Wie Helden lernen

Wer die Welt retten will, braucht die richtige Ausbildung. Aber was ist Bildung überhaupt? Und wie sieht ein Bildungssystem für Helden aus?

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Text: Christian Endt, Illustration: Marina Schröppel

Bildung, die über das Lernen von Lesen, Schreiben und Rechnen hinausgeht, war jahrtausendelang absoluter Luxus. Inzwischen ist sie die Grundlage von allem. Jede Partei und jeder Kandidat, die irgendwo eine Wahl gewinnen wollen, schreiben sich dieses Thema daher mit einem dicken Filzstift auf die Fahne. Nur meint jeder mit Bildung etwas anderes. Vor allem hat jeder eine andere Vorstellung davon, wie ein gutes Bildungssystem aussieht.

Wie alles unterliegen auch die Ansichten zu Bildung gesellschaftlichen Trends. Eine Generation vor den Helden dominierte an den Unis noch der klassische Langzeitstudent, für den das Hochschulstudium mehr mit Persönlichkeitsentwicklung als mit Credit Points zu tun hatte. Ermöglicht wurde dies durch ein Studiensystem, bei dem man erst ganz am Ende von mindestens zehn Semestern wirklich Leistung bringen musste.

In den Nullerjahren kam der ganz große Sinneswandel. Angetrieben von hoher Arbeitslosigkeit und aus Angst vor starken Chinesen, wurde das deutsche Bildungswesen in wenigen Jahren von Pferdekutsche auf Jumbojet umgestellt. Durch die Kombination von Schulzeitverkürzung, Wehrpflicht-Aussetzung und Bologna-Reform kann ein schlüsselfertiger Akademiker heute bis zu fünf Jahre schneller hergestellt werden als noch zur Jahrtausendwende.

Diese Entwicklung resultiert aus einer Denke, die Bildung vor allem als Ausbildung versteht. Die Aufgabe des Bildungssystems ist es demnach, möglichst schnell und effizient qualifizierte Arbeitskräfte für die Wirtschaft bereitzustellen.

Nun ist eine starke Wirtschaft ja prinzipiell erstrebenswert und ein paar Anstrengungen wert. Trotzdem kann dieser Weg nicht funktionieren. Den Grund nennt Ken Robinson in seinem berühmten TED-Talk „How schools kill creativity“. Demnach ist unser heutiges Bildungswesen wesentlich während der Industrialisierung geprägt worden. Seither hat sich die Arbeitswelt grundlegend geändert – das Schulsystem leider nicht. Heutzutage geht es nicht mehr um standardisierte Fließbandproduktion; es zählen Kreativität und Problemlösekompetenz. Genau diese Dinge bleiben durch die Bildungsbeschleunigung auf der Strecke.

Kolumne: Generation der Helden

Wir sind schlau, wir sind trinkfest und wir sehen gut aus. Mit dem Elan der Jugend, den Möglichkeiten des Internets und einem Bier vom Kiosk werden wir die Welt retten. Diese Kolumne ist nur der Trailer. Christian Endt schreibt sie meistens dienstags und immer im Wechsel mit „Student sein“ von Rebecca Naunheimer. Beide Kolumnen werden von Marina Schröppel illustriert. Alle Folgen von „Generation der Helden“ zum Nachlesen

Inzwischen sind Anzeichen einer Trendwende sichtbar. Es setzt sich die Einsicht durch, dass Bildung mehr ist als die Anhäufung von Wissen; dass Lernen nicht zwingend im Sitzen stattfinden muss; dass möglicherweise nicht jeder einen Hochschulabschluss braucht.

Vielen Bachelor-Studenten nehmen sich mehr Zeit als die vorgesehenen sechs Semester, gehen ins Ausland, machen Praktika, engagieren sich in Projekten, gründen Unternehmen.

Es entsteht eine Bewegung von „Education hackers“, die nicht an Abschlüsse glauben. Sie entscheiden selbst, was sie lernen möchten. Sie lesen Bücher, belegen Online-Kurse und reisen durch die Welt. Ein bekannter deutscher Education hacker ist Ben Paul, der darüber intensiv bloggt. Die vielen Smileys, Ausrufezeichen und kursivierten Angliszismen machen Bens Texte anstrengend zu lesen, aber er vertritt eine interessante Grundeinstellung: Kümmer dich nicht darum, was man von dir erwartet, finde heraus, was dein Ding ist und gehe deinen eigenen Weg.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Ken Robinson ebenfalls anspricht: Wir lernen durch Fehler. An unseren Schulen werden Fehler jedoch sanktioniert, sei es durch sozialen Druck, durch Lehrertadel oder durch Noten. In diesem System ist der am erfolgreichsten, der auf Fehlervermeidung setzt. So kann keine Innovation entstehen.

In Amerika hat Homeschooling eine längere Tradition; häufig sind es erzkonservative, strengreligiöse Eltern, die ihre Kinder vor allem vom naturwissenschaftlichen Unterricht fernhalten wollen. Es gibt aber auch sympathischere Beispiele wie das des 13-jährigen Logan Laplante, der mindestens einen Tag pro Woche in der Natur verbringt und sehr eloquente Vorträge über die Vorzüge von Homeschooling halten kann.

Das sind radikale Ansätze, die sicher keine allgemeine Lösung des Problems darstellen. Aber sie zeigen auf, dass es auch anders geht. Dass nichts so bleiben muss, wie es ist, nur weil man es seit 200 Jahren so macht. Das Internet hat schon viele Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche umgekrempelt. Die Generation der Helden wird dafür sorgen, dass davon auch das Bildungssystem nicht verschont bleibt.