Brothers in Digestion

Michael Sentef und Christopher Große sind mit Verdauen beschäftigt

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Im Anfang sprach ER: Oh Glossisten, heute ist der Tag gekommen! Der Tag, an dem ihr euch endlich dem einzigen Thema widmen dürft, von dem ihr wirklich etwas versteht: Schreibet mir über das Essen! – Wir [rasch die Münder abputzend]: Verzeih, Herr, wir waren kurz abgelenkt. – ER: Aaaah! Das ist ja mal wieder typisch! Verfressene Bande! Euch werde ich Beine machen! Eure Prachtwänste werde ich schon in Wallung bringen … [Reckt drohend die Rute.] Wir [unter Schmatzen und Kauen]: Äh, wie bitte …? Gemach, Gemach – so probiere ER zuerst diese köstlichen … – ER: Na wartet, ihr …! [Losstürzend.] (Trommelwirbel. Vorhang.)

Voilà – die satteste Glosse ever, die überhaupt keinen Hunger auf mehr macht. Es besteht wirklich kein Grund zu leugnen: Wir lieben Essen. Vor allem gutes. Was auch jeder sofort glaubt, der uns beide kennt (respektive mal im Swimmingpool gesehen hat).

Der eine von uns (MS) liebt gutes Essen wirklich über alles. Er liebt durchaus auch die Igittereien, die dem anderen von uns (CG) ein wenig übel aufstoßen (siehe unten). Der eine von uns verzehrt seit Kindertagen mit Vorliebe Markknochen (Zitat des anderen von uns: „Glibberschleim!“), Weinbergschnecken in Knoblauchbutter („Ekelknubbel in Stinksoße!“), Jakobsmuscheln („Meeresrotz!“), und so fort. Wunderbarerweise kann der eine von uns den anderen von uns damit auch trefflich ärgern. Oder schlimmer. Während eines gemeinsamen Wanderurlaubs in den schottischen Highlands orderte der eine von uns zum Frühstück geräucherte Makrele. Allein der Gedanke daran, um acht Uhr morgens auf nüchternen Magen Fisch zu essen, ließ die Gesichtsfarbe des anderen von uns ein wenig ins Grünliche abdriften.

Als schließlich der kräftig riechende Fisch hereingetragen wurde, wechselte jene Gesichtsfarbe flott ins Dunkelgrüne, woraufhin der andere von uns flugs den Tisch verließ und ohne weitere Speisenzunahme die Wanderung antrat. (Die erste Rast erfolgte zirka fünfzehn Minuten später.) Allerdings, so muss der eine von uns dem anderen von uns zugute halten, kann man mit dem anderen von uns herrliche Abende bei kräftigem Rotwein, Bergen von Wiener Schnitzeln, zartrosa gebratenem Rumpsteak in Brunellosoße und hauchdünn geschnittenen Pommes de terre zubringen, die nicht selten in einer Verkostung diverser Schokoladen (handgeschöpft!) und nicht weniger Gläser Single Malt Whisky (Islay, torfig!) enden.

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Der andere von uns liebt gutes Essen wirklich über alles. Er verbringt Stunden in Feinschmeckerabteilungen, Tage zwischen Patisserien, ganze Urlaube in Geschäften, Bars, Vergnügungslokalitäten. So ermittelt er die vorzüglichsten aller Köstlichkeiten gemäß der allerstrengsten sensorischen Kriterien – einziges kleines Problem: Die meisten guten Sachen isst er gar nicht. Die Eltern vom anderen von uns meinen, dass das früher (sehr, sehr lange her) noch ganz anders gewesen sei.

Schon in seinen frühesten Kindertagen in Berlin-Schöneberg habe der andere von uns Romadur und Limburger geliebt wie nichts Gutes. Der andere von uns mag sich gar nicht ausmalen, was das für die Qualität seiner Babypupse bedeutet haben mag und ist bis heute hocherfreut, diese frühe Phase offensichtlicher Verirrung so rasch überwunden zu haben. Zudem sieht er die Sache naturgemäß vollkommen anders:

Was er nicht isst, ist auch keine gute Sache. Überdies macht er sich meist sogar die Mühe, eine Reihe stichfester Argumente zu finden, warum eine Sache eben keine gute Sache ist: Fische, Meeresfrüchte und andere sonderliche Wasserwesen – sind nicht umsonst im Meer hervorragend aufgehoben, wo sich der andere von uns im Übrigen nur höchst selten aufhält.

Flugfähige Tiere aller Art – sind nicht umsonst in der Luft hervorragend aufgehoben, wo sich der andere von uns im Übrigen ebenso selten und allenfalls auf der Durchreise aufhält. Hammel und Gedöns – ist nicht umsonst auf malerischen Hügeln als weißer flauschiger Akzent hervorragend aufgehoben und passt einfach viel besser in jede Landschaft als auf den Teller. Wildes Getier – ist nicht umsonst in wilden Auen und tiefem Gehölz bestens versorgt, wo sich der andere von uns im Übrigen ebenfalls nur höchst selten aufhält. Asiatische Küche – ist nicht umsonst hinter unzähligen schier unüberwindbaren Gebirgszügen und tiefen Strömen hervorragend aufgehoben, wo sich der andere von uns im Grunde so gut wie gar nie aufhält. Und so begreift der andere von uns auch bis heute nicht, weshalb alle seine Freunde ihn für einen so komplizierten Gast halten.

[SCHLUSS]ER (müde und satt): „Ihr wagt es, mich mit diesem minderwertigen Mahl abzuspeisen? Nichts als Fast Food bietet ihr hier, davon aber reichlich, ihr Gourmands!“ – Wir (gehetzt): „Aber wir hatten doch keine Zeit …“

[Reichlich Butter in die Glossensoße rührend ab.]

 Michael Sentef und Christopher Große zählen zur Ursuppe von presstige. Christopher war im Dezember 2004 einer der Gründer des Magazins und wird heute von einigen wohlmeinenden Weggefährten als Uropa des gepflegten Boulevardpöbelns bezeichnet. Michael bereichert seit der zweiten Ausgabe das Heft mit seinen gedankenschweren Texten und hat sich seither als presstige-Urglossist keine große Anhängerschaft aufgebaut. Um dies zu ändern und weil er Michaels Glossen stets zu angepasst, konformistisch und abgeschmackt fand, entschied sich Christopher, die Glossen fortan mit Michael gemeinsam zu verfassen. Obwohl deren Entstehung stets in handfeste Streitereien ausartet, steuern die beiden presstige-Herausgeber seit mittlerweile 13 Ausgaben nachdenkliche, tiefsinnige, bisweilen wachrüttelnde, aber stets höchst belanglose Glossen zum jeweils aktuellen Titelthema bei. Sowohl Michael als auch Christopher haben noch nie Fanpost erhalten.