Der Glaube an sich selbst

Geschichte eines jungen Mädchens, das aus eigener Kraft ins Leben zurückfand

Es ist die Zeit, in der andere Partys feiern, sich zum ersten Mal verlieben und zum ersten Mal Liebeskummer haben – die Pubertät. Die Probleme des Alltags erschienen uns damals unlösbar. Doch dass es Jugendliche gibt, die existenzielle Probleme haben und vor unserer Nase ums Überleben kämpfen, ist vielen nicht bewusst. Diesen Kampf hat Verena Panholzer* hinter sich und sie hat ihn gewonnen.

 

Von Martina Schnitzer

Draußen bläst ein eisiger Wind, die Bäume haben noch keine Knospen und die Stadt sieht verlassen aus. Doch das schlechte Wetter kann Verena nicht die Stimmung verderben. In ihrem Studentenzimmer, das sie mit Berg- und Landschaftsbildern dekoriert hat, ist es angenehm warm. Verena steht in ihrer kleinen Küche und kocht Tee. Ihre langen blonden Haare fallen ihr fast bis zu den Hüften über die Schulter. Die blauen Augen strahlen, als sie sich setzt. Sie ist eine Frohnatur, ein glücklicher Mensch. Doch das war nicht immer so, denn Verena war magersüchtig. „Das sind verlorene Jahre. Du lebst nicht in dieser Zeit“ erzählt sie.

Als Grundschulkind wurde Verena gemobbt und war unglücklich. Auf dem Gymnasium ging es für sie zwar aufwärts, dennoch machte sie eine schwere Zeit durch, als sie einige sportliche Niederlagen verkraften musste „Im Tennis habe ich plötzlich nur noch verloren, ich fühlte mich als kompletter Versager.“ Doch eine konkrete Ursache für die Magersucht konnte Verena selbst bei ihrer dreijährigen Therapie nicht entdecken. Es ist niemals nur ein Faktor, der die Krankheit auslöst, sondern es kommen mehrere Aspekte zusammen.

Alle Symptome trafen zu

Als die Krankheit anfing, war Verena 15. Sie flüstert fast, als sie erklärt: „Das kann ich relativ genau sagen, weil ich ab diesem Zeitpunkt meine Periode nicht mehr bekam“. Sie sei immer schon sehr sportlich und schlank gewesen, wie alle in ihrer Familie, das läge in den Genen. Übergewicht sei noch nie ein Problem gewesen. Deshalb war ihrem Umfeld zunächst nicht bewusst, dass Verena immer dünner wurde. Erst als sie häufig über Magenschmerzen klagte und einen Spezialisten aufsuchte, wies eine Ärztin Verenas Mutter auf das Untergewicht ihrer Tochter hin. Kurze Zeit später waren Freunde der Eltern entsetzt vom Anblick des jungen Mädchens. Eine Infoveranstaltung in der örtlichen Schule öffnete Verenas Mutter schließlich die Augen „Sie wäre am liebsten heulend und schreiend rausgelaufen“, sagt Verena. „Alle Symptome, die der Sozialarbeiter aufzählte, trafen zu“.

Anders als viele Magersüchtige realisierte Verena schnell, dass sie ein Problem hatte. Ihr war klar: „Ich muss in Therapie“. Zusätzlich wurde sie ambulant behandelt. Ohne Hilfe von außen hätte sie es nicht geschafft. Sie trinkt einen großen Schluck und atmet tief durch. Ihre Familie und ihre Freunde hätten alle zu ihr gestanden. Doch die Nähe sei einfach zu groß gewesen, als dass sie nur durch deren Hilfe aus ihrer Misere entkommen wäre. Vor kurzem erzählte ihr ihre Mutter, sie habe genau gewusst, welche Therapiesitzungen effektiv gewesen seien. „Die, von denen ich wütend nach Hause gekommen bin, denn dann hat der Psychologe meinen wunden Punkt erwischt“, Verena schmunzelt.

Im Zwiespalt

Dennoch hat es drei Jahre gedauert, bis das junge Mädchen neuen Lebensmut schöpfen konnte. „Ich war körperlich und psychisch so am Ende. Ich hatte Selbstmordgedanken“, erzählt Verena. Mit nur noch 38kg bei einer Größe von 175cm hatte die Jugendliche keine Kraft mehr für Unternehmungen und auch der Antrieb fehlte ihr. Als sie gezwungen war, auf ihren geliebten Sport zu verzichten,  erkannte sie sich selbst kaum wieder. Auf der einen Seite wollte sie gesund werden, auf der anderen log sie ihre Eltern an und trieb heimlich Sport. Der wöchentliche Gang auf die Waage, vor den Augen der Ärzte, war eine Tortur. Heimlich trank sie im Vorhinein einen halben Liter Wasser. „So bin ich eigentlich überhaupt nicht. Ich hasse Leute, die lügen und falsch sind.“. Doch die Magersucht macht einen anderen Menschen aus einem. Das kranke Gefühl, über sich selbst die Kontrolle zu haben und seine Grenzen auszutesten, ist allgegenwärtig. Verena schüttelt den Kopf, sie kann selbst nicht glauben, wie sie sich damals verhalten hat.

„Das ist jetzt wirklich meine letzte Chance“

Mit 18 Jahren hatte sie nur noch einen Puls von 25 – ihr Zustand war lebensbedrohlich und sie wurde stationär in der Klinik aufgenommen. Verena hat fast nasse Augen, als sie erzählt, sie wollte unbedingt Ostern zu Hause verbringen. Da ihre Eltern den Oberarzt kannten, entließ er sie auf eigene Gefahr. Diese Erfahrung war es, die Verena brauchte, um endlich aufzuwachen. Sie wusste, „das ist jetzt wirklich meine letzte Chance und wenn ich die nicht ergreife, dann ist alles zu spät“. Binnen weniger Monate nahm Verena wieder zu und fühlte sich von Tag zu Tag besser. Sie hatte endlich den Willen und die nötige Stärke, wieder gesund zu werden. Ihr Glaube an sich selbst war zurückgekehrt.

Verena wirkt erleichtert, sie steht auf, holt einen Teller Kekse aus dem gegenüberliegenden Holzschrank und beißt herzhaft hinein. „Ich brauche noch Energie zum Joggen später.“ Fast täglich läuft Verena einige Kilometer. Sie trainiert für den Marathon und das sieht man auch, rank und schlank steht sie da – immer noch dünn, aber eben auf gesunde Weise. Ihre Magersucht hat sie hinter sich gelassen. Mittlerweile ist die baldige Bachelorabsolventin eine starke Persönlichkeit, die nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann. Sie hat aus ihrer Krankheit gelernt: „Das hat mir gezeigt, dass ich wieder aufstehen kann, auch wenn es mir noch so schlecht geht!“│

* Name von der Redaktion geändert

 

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