Glauben heißt nicht wissen

Das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Religion

Sie eint die Suche nach Erkenntnis, doch sie gehen dabei völlig unterschiedlich vor: Sind Religion und Wissenschaft unvereinbar oder ergänzen sie sich perfekt?

 

Von Christian Endt

Bis zur Aufklärung sah die Kirche jegliche Wissenschaft als Angriff auf ihre Deutungshoheit. Der italienische Gelehrte Galileo Galilei, der im 17. Jahrhundert das geozentrische Weltbild in Frage stellte, musste sich vor der heiligen Inquisition verantworten. Ihm wurde 1633 das Publizieren verboten und Hausarrest auferlegt. Die Kirche musste bald einsehen, dass die Erde tatsächlich nicht das Zentrum des Universums ist. Galilei jedoch wurde erst 1992 von Papst Johannes Paul II. offiziell rehabilitiert – wenn man so will ein endgültiger Friedensschluss zwischen Kirche und Forschung. Vor ein paar Jahren ließ der amerikanische Schriftsteller Dan Brown die jahrhundertealte Auseinandersetzung in seinem Roman „Illuminati“ wieder aufleben. Der Bestseller wurde mit Tom Hanks in der Hauptrolle erfolgreich verfilmt. Das Buch greift jedoch größtenteils auf obskure Verschwörungstheorien zurück, es strotzt vor Fehlern und unbelegten Behauptungen. In Wahrheit sind die großen Konflikte vorbei, heute existieren die Sphären Physik und Religion zumindest in der westlichen Welt weitgehend friedlich nebeneinander.

Vom Anbeginn der Zeit

Anders sieht es auf dem Gebiet der Biologie und Medizin aus, wo Themen wie die Stammzellenforschung für Konflikte sorgen. Wobei es da nicht wie zu Galileis Zeiten um Weltbilder und Deutungshoheit geht, sondern um ethische Grundsätze – ein Bereich, wo man den Kirchen aus gutem Grund ein Mitspracherecht einräumt. Offene Gräben gibt es ansonsten vor allem in den USA. Die Evolutionstheorie, wonach sich die Arten über Jahrmillionen durch natürliche Auslese entwickelt haben, gilt hierzulande auch auf kirchlicher Seite als akzeptiert. In Amerika jedoch sind evangelikale Freikirchen mit oftmals radikalen Positionen verbreitet. So kommt es, dass die Evolutionstheorie dort nicht allgemein akzeptiert ist. Der Kreationismus, also die wörtliche Auslegung der biblischen Schöpfungsgeschichte, erfreut sich großer Beliebtheit: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2005 glauben 42% der Amerikaner, dass „die Lebewesen seit Anbeginn der Zeit in ihrer heutigen Form existieren“. Die Mehrheit ist dafür, Evolution und Kreationismus in den Schulen nebeneinander zu lehren. In vielen Bundesstaaten war Kreationismus zeitweise Teil des Biologieunterrichts.

In der Wissenschaft gilt der Grundsatz der Falsifizierbarkeit. Jede Hypothese muss sich der Überprüfung durch Experimente unterziehen und kann durch solche auch widerlegt werden. Ein Prinzip, dass sich auf religiöse Dogmen und Glaubensgrundsätze nicht übertragen lässt. Dort wird etwa die Existenz Gottes als gegeben vorausgesetzt, eben geglaubt. Eine experimentelle Überprüfung ist weder möglich noch erwünscht. Ein offensichtlicher Widerspruch. Nur wie geht man mit diesem Gegensatz um? Für die einen ist er der Beleg für die Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Religion, für die anderen begründet er deren Koexistenz. Es ist genau dieses Prinzip der Falsifizierbarkeit, welches der wissenschaftlichen Erkenntnis unüberwindbare Grenzen setzt..

Life, the universe and everything

Auch wenn wir immer mehr über die Naturgesetze herausfinden, die ganz großen Fragen wird man mit den Mitteln der Physik nie beantworten können. Entdeckungen wie das kürzlich gefundene „Gottesteilchen“ oder die noch gesuchte „Weltformel“ haben letztendlich einen Erkenntniswert wie die berühmte Antwort „42″ auf die Frage nach dem „Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ in Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“: Gar keinen. Die Klärung von Sinn- und anderen elementaren Daseinsfragen wird immer eine Existenzberechtigung für Gottheiten bleiben. Dennoch wird deren Aufgabengebiet immer kleiner – schließlich mussten Religionen früher noch zur Erklärung von Phänomenen wie Blitz und Donner herhalten. Das hat ihnen die Physik inzwischen abgenommen.

 

Autoren des Artikels

Christian Endt

Begann zu schreiben, als seine Bandkollegen ihm das Singen verboten haben. War von Mai 2013 bis Mai 2014 presstige-Chefredakteur. Fährt gern Fahrrad. Bloggt auf cendt.de.

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