im gemeinen Volksmund auch als ‚Wein‘ bekannt, habe ich bezahlt bekommen. Zudem bin ich erfrischt. Erfrischt vom Ja-Sagen, erfrischt von Parisern – Pariser Menschen! – fernab vom Tourismus-Mainstream. Menschen, die ich unter normalen Umständen vielleicht abgewiesen hätte mit einem wirschen „Nein“, „Non“, „No“.

Ein Nein aus Selbstschutz

Um die Illusion, ständiges Bejahen sei möglich, aufzulösen, hier nun aber ein Geständnis: Ich habe das verbotene Wort benutzt. Ihr müsst verstehen, eine ausweichende Antwort wäre zwar im Deutschen möglich, aber auf Französisch? Ich bin stolz wie ein Schulkind ein flüssiges Non über die Lippen zu bringen. Wir reden hier also von einem unweigerlich als Regelbruch geltenden Nein. Noch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag habe ich das verstaubte Wort heraus gekramt, weil Paris unberechenbar ist. Nur einen Wimpernschlag entfernt von wunderschönen Cafés und Bars, bietet sich eine andere Seite der Stadt der Liebe, mit weniger Schönheit, mit weniger Liebe. Gefährliche Banlieus, Armenviertel, in denen Gewaltdelikte zum traurigen Alltag geworden sind, liegen unmittelbar neben Ballungsräumen der Unbefangenheit. So laufen meine Schwester und ich – berauscht von der lustigen Zeit mit unseren französischen Freunden – durchs nächtliche Paris Richtung Hotel. Aber verdammt nochmal wo ist das Hotel? Wir laufen geradewegs in eine der schlechten Gegenden. Dies soll kein Reiseführer werden, aber zum Schutze aller künftigen Paris-Entdecker: Taucht nachts einmal die Metrostation „Chateau Rouge“ als rettender Anker vor dir auf, geh nicht hinein, dreh um oder versteck dich in einer Mülltonne. Es kommen düstere Gestalten auf uns zu, alle mit einem lockeren „Eh, les filles!“ auf den Lippen. Dazu ein ganz klares Nein. Ein Nein aus Selbstschutz. Ich werde nicht beklaut, nicht vergewaltigt, ich lebe. Ein Hoch auf das Nein!

Ein Ja ist ein Ja

Doch hey, was habt ihr jetzt gedacht? Ich vergrabe das unliebsame Wort natürlich gleich am nächsten Tag wieder und konzentriere mich auf meine Mission. Gewinnbringend ist die Bejahung jedoch nicht mehr. Als mich der Kellner eines kleinen Cafés fragt, ob mein bestelltes Wasser ein „Evian“ sein solle, ist meine Antwort natürlich ein singendes „Oui“. So mache ich sogar große Verluste – 4,50 Euro kostet mich das gute Wasser. Der Montag verläuft ähnlich unspektakulär. Erst am Dienstag und Mittwoch bietet sich der Nein-Abstinenz wieder eine Angriffsfläche. Um es kurz zu halten: Zurück in Deutschland verpflichte ich mich zu weitläufiger Hilfeleistung beim Englisch Lernen und zu drei Verabredungen am Donnerstag. Dieser verläuft letztlich recht stressig. Frühstücken mit Sina, Sport treiben mit Johanna, Englisch lernen mit Lisa. Am Ende des Tages bin ich erschöpft. Es darf ja auch niemand zu kurz kommen, denn ein Ja ist ein Ja. Eine sichere Zusage. Ich hätte zu gerne auch mal Nein gesagt.

Aus der langen Woche der Entbehrung habe ich gelernt: Ein Ja an der richtigen Stelle kann erfrischend sein, doch es gibt Momente, in welchen der Mensch einfach Nein sagen darf und sollte. Ich setze Ja letztlich mit Offenheit gleich. Offenheit kann gut tun, neue Menschen Teil deines Lebens werden lassen. Doch die Schattenseiten wiegen die euphorische Stimmung auf. Manchmal ist es besser, sich zu verschließen – und glaubt mir das gilt auch für die Kleiderwahl – um Negativ-Erlebnissen keine Chance zu bieten. So ist das Gleichgewicht aus Ja und Nein doch nicht zuletzt ein Zeugnis reflektierter Entscheidungen. Weist ein Käse ein deutliches Haarkleid auf, so ist er einfach nicht lecker – Ende des Gedankenprozesses.

Autoren des Artikels

Rebecca Naunheimer

War Chefredakteurin vom Sommer 2014 bis zum Februar 2015 Chefredakteurin. Beschäftigt sich am liebsten mit Themen rund um Leben, Lifestyle und Mode junger Erwachsener.

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