Hinter den Mauern liegt die Welt

Ein Klostertagebuch

„Sie müssen nichts mitbringen“: So steht es in der E-Mail der Schwester. Ein sonderbares Gefühl, an nichts denken zu müssen, einfach Pause machen zu dürfen von der Welt. Drei Tage verbringe ich im Kloster: ein Selbstversuch.

Die Türen fallen dumpf und hölzern ins Schloss. Draußen nehme ich zuerst die Geräusche wahr: die Motoren der Autos, das Summen des vibrierenden Ampelkastens, das atemlose Sprechen der vorbeieilenden Passanten. Als hätte plötzlich jemand den Ton eingeschaltet. Mein Weg führt noch eine Weile an den weißen Klostermauern entlang, an denen sich die winterlichen Überreste von Kletterpflanzen ranken. Drei Tage lang waren sie mein Zuhause. Ich denke an die Schwestern, deren schwarze Schleier ihre Rücken bedecken wie gefaltete Flügel. Es ist später Nachmittag. Bald werden sie sich zum Gebet versammeln, zum dritten Mal an diesem Tag. Ich denke an Gottes Lamm, dessen vergoldetes Abbild an der Spitze des Altars thront, und an Gottes Sohn, der mir nachts den Schlaf raubte:

Als ich mein Zimmer zum ersten Mal betrete, liegt auf dem weißen Laken des Bettes eine Schokoladentafel und an der Wand darüber hängt der Gekreuzigte. Sein Kopf ist schräg auf die Brust gesunken, sodass seine geschnitzten Augen mich anzublicken scheinen. Sie macht mich nervös, diese detailliert gearbeitete Figur, an deren Gliedern die rote Farbe herunterläuft wie echtes Blut.

Mein Zimmer hat außerdem einen Tisch mit Sitzgelegenheit, einen Kleiderschrank, eine Kommode und ein eigenes Bad. Das Fenster ist vergittert. Ich erblicke die Welt ausschnitthaft durch gusseiserne Rauten. Auf der Kommode stehen die Bibel und eine Festschrift: „750 Jahre Franziskanerinnen von Maria Stern in Augsburg“. Sie verkürzt mir abends die Zeit, wenn ich im Schein der Nachttischlampe die Schwarz-Weiß-Bilder aus den Nachkriegsjahren betrachte; darauf die Ordensschwestern, knöcheltief stehend in den Trümmern ihres Mutterhauses. Oder ich vertiefe mich in abgedruckte Auszüge aus den Satzungen der Ordensschwestern: „Bereitwillig lassen wir uns in Anspruch nehmen von allen, die Hilfe bedürfen. Das ist die Haltung des wahrhaft Armen, der nichts von sich für sich festhält, der alles Gott, dem Herrn, zurückerstattet.“ Schwester Regina, die vor etwa zehn Jahren ins Kloster eintrat, wird mir später erzählen, dass sie über genau fünf Ordenskleider verfügt: drei für werktags, zwei für sonntags. Sie hat kein eigenes Geld, keinen eigenen Besitz. „Mir fehlt es an nichts“, sagt sie.

Im Kloster vergeht die Zeit anders

Ich habe mich entschieden, mein Handy nicht mitzunehmen und komme mir albern vor, weil auf dem Nachtkästchen ein Telefon steht. Ich muss Schwester Regina um einen Wecker bitten. Die Laudes beginnen um 6.40 Uhr, anschließend findet die heilige Messe statt. Im Kloster scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Trotzdem sehe ich ständig auf die Uhr, um die Gebetszeiten nicht zu verpassen. Vor den Kirchenbänken fallen die Schwestern auf die Knie. Ihr Haar ist meist weiß, wie Schneeflocken im Begriff des Schmelzens.

„Denn ich bin in Schuld geboren; in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“, sprechen sie während der Laudes. „Zwiespältige Menschen sind mir von Grund auf verhasst“, singen sie während der Mittagshore. Viele Gebetstexte erscheinen mir düster. Schon bald gebe ich auf, mein Stundenbuch an der richtigen Stelle aufschlagen zu wollen. Lieber lausche ich dem Gesang der Schwestern. Ihre Stimmen klingen hell und jung, obgleich die meisten von ihnen über sechzig sind. „Die Liebe hält allem stand“, singen sie während des Abendgebets, und es ist nichts Düsteres daran. Ich fühle mich unbeholfen, weiß nicht genau, wann ich stehen, sitzen oder knien muss. Manchmal murmele ich leise mit. Die Hände falten und die Worte sprechen: Ist das schon beten?

Schwester Regina sagt, dass es schwer gewesen sei, ihrer Familie von der Entscheidung für das Klosterleben zu erzählen: „Als würde man seinen Eltern einen Lebenspartner vorstellen, mit dem sie nicht einverstanden sind.“ Etwa einmal im Jahr besucht sie ihre Hunderte von Kilometern entfernt wohnenden Verwandten, verbringt dort einen Teil ihrer 28 Urlaubstage. Sie ist Diplom-Kauffrau, hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Ich bekomme das Gefühl, dass die Schwestern nicht gerne über ihr Leben vor dem Klostereintritt sprechen und muss an einen Psalm denken, den ich während der Laudes gehört habe: „Im Geheimen lehrst du mich Weisheit.“

Wie Liebesbriefe, die nicht an mich gerichtet sind

Wenn ich zwischen den Stundengebeten und Mahlzeiten über die Linoleumflure spaziere, begegnet mir kaum jemand. Über eine Wendeltreppe gelange ich in den Meditationsraum im Dachstuhl. Ich zünde eine Kerze an. In ihrem Schein kann ich den Staub tanzen sehen. Der vergoldete Seitenschnitt der aufgeschlagenen Bibel ist vom vielen Blättern matt und brüchig geworden; ein aus Holz geschnitztes Tau, das Zeichen der Franziskaner, liegt darin wie ein Lesezeichen. In einer Schachtel finde ich zusammengerollte Zettel mit Psalmen darauf. Nur wenige falte ich auseinander. Ich habe das Gefühl, Liebesbriefe zu lesen, die nicht an mich gerichtet sind.

Jeden Abend beten die Schwestern den Rosenkranz. Ich kann meinen Blick nicht abwenden von der zerknitterten Haut ihrer Finger, die über die Perlen gleiten; lasse mich umspülen von dem Singsang dieses nicht enden wollenden Gebets. „Wie haben wir als Novizinnen über den Rosenkranz gelacht!“, erinnert sich Schwester Monika, die Oberin, als wir bei Kaffee und Nusskuchen zusammensitzen. Seit vierzig Jahren lebt sie schon hier. Ich kann sie mir gut als junges Mädchen vorstellen, das auf der Kirchenbank ihr Kichern zu unterdrücken sucht.

„Tod, wo sind nun deine Schrecken?“

Am Tag meiner Abreise verstirbt eine Schwester. Mittags stellen sie den offenen Sarg in der Kirche auf. Daneben brennt, Auferstehung verheißend, die Osterkerze. Die Tote hat weiße, glatte Haut; sie liegt dornröschenhaft, einer Schlafenden gleich, die niemand zu wecken vermag. Gelbrote Tulpen bedecken ihren Körper. In ihre gefalteten Hände hat jemand den Rosenkranz gelegt. „Tod, wo sind nun deine Schrecken?“, singen die Schwestern. Ja, wo nur, denke ich, doch als das graue Auto des Bestattungsinstituts vorfährt, fühle ich Tränen in mir aufsteigen für die Fremde. Auch einige Schwestern weinen; geduldig ertragen sie das Rangieren des Fahrers und blicken dem Wagen nach bis ganz zuletzt.

Als ich den Schwestern nach drinnen folge, muss ich an meine Ankunft denken: Nervös stehe ich vor der Pforte. Bevor ich eintrete, blicke ich an dem Bauwerk hinauf. Hinter diesen Mauern liegt die Welt, denke ich. Doch auf welcher Seite weiß ich nicht.

Autor des Artikels

Sophia Lindsey

Chefredakteurin a.D.