Elitestudiengänge – die „Auserwählten“?

Elite. Das klingt nach „die Besten der Besten“, nach den „Auserwählten“. Tatsächlich kommt das Wort vom Lateinischen „electus“ und bedeutet „ausgelesen“. Doch sind Elitestudenten wirklich „die Besten“? Und was sagen Elitestudenten der Universität Augsburg dazu?

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Text & Illustration: Isabell Beck

Geht man auf die Homepage der Universität Augsburg, finden sich dort neben normalen Studiengängen wie Lehramt oder Wirtschaftswissenschaften auch acht Elitestudiengänge. Ob Geisteswissenschaftler, Physiker, Wirtschaftswissenschaftler, Informatiker oder gar Wirtschaftsinformatiker – fündig wird man auf jeden Fall.
Die Elitestudiengänge sind Masterstudiengänge. Sie können somit an den Bachelor oder einen vergleichbaren Abschluss angeschlossen werden. Natürlich wird in einem Elitestudiengang kein „gewöhnlicher“ Master abgeschlossen, wie etwa in Geschichte oder Betriebswirtschaftslehre. Nein, der Name muss nach etwas Großartigem klingen.
Daher haben wir in Augsburg Studiengänge wie die Ethik der Textkulturen, Finance and Information Management, Software Engineering, Advanced Materials Science, Global Change Ecology, Top Math oder Aisthesis – Historische Kunst- und Literaturdiskurse zur Auswahl.

Verwirrt?

Aisthesis. Allein dieser Begriff sorgt schon für leichte Verwirrung und Abstand. Auch der Nachsatz „Historische Kunst- und Literaturdiskurse“ hilft nicht viel. Nahe liegt die Frage: „Bin ich überhaupt klug genug für einen Studiengang, dessen Namen ich nicht mal verstehe?“ „Aisthesis“ kommt aus dem Griechischen und steht für die Wahrnehmung, jedoch nicht im rein psychologischen Sinne. Die Begriffe „historisch“, „Kunst“ und „Literatur“ deuten auf den zugehörigen geschichtlichen Aspekt hin. Studenten können hier also das Studienobjekt „Wahrnehmung“ interdisziplinär aus Sicht verschiedener Wissenschaftsbereiche betrachten und diskutieren. Meist geht es somit um das Sich-mit-einer-Sache-intensiv-Auseinandersetzen und den Diskurs mit Gleichgesinnten.

Mutig sein und Herausforderungen annehmen

Studenten des Elitestudiengangs Ethik der Textkulturen teilen diese Erfahrung. Sie beschäftigen sich mit ethischen Fragestellungen des öffentlichen Lebens, um gesellschaftliche Veränderungen bewirken und Verantwortung übernehmen zu können. „Ich habe mich anfangs kaum getraut, mich in den Kursen zu melden“, meint eine Studentin. „Doch du wirst geradezu dazu herausgefordert, dich an den Diskussionen zu beteiligen.“ Inzwischen sei sie mutiger geworden und um einiges selbstsicherer.
Gerade an der Selbstsicherheit scheint es den Bewerbern zunächst zu mangeln. „Die meisten werden von Dozenten angestupst“, erzählt ein Student, der Ethik der Textkulturen als Nebenfach studiert. „Man kann sich natürlich auch von sich aus bewerben, doch die wenigsten machen das.“
Warum ist das so? Der Begriff „Elite“ scheint sich mit einer bestimmten Vorstellung in den Köpfen der Menschen festgesetzt zu haben. Zu den „Besten“ zu gehören, scheint unerreichbar oder äußerst schwierig. Der Gründer der Elitestudiengänge, das Elitenetzwerk Bayern, wirbt damit, „besonders begabten, leistungswilligen und begeisterungsfähigen Studentinnen und Studenten außergewöhnlich attraktive Studienprogramme bieten“ zu können. Eine Aussage, die anspornen, aber auch abschrecken kann.

Begeisterung trifft Leistung

Hinzu kommt, dass jeder Bewerber ein Gespräch mit dem verantwortlichen Dozenten des jeweiligen Studiengangs führen muss. Doch wird dabei das Augenmerk wirklich auf die Leistung gelegt? Es scheint, dass vielmehr die Wissbegierde des angehenden Studenten und die Begeisterung für das angestrebte Fach von Bedeutung sind.
Das „Aussuchen“ der „Elite“ muss also nicht als abschreckend empfunden werden, denn im Grunde sind Elitestudiengänge Alternativen für jeden, der auf der Suche nach etwas Besonderem ist. Etwas, das ein wenig aus der Reihe tanzt, wie man selbst vielleicht manchmal, und das einem in diesem Anderssein unterstützt und – auf der Suche nach wissenschaftlichem Nachwuchs – genauso dankbar für Unterstützung ist.

Sei Elite, habe Vorteile

Wer beispielsweise etwas gegen die globale Klimaveränderung unternehmen und die Umweltproblematik des 21. Jahrhunderts ins Auge fassen möchte, kann sich mit anderen Biologen, Geografen, Meteorologen und weiteren Naturwissenschaftlern im Studiengang Global Change Ecology zusammenfinden.
Dass es dabei jedoch nicht „elitär“ zugeht, berichten die Studenten von Ethik der Textkulturen: „Der formale Unterschied zu anderen Masterstudiengängen ist nur, dass wir viel freier und selbstbestimmter im Gestalten unseres Studiums sind. Natürlich werden wir auch auf die eine oder andere Art vom Elitenetzwerk Bayern unterstützt. Zum Beispiel bei Seminarwochenenden, bei denen das Netzwerk Unterkunft und Verpflegung finanziert.“ Außerdem gebe es spezielle auf die Interessen der Studenten zugeschnittene Angebote und Möglichkeiten. So fänden bei Ethik der Textkulturen zu Anfang und Ende eines Semesters Sitzungen statt, in denen unter anderem auch Themenwünsche für das kommende Semester, dessen Kurse, Seminare und Forschungsinhalte ausgesprochen werden können.
Ähnliches ist bei Aisthesis – Historische Kunst- und Literaturdiskurse der Fall. Das Dozenten-Team lädt in jedem Semester einen Gastdozenten ein. Häufig handelt es sich dabei um bekannte Wissenschaftler, denen Studenten eines „normalen“ Studiengangs im Laufe ihres Studiums eher nicht begegnen.
Neben diesen Möglichkeiten profitieren Studenten des Elitestudiengangs Top Math zusätzlich von einer um zwei bis drei Jahre verkürzten Studienzeit. Steigt ein Mathematik-Student schon im fünften Semester in den Elitestudiengang ein, kann er sich schon früh auf ein Forschungsthema spezialisieren und bereits nach zwölf Semestern eine Promotion anstreben.

Haben Elitestudenten somit überhaupt Nachteile? „Ja, man wird immerzu auf den „Elite“-Begriff angesprochen“, schmunzelt die inzwischen mutige Studentin der Ethik der Textilkulturen. Elitestudiengänge laden dazu ein, sich intensiv mit den eigenen Interessen zu befassen. Sie fördern die Studenten auf vielfältige Art und helfen ihnen, Gleichgesinnte zu finden. Elitestudenten sollen für alle Sichtweisen offen sein und so neue Wege finden, die (eigene) Zukunft zu gestalten.

Was meint ihr? Kann es nicht spannend sein, zu den „Auserwählten“ zu gehören und sich mit außergewöhnlichen Themen zu beschäftigen? Sollen wir dem „Elitären“ wirklich seine abschreckende Wirkung lassen oder ihm eine neue, zukunftsweisende Bedeutung geben?