„Ich möchte mir aussuchen, wo ich hingehe“

Ein Gespräch über Gebärdensprache und das Recht, die Welt mitzubekommen

Es ist leicht, Kerstin Mackevicius zuzuhören. Besser: ihr beim Sprechen zuzusehen. Wenn sie gebärdet, scheint es, als würden ihre Hände zu Pinseln und die Welt zur Leinwand. In Sekundenschnelle entstehen Bilder, unsichtbar für denjenigen, der die Sprache nicht versteht. Manchmal muss die Gebärdensprachdolmetscherin sie bremsen. Denn naturgemäß dauert es länger, die dreidimensionalen Gebärden in die lineare Lautsprache zu übersetzen. Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit einer vollständigen Grammatik: Das Verb steht etwa am Satzende, große Objekte werden vor kleinen genannt, unbewegte vor bewegten. Für Eigennamen dient ein auffälliges Merkmal des Bezeichneten – etwa Theodor Waigels buschige Augenbrauen. Kerstin hat wilde Locken und ein ansteckendes Lachen. Sie ist von Geburt an taub. Ihre Namensgebärde sind zwei angedeutete Zöpfe, die sie als Kind trug, um so zu sein wie Pippi Langstrumpf: frech und furchtlos. Seit zwanzig Jahren unterrichtet sie in Augsburg Gebärdensprache. Das Kämpferische ist ihr geblieben.

presstige: An Gebärdensprache fällt sofort auf: Alles ist in Bewegung, der ganze Körper scheint zu sprechen. Kommt Ihnen die Mimik und Gestik von Hörenden manchmal ausdruckslos vor?

Kerstin Mackevicius: Ja, das macht schon den Eindruck, gerade bei Nachrichten. Der Moderator rührt sich kaum, emotionslos sieht das aus. Kennt ihr den Kanal Phönix? Da gibt es den Moderator und den Gebärdensprachdolmetscher. Das kleine Bild des Dolmetschers ist voll in Bewegung, der Nachrichtensprecher ist völlig steif. Aber das hängt natürlich auch vom Temperament ab. Und auch an Gebärdensprache ist nicht der ganze Körper beteiligt. Wir nutzen die Hände, die Mimik, den Oberkörper und den Gebärdenraum, der ungefähr bis zur Hüfte reicht.

Gebärdensprache ist nicht international, sie unterscheidet sich von Land zu Land. Aber gibt es auch Dialekte in der Gebärdensprache?

Oh ja. Sogar hier in Augsburg gibt es zwei, drei verschiedene Dialekte. Welchen man benutzt, hängt davon ab, wo man zur Schule gegangen ist. Dass es so viele regionale Unterschiede gibt, liegt daran, dass Gebärdensprache jahrelang unterdrückt wurde. Die Kinder haben nur untereinander Gebärdensprache benutzt und teilweise auch Gebärden erfunden.

Amtlich gemacht wurde diese Unterdrückung 1880 mit dem Mailänder Kongress, dessen Beschlüsse die „Überlegenheit der Lautsprache gegenüber der Gebärdensprache“ behaupteten. Erst seit 1988 ist die Gebärdensprache in Europa anerkannt, 2002 zog Deutschland mit dem Behindertengleichstellungsgesetz nach. Doch sind Gehörlose wirklich in die Gesellschaft inkludiert?

Nein, das nicht. Ich schlage zum Beispiel ein Kinoprogramm auf und es gibt kaum etwas mit Untertiteln. Wenn ich ins Theater möchte, weiß ich nicht, wer die Finanzierung für den Dolmetscher übernehmen soll. In Notfallsituationen will ich der Polizei Bescheid geben können oder der Feuerwehr. Es gibt zwar eine Notfallfaxnummer, aber ich möchte gleich ein Bild vor mir haben und mit jemandem in Gebärdensprache sprechen können. Wenn ihr anruft, bekommt ihr sofort eine Antwort.

Ziel wäre es also, das Gebärdensprache in Deutschland auch Amtssprache wird, wie es etwa in Neuseeland der Fall ist?

Ja. In den Behörden müsste zumindest einer Gebärdensprache können. Nicht alle, aber einer, sodass ich auf die Behörde gehen kann und es ist jemand für mich da. Das wäre toll.

In welchen Bereichen fehlt es noch an Möglichkeiten für Gehörlose?

Die Teilhabe am öffentlichen Leben steht an oberster Stelle. Ich möchte mir aussuchen können, wo ich hingehe. Am Bahnhof heißt es zum Beispiel oft: Bitte Ansagen beachten. Dann denke ich mir: Na toll, das ist keine Inklusion. Ich bin immer abhängig von Leuten, das gefällt mir nicht. Wir haben auch ein Recht auf lebenslanges Lernen. In der VHS werden interessante Kurse angeboten, doch wenn ich einen besuchen möchte, muss ich schon wieder darum kämpfen, wer die Finanzierung für den Dolmetscher übernimmt. Wir haben ein Informationsdefizit. Jetzt müssen wir auch die Rundfunkgebühr zahlen, früher waren wir befreit. Aber wenn ich etwas bezahle, möchte ich auch hundertprozentige Untertitelung haben.

Mit der 2006 beschlossenen UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtete sich Deutschland, ein inklusives Bildungssystem zu ermöglichen. Wie wichtig finden Sie es, dass gehörlose und hörende Kinder gemeinsam unterrichtet werden?

Ich sehe das schon ein bisschen skeptisch. Wenn zum Beispiel hörende Eltern ein gehörloses Kind haben und es hat keinen Kontakt zu Gehörlosen und kommt dann in eine Regelschule, wie soll das funktionieren? Wie soll es eine Identität finden? Es erfährt nichts von der Geschichte und der Kultur Gehörloser. Wenn die Eltern aber gehörlos sind und das Kind ist es auch, dann ist diese Identität vorhanden. Wenn drei oder vier gehörlose Kinder gemeinsam mit hörenden Kindern unterrichtet werden, wäre das eine gute Lösung.

Die Alternative sind die Förderzentren …

Im Förderzentrum Augsburg werden leider nur wenige Stunden bilingual unterrichtet. Lautsprachbegleitende Gebärden werden zwar als Hilfsmittel eingesetzt, aber das ist keine Gebärdensprache. Mein Neffe ist gehörlos und benutzt Gebärdensprache, aber im Förderzentrum haben sie ihn überhaupt nicht verstanden! In achtzig Prozent der deutschen Förderzentren wird keine Gebärdensprache gesprochen.

Hörende sind im Alltag andauernd auf Geräusche angewiesen. Wie meistern das Gehörlose überhaupt?

Geräusche kenne ich ja gar nicht. Ich nehme mit den Augen wahr. Wenn draußen ein Vogel sitzt und jemand sagt: „Oh, du hörst das Zwitschern gar nicht“, dann sage ich: „Na und? Ich kann ihn sehen, kann beobachten, was er macht, wie er fliegt, wie er sitzt, wie die Kehle sich bewegt.“ Und in der Nacht habe ich einen Vorteil: Egal, ob es draußen stürmt oder gewittert, ich schlafe ganz ruhig. Ich vermisse das Hören nicht.

Chochleaimplantate, also eine Art Hörprothese, lehnen die meisten Gehörlosen ab. Warum?

Ich kann schwer beschreiben, wie sich das anfühlt. Wenn einem Kind das CI verpflanzt wird, tut mir das einfach weh. Es war vorher ein gesundes Kind. Ja, es hat nicht gehört, aber es hat nichts vermisst, nichts verpasst. Jetzt trägt es etwas Ähnliches wie ein Hörgerät am Ohr. Seine Teilchen leuchten rot und grün wie bei einem kleinen Roboter. Natürlich kann ich Hörende verstehen, die dem Kind eine Chance geben wollen, akustisch etwas wahrzunehmen. Aber warum muss das Kind sich ändern? Die Eltern könnten sich erstmal umstellen und für das Kind Gebärdensprache lernen. Gebärdensprache ist verbunden mit unserer Kultur und unserer Gemeinschaft. Ich wünsche mir, dass das einfach angenommen wird. Ich brauche keine Geräusche. Warum muss man sich immer nur anpassen?


AllerHand! heißt die mobile Gebärdensprachschule von Kerstin Mackevicius. Angeboten werden Gebärdensprachkurse in acht verschiedenen Kursstufen im Großraum Augsburg sowie zahlreiche maßgeschneiderte Kurse. Details und Termine gibt es auf www.allerhand-augsburg.de

 

 

Autor des Artikels

Sophia Lindsey

Chefredakteurin a.D.

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