Deutsch, das (Substantiv, Neutrum)

Oder: Wie ich zur Muttersprachlerin wurde

Von den Höhen und Tiefen des Deutschlernens in einer Übergangsklasse und dem Weg zum Abitur. Erin­nerungen unserer Autorin an die Zeit vor zehn Jahren.

Ich stand da und verstand kein Wort, während sich meine Mutter mit zwei anderen Erwachsenen auf Deutsch unter­hielt. Ob ich diese Sprache jemals würde sprechen können? Langsam verlor ich die Geduld. Nach einer gefühlten Ewig­keit kam meine Mutter zu mir: „Das ist Frau Meier*, deine Lehrerin für das nächste Jahr. Du kommst in die 5/7 Ü, eine Übergangsklasse für Kinder, die Deutsch lernen müssen, be­vor sie auf ‚deutsche‘ Schulen gehen können.“September 2003. An meinen ersten Schultag an der St. Georg Volksschule in Augsburg erinnere ich mich kaum. Da waren viele Kinder, eine Schule, die auf mich wirkte wie ein Gefängnis, und eine Sprache, die ich nicht verstand und die sich für mich damals unglaublich hart und böse anhörte.
Nach nur einer Woche stellte sich heraus, dass alles nur halb so schlimm war. In der Klasse gab es russischsprechen­de Kinder, die bereits seit einem halben Jahr dabei waren und mir die wichtigsten Dinge übersetzen konnten. Wir hatten neben Deutsch, Mathe, PCB (Physik, Chemie, Bio­logie) und GSE (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde) auch noch nicht-sprachliche Fächer wie Kunst, Sport und Wer­ken. Zumindest hier konnte man sich von dem anstrengen­den Übersetzen, Hinhören und Grammatik-Pauken erho­len. Frau Meier konnte ebenfalls ein paar Brocken Russisch und sang mit uns jeden Tag englische Lieder, wenn wir vor lauter Deutsch nicht mehr konnten. Sie war eine der besten Lehrerinnen, die ich jemals hatte.

Lernt, lernte, hat gelernt

Neben vielen angenehmen Stunden gab es auch viel Ar­beit, die vor uns lag. Was in Deutschland aufwachsende Kinder in elf Jahren Schritt für Schritt lernen, mussten wir idealerweise nach einem Jahr beherrschen. Es stand selbstverständlich Grammatik und Rechtschreibung auf dem Plan: Nomen groß geschrieben, Verb an zweiter Stelle, Präsens, Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt, Nominativ, Genitiv, Akkusativ und Dativ. Tag für Tag. Da ohne Wortschatz jegliche Grammatik unnütz gewe­sen wäre, mussten wir zusehen, dass wir so viele Wörter wie möglich auswendig lernen. Was mit Wortfamilien wie ,Schule‘ und ,Familie‘ begann, musste schon bald auch bei längeren Texten funktionieren. Dass dafür die Zeit in der Schule nicht ausreichen konnte, verstand ich überraschenderweise schon damals. Oft saß ich das ganze Wochenende über dem Auftrag, „eine vierseitige Kurzge­schichte zu lesen und zu verstehen“. Was sich ziemlich einfach anhört, bedeutete für mich: Ungefähr jedes zweite Wort markieren, im Wörterbuch nachschlagen, eine für den Kontext geeignete Übersetzung finden, das Wort in mein Vokabelheft schreiben, auf eine Karteikarte über­tragen, zehnmal alle Karteikarten üben, Text noch einmal lesen, Karteikarten so lange üben, bis ich die Geschichte beim Lesen komplett verstand.

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich das denn damals geschafft habe. Meine ehrliche Antwort lautet: „Ich weiß es nicht.“  Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr vergesse ich, wie hoch der Aufwand damals für mich und auch für meine Eltern war. Das ganze Jahr war in allen Lebens­bereichen vom Deutschlernen erfüllt: Fernsehen, Bücher, Zeitschriften, Kino auf Deutsch. Alles gehörte dazu und ich hatte manchmal das Gefühl, dass mir gleich der Kopf platzt. Einen Tipp habe ich an euch, falls ihr jetzt eine Sprache lernen müsst: Redet, hört, schreibt und denkt in dieser Sprache! Funktioniert wirklich.

Die Zeit auf dem Gymnasium

Im Juli 2004 absolvierte ich einen Einstufungstest in Deutsch, Mathematik und Englisch. Und landete auf ei­nem Mädchengymnasium in der sechsten Klasse, obwohl ich ein Jahr älter war als alle anderen. Während ich mich nach einem Jahr in der Übergangsklasse wie ein Deutsch­profi fühlte, war ich auf dem Gymnasium plötzlich die Ausländerin, die nichts verstand – trotz eines deutschen Namens und der deutschen Staatsbürgerschaft. Schwerer noch als das Deutschlernen war die kulturelle Anpassung an das Leben hier und an die hämischen Klassenkamera­dinnen, die damals noch nicht zu den toleranten Erwach­senen herangewachsen waren, die sie heute sind. Fehlende sprachliche Fähigkeiten setzten sie mit Dummheit gleich.

Ich bekam in meinem mittlerweile zweiten Jahr in Deutschland keine Zeugnisnoten in Deutsch, trotzdem wurden meine Arbeiten korrigiert: eine Fünf im Jahr­gangsstufentest, eine Sechs im Aufsatz, eine Vier für den Leserbrief. Besonders aufbauend war dieses Schul­jahr nicht. Aber nach dem Arbeitsaufwand der Ü-Klasse konnte mich auch das Gymnasium nicht mehr abschre­cken. Ich sah nur ein Ziel vor mir: das Abitur. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte es diesen Lehrer nicht gegeben, der meinen ersten Aufsatz in der siebten Klasse mit einer Eins benotete. Oder diese Deutschlehrerin, die immer an mich glaubte und mir das Gefühl gab, dass ich alles schaffen würde, wenn ich es nur wollte.

Nach sieben Jahren Gymnasium hielt ich endlich mein Abiturzeugnis (Note 1,3) in der Hand und bin in­zwischen seit mehreren Semestern Studentin an der Uni Augsburg. Ich hoffe, ihr versteht, dass ich meinen Namen nicht preisgeben möchte. Und ich kann nur hoffen, dass es auch in Zukunft Leute geben wird, die nicht nur Talen­te fördern, sondern sich auch denjenigen zuwenden, die besondere Hilfe benötigen – egal ob beim Deutschlernen oder anderswo.

*Name von der Redaktion geändert

Was sind Übergangsklassen?
 Übergangsklassen werden für Kinder mit einer nicht deut­schen Muttersprache an Haupt- und Mittelschulen angebo­ten. Die Schüler sollen so grundlegende Deutschkenntnisse erwerben und bei entsprechendem Fortschritt als Quereinstei­ger in eine Regelklasse übertreten. Während die Kinder aktu­ell zwei Jahre in der Übergangsklasse bleiben, gab es bis zum Jahr 2007 eine einjährige Begabten-Übergangsklasse, bei der man die Chance hatte, auf das Gymnasium oder die Realschu­le zu wechseln. Mehr unter www.km.bayern.de

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